»Wir sind alle eine glückliche Familie«
Die Bildung einer globalen Corporate Identity in den Anfängen der IBM World Trade News
In der Mitte des 20. Jahrhunderts standen viele international expandierende Unternehmen vor der Herausforderung, ihre wachsende und geografisch weit verstreute Belegschaft organisatorisch und kulturell zu integrieren. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg zielte die interne Kommunikation darauf ab, Loyalität und Zugehörigkeit innerhalb eines transnational agierenden Konzerns zu fördern. Eine häufig verwendete Metapher war dabei die Vorstellung des Unternehmens als Familie. Sie versprach soziale Zugehörigkeit, gemeinsame Werte und implizierte eine paternalistische Bindung zwischen der Betriebsführung, den Beschäftigten, aber auch der ebenfalls international wachsenden Kundschaft.
Insbesondere der frühe Technologiekonzern, die International Business Machines Corporation (IBM), präsentierte sich gleichermaßen als technologische Vorreiterin und als über die Arbeit hinausgehende Gemeinschaft mit gemeinsamen moralischen Grundsätzen. Corporate Publishing in Form interner Kommunikationsmedien wie Werkszeitungen oder Mitarbeitermagazine sollte diese Identität nach innen sichtbar machen und die Integration der internationalen Niederlassungen der IBM unterstützen.
Source profile
- Quelle
- IBM Corporation: IBM World Trade News
- Bibliothek
- Württembergische Landesbibliothek Stuttgart
Der folgende Beitrag untersucht anhand der Mitarbeiterzeitschrift IBM World Trade News, wie die IBM in den frühen 1950er Jahren ein an die Angestellten gerichtetes Selbstbild konstruierte. Dabei konzentriere ich mich vor allem auf den Zeitraum von der Gründung der IBM World Trade Corporation im Jahr 1949 bis zum Anfang der 1950er Jahre. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, welche Funktion die Familienrhetorik innerhalb der Unternehmenskommunikation erfüllte und inwiefern sie Gleichheit innerhalb der globalen Belegschaft versprach oder bestehende Ungleichheiten überdeckte. Im Kontext des Wandels hin zur digitalen Computertechnologie und der internationalen Verbreitung eines US-amerikanisch geprägten Wertekanons wird dabei die kultur- und moralpolitische Dimension dieser Kommunikation sichtbar.
Die IBM wurde 1911 als Computing-Tabulating-Recording Company (C-T-R) in New York gegründet und stand von 1914 bis 1955 unter der Leitung von Thomas J. Watson Senior. Dieser etablierte einen Ansatz, nach dem gemeinsame Grundsätze das gesamte Handeln der Organisation beeinflussen sollten. Insbesondere mit dem Übergang von elektromechanischen Lochkartensystemen hin zu elektronischer Datenverarbeitung gewann diese Form der internen Kommunikation zusätzlich an Bedeutung, da sie neben der organisatorischen Integration auch die Vermittlung neuen technologischen Wissens unterstützte. Die IBM galt unter Watson Sr. sowie später unter seinem Sohn Thomas J. Watson Jr. lange als das Beispiel eines US-amerikanischen Unternehmens, das seine Marktrolle als Innovator neuer Technologien mit spezifischen Werten von gesellschaftlicher Verantwortung bis hin zu einer starken Firmenloyalität verband.1
Die Unternehmenskultur der IBM beruhte Mitte des 20. Jahrhunderts auf den drei Grundprinzipien »Respekt vor dem Einzelnen«, Exzellenz in der Arbeit und Dienst am Kunden. Diese Leitbilder galten als zentrale Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg.2 Durch innerbetriebliche Weiterbildungen, Schulungen und eine gezielte Personalentwicklung entstand zunächst ein überwiegend männlicher Mitarbeiterkreis, der sich an diese gemeinsamen Werte gebunden fühlte. Gleichzeitig war die Unternehmenskultur eng mit dem sogenannten Grand Bargain verbunden, bei dem Beschäftigte hohe Flexibilität, Mobilität und Arbeitsbelastung akzeptierten, im Gegenzug jedoch Beschäftigungssicherheit und weitere soziale Absicherungen erhielten.3 Das Modell trug maßgeblich dazu bei, eine loyale und identitätsgebundene Belegschaft zu schaffen, die mit der verstärkten globalen Expansion nach 1945 anwuchs.4
Bis in die 1950er Jahre dominierte IBM den internationalen Markt für Datenverarbeitungssysteme. Während das Unternehmen ursprünglich elektromechanische Lochkartensysteme produziert hatte, entwickelte es sich in der Nachkriegszeit zu einem zentralen Anbieter früher digitaler Computertechnologien und expandierte in dieser Phase vor allem in Westeuropa, Japan und Lateinamerika. Diese Transformation markierte nicht nur einen technologischen Wandel, sondern ebenfalls eine Veränderung der globalen Wissensordnung, da der Zugang zu Computern und technischem Know-how zunehmend über wirtschaftliche und institutionelle Zugehörigkeit geregelt wurde.5
Ein wichtiges Instrument zur Integration der globalen Belegschaft stellte die Mitarbeiterzeitschrift IBM World Trade News (teilweise auch als IBM World Trade Corporation News bezeichnet) dar, die 1949 im Zuge der Gründung der Tochtergesellschaft IBM World Trade Corporation eingeführt wurde.6 Ihr Ziel ging dabei über eine klassische Unternehmenskommunikation hinaus und sollte explizit »internationale Verständigung« fördern. Die mehrsprachig herausgegebene Zeitschrift erschien in monatlicher Regelmäßigkeit in Papierform für die internationale Belegschaft.7 Im deutschsprachigen Raum wurde zusätzlich Der IBM Stromkreis publiziert, um »innere Bindungen zwischen unserer IBM und allen ihren Mitarbeitern herzustellen«.8
Neben technischen Entwicklungen berichteten die Zeitschriften über Beförderungen, Jubiläen und private Ereignisse wie Eheschließungen oder Geburten und stellten so eine Verbindung zwischen Arbeits- und Lebenswelt her. Sie transportierten zudem das Bild einer fortschrittlichen, transnationalen Gemeinschaft, einer Familie, die kulturelle Unterschiede überwand und eine einheitliche Wertbasis verkörperte. Diese Darstellung blieb jedoch selektiv und vermittelte vor allem die Perspektive einer weißen und männlichen Unternehmenselite.
Die deutschen Ausgaben informierten zudem über die wichtigsten Ereignisse innerhalb der IBM Deutschland und sollten »jedem einzelnen Mitarbeiter Gelegenheit geben, sich darin über Probleme zu äußern, die ihnen am Herzen liegen«.9 Das oberste Ziel dieser belegschaftsnahen Berichts- und Informationserstattung war die Schaffung einer harmonischen Zusammenarbeit und die »Pflege eines uns alle durchdringenden IBM-Geistes […]«.10 In vielen Ausgaben wurde diese Vorstellung einer einheitlichen Unternehmensgemeinschaft wiederholt hervorgehoben. Watson betonte, dass Mitarbeitende weltweit »die gleiche friedliche Atmosphäre« teilen würden.11 Diese Erzählung suggerierte Gleichheit innerhalb der Organisation und knüpfte an die Idee an, dass technologische Entwicklung zu einer Angleichung sozialer Unterschiede beitragen könne.
Gleichzeitig war diese Familienrhetorik Teil eines paternalistischen Unternehmensverständnisses. Die US-amerikanische Unternehmensführung definierte die Werte und erwartete im Gegenzug Loyalität und Leistungsbereitschaft. Wie auch die Historikerin Corinna Schlombs in ihren Arbeiten zur IBM-Unternehmenskultur analysiert, reproduzierte diese Struktur bestehende Geschlechter- und Machtverhältnisse innerhalb der Organisation.12
Die Inszenierung einer globalen Unternehmensgemeinschaft überdeckte zudem strukturelle Ungleichheiten. So zeigt die internationale Produktionsorganisation der IBM, dass verschiedene Länder unterschiedliche Rollen im Produktionsprozess zugewiesen bekamen, wodurch auch jenseits einer klassischen Amerikanisierung wirtschaftliche Abhängigkeiten entstanden. Gleichzeitig wurde diese Arbeitsteilung in der Unternehmenskommunikation jedoch als Beitrag zu internationaler Kooperation und »Weltfrieden durch Welthandel« dargestellt.13 Interne Klassendifferenzen, Unterschiede zwischen organisatorischem Zentrum und den Peripherien oder der entstehende Diskurs über die Expansion der IBM in sogenannte Entwicklungsländer blieben zugunsten der Charakterisierung der IBM-Familie als globale, fortschrittliche Gemeinschaft Gleichgesinnter unerwähnt.
Diese Dynamiken lassen sich als frühe Form digitaler Ungleichheit verstehen. Digitale Ungleichheit entsteht, neben zum Beispiel dem ungleichen Zugang zu Technologie, ebenfalls durch soziale, wirtschaftliche und kulturelle Faktoren wie Bildung, Einkommen oder nationale Kontexte.14 Unternehmen wie IBM spielten dabei eine zentrale Rolle, da sie nicht nur Technologien entwickelten, sondern auch kulturelle Vorstellungen über deren Nutzung und Bedeutung verbreiteten. Die IBM WTC News richtete ihren Fokus daher häufig auf die Vermittlung der Grundwerte des Unternehmens und stellte wiederholt die Völkerverständigung in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen sowie die universalistisch-humanistische Ausrichtung der neuen technologischen Elite, darunter die sogenannte IBM-Familie, in den Vordergrund. Watson Sr. betonte so in einer abgedruckten Rede über Richtlinien und Ziele der IBM im Juli 1950, dass »wohin Sie auch gehen mögen, wenn Sie auf Angehörige dieser Familie treffen, sind es die gleichen Menschen, vom gleichen Geist beseelt […]. Seit dem Bestehen der IBM waren wir stets eine große Familie.«15
Für den deutschsprachigen Raum kann dieser Rhetorik eine zusätzliche Funktion zugeschrieben werden. Die IBM kehrte nach 1945, bis zu ihrer Umbenennung in Internationale Büro-Maschinen Gesellschaft mbH im Mai 1949 vertreten durch ihre Tochtergesellschaft Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft mbH (DEHOMAG), in ein Land im politischen, wirtschaftlichen und moralischen Umbruch zurück. Der Wiederaufbau der deutschen Niederlassung fiel in eine Zeit, in der neue Organisationskulturen, soziale Bindungen und Leistungsnormen gesucht wurden.
Die Quelle zeigt somit, dass das Narrativ der IBM-Familie zum einen der Integration der Belegschaft diente, aber auch Teil einer Kommunikationsstrategie war, die technologischen Fortschritt, wirtschaftliche Expansion und kulturelle Deutungshoheit miteinander verband. Die Definition der gemeinsamen Werte und ihre Verbreitung in den lokalen Niederlassungen lag dabei beim US-amerikanischen Mutterunternehmen. Das in den Zeitschriften vermittelte Bild einer potenziell gleichwertigen Belegschaft täuscht jedoch kaum darüber hinweg, dass die IBM-Gemeinschaft in den ersten Jahren vor allem aus einer männlichen und weiß kodierten Unternehmerelite bestand.
Die IBM World Trade News konstruierten das Unternehmensnarrativ der IBM für einen wachsenden, kulturell heterogenen Mitarbeiterkreis ganz nach dem Motto »Wir sind alle eine glückliche Familie«16 maßgeblich mit. Als Quelle zur Geschichte der Digitalisierung verdeutlichen die Magazine, wie stark frühe (Computer-)Unternehmen nicht nur technisch-wirtschaftlich, sondern auch kulturell und moralisch operierten.
Footnotes
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1
Vgl. James W. Cortada, IBM: The Rise and Fall and Reinvention of a Global Icon, Cambridge MA 2019, S. 286.
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2
Vgl. Thomas J. Watson Jr., A Business and its Beliefs: The Ideas that Helped Build IBM, New York u.a. 1963.
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3
Vgl. Cortada, IBM: The Rise and Fall, S. 289.
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4
Vgl. IBM-Website, »A Business and its Beliefs«, https://www.ibm.com/history/business-beliefs.
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5
Vgl. u.a. Petri Paju/Thomas Haigh, IBM Rebuilds Europe: The Curious Case of the Transnational Typewriter, in: Enterprise & Society 17 (2016), H. 2, S. 265-300.
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6
Vgl. IBM-Website, »International Scope of IBM«, https://www.ibm.com/history/international-scope.
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7
Vgl. Paju/Haigh, IBM Rebuilds Europe, S. 290.
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8
»Dem ›IBM-Stromkreis‹ zum Geleit«, in: Der IBM Stromkreis. Hausmitteilungen der IBM Deutschland 4 (1952), Nr. 1, S. 1.
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9
Ebd.
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10
Ebd.
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11
»Herr Watsons Rede begeistert alle Teilnehmer der Londoner 100% Club Tagung«, in: IBM World Trade News 2 (1950), H. 7, S. 14.
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12
Vgl. Corinna Schlombs, The »IBM Family«: American Welfare Capitalism, Labor and Gender in Postwar Germany, in: IEEE Annals of the History of Computing 39 (2017), H. 4, S. 12-26; dies., Gender Is a Corporate Tool, in: Thomas S. Mullaney u.a. (Hg.), Your Computer Is On Fire, Cambridge, MA 2021, S. 159-178.
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13
Paju/Haigh, IBM Rebuilds Europe, S. 294-296.
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14
Teemu Rantanen/Timo Toikko, The Effects of Individual and Cultural Factors on Digital Inclusion in European Countries, in: International Journal of Sociology and Social Policy 44 (2024), H. 13/14, S. 146-162, hier S. 148, https://doi.org/10.1108/IJSSP-04-2024-0159.
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15
»Herr Watson spricht über Richtlinien und Ziele der IBM«, in: IBM World Trade News 2 (1950), H. 7, S. 2.
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16
»Die Redner rühmen die im Jahre 1950 von der IBM Organisation in Brasilien errungenen Erfolge«, in: IBM World Trade News 3 (1951) H. 1, S. 8.