Von Menschen und Maschinen – eine Einleitung
Die Digitalisierung ist eine der zentralen Epochen-Signaturen des 21. Jahrhunderts – sie zählt ohne Frage zu den hervorstechenden Kennzeichen unserer Gegenwart. Diese digitale Gegenwart hat allerdings eine lange, noch immer wenig beleuchtete Vorgeschichte. So sind Computer bereits seit den 1950er Jahren zu einem globalen Phänomen mit weitreichenden sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Auswirkungen geworden. Von Beginn an sahen Menschen den Computer dabei als eine mächtige Maschine an, die eine gesellschaftsverändernde, revolutionäre Kraft entfalten könnte, wobei Euphorie und Ängste gegenüber der neuen Technik stets eng beieinander lagen.1 In den vergangenen Jahren sind die Veränderungen im anbrechenden Computer-Zeitalter zusehends in den Fokus der historischen Forschung gerückt, auch und gerade hinsichtlich des Zusammenspiels von digitalem und sozialem Wandel.
Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts erscheinen die Veränderungen durch die neuen digitalen Technologien inzwischen als der Aufstieg einer »digitalen Gesellschaft«.2 Ihren Gründungsmythen zufolge basiert diese Gesellschaft auf einer emanzipatorischen Nutzung der Technologie, einem universellen Zugang und neuen Formen der Interaktivität. Diese »kalifornische Ideologie« ist bis heute wirkmächtig.3 Entgegen aller utopischen Träume, die mit der »Computer-Revolution« verbunden sind, hat sie allerdings auch rasch ihre eigenen Hierarchien entwickelt, neue digitale Mauern errichtet und neue digitale Gräben geschaffen.4
Die Forschung hat sich bislang in erster Linie der Geschichte der Computerisierung der Lebens- und Arbeitswelten in den industrialisierten Zentren gewidmet, die wir heute als Globalen Norden bezeichnen. Bis heute wirkmächtige Meistererzählungen drehen sich dabei nicht selten um geniale Erfinder und weitsichtige Unternehmer in Europa und den USA, wie Steve Jobs, Bill Gates oder Konrad Zuse. Doch verdecken gerade diese revolutionären Fortschritts- und Erfolgsgeschichten, insbesondere aus dem Silicon Valley, die Bedeutung der Menschen hinter dem opaken Prozess des digitalen Wandels.
Schauen wir über den Tellerrand der Silicon Valley-Geschichten hinaus, erblicken wir zahlreiche marginalisierte Akteurinnen und Akteure: Dazu zählen die »Geisterarbeiter«, die heute künstliche Intelligenz trainieren und Social Media-Inhalte moderieren, die Minenarbeiter, die mit dem Abbau seltener Erden die materielle Grundlage für die Produktion digitaler Hardware schaffen, die Clickworker und Lagerarbeiter im Bereich der Logistik oder auch die Angestellten, die IT-Dienstleistungen in Callcentern und Backoffices erbringen. Sie begegnen uns rund um den Globus – und insbesondere im Globalen Süden.5 Viele arbeiten in der Cloud, einer digitalen Fabrik, deren wolkige Fassade uns vergessen lässt, dass nach wie vor viele physische, manuelle Arbeiten hinter dem Prozess stehen, den wir »Digitalisierung« nennen.6 Eine Digitalgeschichte, die diese Schattenseiten ausleuchtet, kann zur gesellschaftlichen Reflexion aktueller Problemlagen beitragen.
Die Verbreitung digitaler Technologien hat zur grenzüberschreitenden »Wanderung von Menschen, Zirkulation von Waren [und] Mobilität von Ideen« im 20. Jahrhundert beigetragen.7 Neuere Forschungen, in denen die Geschichte des Computers in längeren historischen Entwicklungslinien analysiert wird, erlauben es zugleich, die Dynamiken des Wandels, Kontinuitäten und Brüche zu bestimmen, die in globalen Kontexten, wie dem Kalten Krieg oder den politischen Umbrüchen nach 1990, ebenso wie in lokalen Bedeutungszusammenhängen erkennbar werden. Die Beiträge zeigen so das komplexe Wechselverhältnis von globalen Trends und lokalen, aber auch nationalen Entwicklungsdynamiken.8
Trotz anhaltend populärer Zäsur-Behauptungen waren die Veränderungen des digitalen Zeitalters, wie neue Arbeiten zeigen, in der longue durée eher evolutionär und graduell. So zeichnete sich die Digitalisierung durch verschiedene dynamische, wellenartige Schübe aus: um die Mitte der 1950er Jahre, dank der Emergenz ziviler Großrechner; gegen Ende der 1970er Jahre, die im Zeichen von Mikrochips und PCs standen; zu Beginn der 1990er Jahre, angesichts der Verbreitung des World Wide Web; oder in den Nuller-Jahren, als sich smarte mobile Geräte durchzusetzen und die »sozialen Medien« das Netz zu erobern begannen. In den vergangenen Jahren, die bereits als »KI-Ära« gelten, brach eine neuerliche Phase beschleunigten Wandels an.9
Die Beiträge des Quellenkompendiums zeigen exemplarisch, wie digitale (Computer-)Technologien das Arbeits-, aber auch das private Alltagsleben rund um den Globus veränderten. Zugleich thematisieren sie, wie sozialstrukturelle Marker und Kapitalien – soziales Milieu, Bildung, ökonomische Ressourcen, Wohnort, Geschlecht, Alter – den Zugang zu und die Nutzung von digitalen Technologien bestimmten und wie diese Merkmale auf die Ausgestaltung digitaler Technologien zurückwirkten. Damit wird untersucht, wo und warum der digitale Wandel als Strukturverstärker bestehender sozialer Ungleichheiten und politischer Hierarchien wirkte und wann neue Ungleichheiten hinzukamen.
Computer initiierten Veränderungen; ihr Einsatz war aber auch Ausdruck spezifischer Problemlagen, die historisch zu verorten sind. Daher wird auch und gerade nach den machtvollen Dynamiken der Teilhabe und den Ausschlüssen aus der neuen »digitalen Gesellschaft« gefragt.10 Ein multidimensionaler Zugang zum Verständnis »digitaler Ungleichheiten«11 muss neben dem Zugang zur Technik auch das unterschiedliche Know-how und die divergierenden Nutzungsmuster sowie die abweichenden Wirkungen der Technik erörtern, eingedenk nationaler, gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbedingungen.12
Zu einer solchen Perspektive digitaler Ungleichheiten gehört die Untersuchung von Ambivalenzen und Ungleichzeitigkeiten des digitalen Wandels, die gerade im globalen Bezugsrahmen deutlich werden. So binden sich an den gegenwärtigen Siegeszug der Tech-Imperien – in größerem Maßstab gesehen – neue Formen eines digitalen Kolonialismus. Doch auch wenn wir zur Mikroebene heranzoomen, können wir Praktiken von Ein- und Ausschlüssen beobachten. Die Ausbildung digitaler Communities im World Wide Web13 etwa brachte zugleich neue »Geographien des Ausschlusses« im virtuellen Raum.14 Schon deshalb bieten – neben Top-Down-Geschichten der Planung – gerade gesellschaftsgeschichtliche Perspektiven und ganz besonders »Geschichten von unten«, die sich den Menschen widmen, die an den »digitalen Rändern« leben,15 ein enormes Forschungspotenzial, etwa bezüglich der kreativen Nutzung digitaler Technologien, aber auch der Formen des Widerstands gegen den Prozess des digitalen Wandels.
Schließlich sind Geschichten digitaler Ungleichheiten – über die skizzierten Dynamiken sozialer Hierarchisierung hinaus – stets auch politische Geschichten in dem Sinne, dass sie das Verhältnis von Staaten und Bürgern thematisieren, denn die digitale Vermessung und Verwaltung der Bevölkerung prägte das digitale Zeitalter ebenso wie die zunehmende Teilhabe der Bürger:innen an historischen Entwicklungen. Im Anschluss an Frank Bösch spräche manches dafür, die Zeitgeschichte auch als »Zeitalter der Mitpostenden und digital Erfassten«16 zu bezeichnen. Allerdings war der Staat, der durch den Einsatz digitaler Technologien sowohl Prozesse sozialen Wandels anschob als auch zur Überwachung, Kontrolle oder gar Repression beitragen konnte, nie neutral.17 So verschleiern ungebrochen optimistische Narrative einer »digitalen Moderne« die Persistenz algorithmischer Voreingenommenheiten, hinter denen sich – in Behörden wie auch in Digitalkonzernen – stets konkrete Menschen und ihre Vorstellungswelten verbergen.18
Die gesellschaftlichen Veränderungen im Gefolge der Computer seit den 1950er Jahren bilden, wie die Beiträge dieser Quellensammlung zeigen sollen, eine Epochenschwelle, die auch biografisch wirksam wurde. Trotz dieser überragenden Alltagsrelevanz spielt das Thema Digitalisierung in der historisch-politischen Bildungsarbeit, aber auch in den meisten schulischen Curricula bislang nur eine überraschend marginale Rolle. Die einzelnen Schlaglichter dieser Sammlung mögen daher auch einen Beitrag zur Verankerung der Digitalgeschichte in schulischen wie universitären Kontexten leisten. Die Autor:innen setzen sich zum Ziel, aktuellen Entwicklungen historische Tiefenschärfe zu verleihen, um Pfadabhängigkeiten und Kontingenzen, akteursgeleitete Interessen, aber auch wechselnde Dynamiken von Diskursen, Praktiken und Ökonomien sichtbar zu machen – und so eine »Problemgeschichte der Gegenwart«19 zu schreiben.
Über dieses Buch
Mit den Beiträgen in dieser Quellensammlung sollen empirisch, aber auch methodisch und konzeptionell neue Wege der Digitalgeschichte beschritten werden. Wir verstehen diese Publikation demnach als ein Schaufenster, in dem wir ausstellen möchten, wie neue Formate des digitalen Publizierens aus dem geschichtswissenschaftlichen Forschungsprozess heraus entwickelt werden können. Folgende Fragen haben uns dabei geleitet: Wie lässt sich das digitale Publizieren, zumal unter Einsatz digitaler Methoden, weiterentwickeln? Wie können neue narrative und multimediale Formate gestaltet werden, die digital verfügbare (audiovisuelle) Quellen und Forschungsdaten systematisch einbeziehen? Wie lässt sich Forschung noch stärker als transparenter Prozess abbilden, der, gerade im Bemühen um demokratische Resilienz, zur Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit von Wissenschaft im Sinne einer Open Science beiträgt? Und wie können Autor:innen und Entwickler:innen gewinnbringend zusammenarbeiten, angesichts neuer digitalethischer Fragen und unter Berücksichtigung von Prinzipien der Nachhaltigkeit?
Mit der Digitalisierung sind in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur völlig neue Quellentypen entstanden, mit denen die Geschichte des digitalen Zeitalters erzählt werden kann, sondern es eröffnen sich zugleich neue Möglichkeiten, diese Quellen digital zu präsentieren. In enger und sehr konstruktiver Kooperation mit den IT-Entwickler:innen Arno Schlipf und Frederike Heinitz haben wir daher Publikationsformate aus der Quellenarbeit der Forschenden heraus entwickelt und gemeinsam Best Practices ergründet.20 Wir danken allen beteiligten Kolleg:innen, auch und ganz besonders in den Archiven, die sich auf dieses Experiment eingelassen haben.
Die Adressat:innen dieser Quellensammlung sind zum einen Forschende in der Zeitgeschichte als einer Disziplin, die in ihrer Forschungspraxis zunehmend thematisch reflektiert, dass unsere modernen Gesellschaften immer stärker von digitalen Medien durchdrungen sind. Zum anderen möchten wir eine breitere Öffentlichkeit, besonders Dozierende im Bildungsbereich, aber auch Studierende für das Thema interessieren und so neue Formen der Vermittlung von Digitalgeschichte in der Lehre und politischen Bildung anregen.
Dieses Kompendium ist auf der Diamond Open Access-Plattform des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) erschienen. zdbooks.de soll dazu beitragen, dezentrale Infrastrukturen im Bereich der Zeitgeschichte zu entwickeln, um eine zeitgemäße wissenschaftliche Kommunikationsinfrastruktur aufzubauen, die weder Autor:innen noch Nutzer:innen durch Publikationskosten belasten soll. Wir verstehen dieses Vorhaben damit als Beitrag zur Stärkung der Vielfalt von Scholar Led Publishing-Initiativen innerhalb der Geschichtswissenschaft – im Sinne der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen.21 So eröffnen wissenschaftsgeleitete Publikationsinfrastrukturen neue Möglichkeiten, um die digitale Souveränität im Fach und darüber hinaus zu stärken.22 Publizieren wird dabei als soziales und kollaboratives Unterfangen verstanden mit dem Ziel, geschichtswissenschaftliche Forschung stärker als einen dynamischen und diskursiven Prozess abzubilden.23
Das wissenschaftliche Publizieren hat sich in sozialer, technologischer und institutioneller Hinsicht in den letzten Jahren grundlegend verändert. Allerdings dominieren in der Praxis in der Geschichtswissenschaft weiterhin die Monografie und der prestigeträchtige Fachaufsatz als Ergebnis längerer Forschungsprozesse.24 Hingegen gibt es, im Unterschied zu den Sozialwissenschaften, nur wenig publizierte Zwischenergebnisse, die den Wissensbildungsprozess transparenter machen und Kolleg:innen wie auch eine breitere Öffentlichkeit an der Entstehung von Forschungsergebnissen teilhaben lassen. Interne Diskussionen, Working Papers und andere Formate, »die statt einer geglätteten Fragestellung Stand- und Gesichtspunkte, individuelle Suchbewegungen der Autor:innen offensiv zum Thema machen können«25 und die Offenheit für das Unerwartete bis hin zur »Art of Failure«26 demonstrieren, sind nach wie vor selten. Auch die Darstellung genutzter Quellen und Forschungsdaten ist, abseits einschlägiger Editionen, weithin unüblich. Die gegenwärtige Publikationskultur in der Geschichtswissenschaft ist dafür nicht ausgelegt.27 Neue Formen des wissenschaftlichen Publizierens bedeuten daher auch, einen Kulturwandel in der Geschichtswissenschaft mit anzustoßen.28 Hier setzen wir mit unserem Quellenkompendium an.
Aktuell werden Stimmen lauter,29 die die standardisierte Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in einer Verlagslandschaft mit einigen wenigen Marktführern als Schwinden von »Bibliodiversität« und als Verarmung der gesellschaftlichen Diskussion verstehen – und das in einer Zeit, in der auch bislang marginalisierte Teile der Gesellschaft ihren Anteil an »der Geschichte« einfordern.30 Im Bereich der Wissenschaften wächst die Zahl von Scholar Led Publishing-Initiativen, was sich auch mit der Kritik an monopolistischen Verlagsstrukturen in der Hand einiger weniger global agierender Großverlage erklären lässt.31 Dabei wissen wir aus der Forschung zur »Digital History«, dass »digitale Verfahren [...] oft bestehende Ausschlüsse und Unsichtbarkeit, sei es durch technische Standards, sprachliche Hürden, Bias in Daten und epistemische Vorannahmen in Tools, Metadatenstandards oder Interfaces«, reproduzieren. Daher werden der Zugang zu Infrastrukturen sowie der Umgang mit den Daten »zunehmend als politische, kulturelle und kommerzielle Konfliktlinien erkannt«.32
Insofern möchten wir mit dieser Publikation auch dazu beitragen, digitale Ungleichheiten im Feld des digitalen Publizierens zu verringern. Dabei sollte auch die Frage der ökologischen Verantwortung angesichts der Klimakrise im digitalen Handeln mit bedacht werden.33 Die digitalen Anwendungen dieses Kompendiums wurden daher nach Kriterien wie z.B. dem Energieverbrauch bei dynamischen Anwendungen, aber auch nach Prinzipien der Transparenz und digitalen Autarkie wie bei der Nutzung von KI-Anwendungen bewertet, die nicht aus dem Hause von US-amerikanischen Tech-Firmen stammen. Dabei galt es, innovatives digitales Publizieren in Bezug auf die Usability und visuelle Ästhetik der Beiträge mit dem angestrebten verringerten Ressourcenverbrauch zusammenzubringen.34
Im Anschluss an Andreas Fickers’ These, dass die »digitalen Infrastrukturen, Werkzeuge und ›Quellen‹ heute einen zentralen Einfluss darauf haben, wie wir Geschichte denken, erforschen und erzählen«,35 wird in diesem Kompendium eine große Bandbreite an Quellen zur Geschichte des digitalen Zeitalters vorgestellt wie Archivdokumente, Websites, Bilder, Videos, Rundfunkbeiträge etc. Wir kombinieren dazu qualitative Einsichten mit den Ergebnissen datengestützter Forschungen – und explorieren, wie sich der Blick auf die Geschehnisse verändert, wenn wir zwischen Mikro- und Makroebene zu zoomen beginnen.36 Im Fall der Web History können dabei Verbindungen zwischen Webseiten in Form einer Netzwerkanalyse erschlossen und, wie im Beitrag zu privaten Homepages, mit Hilfe des Open Source-Programms Gephi visualisiert und interpretiert werden:37 Die Entscheidungen hinsichtlich Datenbereinigung, Attribuierung und Modellierung haben indes Auswirkungen auf den Analyseprozess und die Aussagekraft der digitalen Visualisierung. Das Web-Recording einer Wikipedia-Seite zum Thema »Cyber Space« bezeugt überdies die Dynamik und Flüchtigkeit der Webinhalte in den 2000er Jahren.38
Screencasts
Screencasts, also digitale audiovisuelle Zeugnisse von Bildschirmaktivitäten, sind charakteristische neue Formen der Präsentation von Quellen, die mit der Historisierung des digitalen Zeitalters in den Blick zeithistorischer Forschung rücken. Indem sie die Entstehung und Veränderung von Webinhalten in zeitlich verdichteter Folge dokumentieren, machen sie die Dynamiken des digitalen Wandels sichtbar, die in statischen Dokumenten kaum zu fassen sind. So erweitern Screencasts zugleich das Quellenkorpus der Zeitgeschichte.1
Der hier vorgestellte Screencast zeichnet die Geschichte des Wikipedia-Artikels »Cyberspace« nach.2 Er greift eine Methodik auf, die der Medienwissenschaftler Richard Rogers unter dem Begriff der »single-site history« entwickelt hat: Aus den im Internet Archive (https://web.archive.org) gespeicherten Momentaufnahmen einer einzelnen Webseite werden Screenshots erstellt, in einer Bildsequenz zusammengesetzt und zum Beispiel als Zeitraffer-Video, in aller Regel mit einem kommentierenden Voiceover, publiziert. Vorbild für dieses Vorgehen ist der Journalist und »Tech-Evangelist« Jon Udell, der bereits 2005 die Evolution eines Wikipedia-Artikels in einem Screencast dokumentierte und damit vorführte, wie sich die Entstehung von nutzergenerierten Inhalten als historischer Prozess beobachten lässt.3
Dieses Video enthält schnell wechselnde Bilder und kann bei Lichtempfindlichkeit Beschwerden auslösen.
Die Quellengrundlage des Screencasts, die Wayback Machine des Internet Archive, ist dabei ihrerseits von historischem Interesse. Sie wurde in den mittleren 1990er Jahren konzipiert, nicht zuletzt als Antwort auf das »404-Problem« – jenen Fehlercode, der bis heute anzeigt, dass eine Webseite nicht (mehr) erreichbar ist. Mit der Alexa-Toolbar, einer Browser-Erweiterung der späten 1990er Jahre, wurde Nutzer:innen, die auf eine solche Fehlermeldung stießen, durch ein blinkendes Icon signalisiert, ob eine archivierte Version der Seite im Internet Archive existierte. Im Gegenzug wurden die Aktivitäten der Surfenden protokolliert und die von ihnen besuchten Webseiten an das Archiv übermittelt, um die Bestände zu erweitern. Daneben etablierte sich die Funktion der eigenständigen Archivierung durch die Nutzer:innen (»Save Page Now«). Heute übernehmen automatische Web-Crawler den überwiegenden Teil der Sammlung. Inzwischen sind es über 1 Billion Webseiten.
Die Architektur der Wayback Machine zielte von Beginn an auf ein ideales Surferlebnis. Wer im Archiv navigierte, gelangte per Mausklick automatisch von einer Webseite zur zeitlich nächsten verfügbaren Version oder, sofern diese fehlte, zurück ins Live-Web. Die Surfer:innen sprangen so durch die Zeit, ganz wie in einem atemporalen Hyperraum, einem Dokumenten-Universum ohne Verzeichnisse oder Suchmaschinen. Damit ordnete die Wayback Machine die zeitliche Passung der reibungslosen Navigation unter und verlieh dem Ideal des frühen Web Ausdruck. Gerade die Suggestion der Immersion, das Erlebnis eines nahtlosen Durchwanderns vergangener Webwelten, die Rogers treffend als »living museum of a surfer’s space« denn als »historian’s meticulous archive« beschrieben hat,4 ist auch für den Screencast konstitutiv. Sie ist allerdings zugleich quellenkritisch zu reflektieren: Denn, was als immersive Erfahrung daherkommt, beruht stets auf technischen Entscheidungen über Erfassungsintervalle, Selektion und Aufbewahrung, die den historischen Quellenbestand prägen, noch bevor die historische Analyse beginnen kann.
Der »Cyberspace«-Artikel eignet sich für dieses Verfahren, weil seine Versionsgeschichte in paradigmatischer Weise die Geschichte des Webs als eines dynamischen Interaktionsraums nachzeichnet. In der kollaborativen Redaktionsgeschichte eines einzelnen Lemmas verdichten sich Aushandlungsprozesse über Begrifflichkeiten und die Verschiebungen semantischer Rahmungen ebenso wie Konflikte um Autorität, Zugang und Ressourcen. Der Screencast macht diese Dynamik erfahrbar, indem er das Flüchtige und Prozessuale des Web in ein stabiles, zitierbares Format überführt.5
Eine metareflexive Volte schlägt das zweite Fallbeispiel: Ein Screencast zeichnet die Geschichte der Website des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam nach, also der Institution, an der dieses Buch entstanden ist. Ausgehend von der am 5. Dezember 1998 archivierten Startseite des damaligen ZZF Potsdam verfolgt der Film die Veränderung der virtuellen Präsenz des Instituts über mehrere Webgenerationen hinweg. So treten die Perspektive der Forschenden und die institutionellen Bedingungen einer Zeitgeschichte des Webs besonders deutlich hervor.6
Die Produktion von Screencasts verbindet den Anspruch qualitativer Quellenarbeit mit computergestützten Methoden der Datenerhebung und Visualisierung. Daraus ergeben sich indes neue Fragen der Quellenkritik, etwa bezüglich der Datenbasis der Wayback Machine, aber auch der Auswahl, Überarbeitung und Inszenierung des Materials, die die Interpretation der Bildsequenzen bestimmen. Im Sinne einer »digitalen Hermeneutik«7 gilt es, diese methodischen Vorannahmen und Rahmungen transparent zu machen.
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1
Vgl. Richard Rogers, Doing Digital Methods, London 2024, S. 49-65 (Kap.: »Website History«).
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2
Wikipedia-Artikel »Cyberspace«, Überblick archivierter Fassungen, Wayback Machine, https://web.archive.org/web/20030000000000*/ https://en.wikipedia.org/wiki/Cyberspace.
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3
Vgl. Jon Udell, Heavy Metal Thunder, 22.01.2005, https://jonudell.net/udell/2005-01- 22-heavy-metal-umlaut-the-movie.html. Udells Screencast zum Wikipedia-Artikel »Heavy Metal Umlauts« gilt als frühes Beispiel des Genres.
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4
Rogers, Doing Digital Methods, S. 50-53.
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5
Zur Flüchtigkeit von Webinhalten vgl. Niels Brügger, The Archived Web. Doing History in the Digital Age, Cambridge, MA 2018; zur durchschnittlichen Lebensdauer von Webseiten nach der Jahrtausendwende vgl. auch die Einleitung dieses Bandes.
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6
Vgl. ZZF Potsdam-Startseite, archivierte Fassung vom 5. Dezember 1998, Wayback Machine, https://web.archive.org/web/19981205075941/http://www.zzf-pdm.de/#.
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7
Vgl. Andreas Fickers, Update für die Hermeneutik. Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur digitalen Forensik?, in: Zeithistorische Forschun- gen/Studies in Contemporary History 17 (2020), H. 1, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-176.
KI-gestützte Speech-to-Text-Analysen werden anhand von Video-Quellen exemplarisch erprobt, u.a. in den Beiträgen zur Geschichte des Computer-Datings, zur Computerisierung von Grenzkontrollen in der Bundesrepublik der 1970er Jahre sowie zum Computereinsatz in der Evangelischen Kirche. Hinzu kommen neue Formen der Präsentation und Strukturierung von Dokumenten, etwa durch seitenweise Navigationen und Layer, um Quellen kommentieren und auch visuell hervorzuheben zu können. Außerdem implementieren wir Elemente des digitalen Storytellings in die Beiträge, um die Auswirkungen auf die Narration, den Erkenntniswert und die Wissensvermittlung praktisch nachvollziehen zu können.
Mit der Historisierung des digitalen Zeitalters rückt so zugleich eine Periode in den Fokus der Forschung, in der digital-born data39 zum Forschungsgegenstand und zur zentralen Quellengrundlage zeithistorischer Untersuchungen avancieren und neue Fragestellungen nach sich ziehen. Damit einher geht eine Neukonzeptualisierung der Zeitgeschichte, die zugleich methodische Konsequenzen hat, denn neue Formen der Quellenkritik und »digitalen Hermeneutik« sind nun im Einklang mit der Forschung zur »Digital History« zu entwickeln.40 Indem die Sammlung die Exploration der Geschichte des digitalen Zeitalters mit der Erkundung digitaler Methoden verbindet, reflektiert sie zugleich die Digitalgeschichte in konsequenter Weise in ihrer doppelten Semantik als Forschungsgegenstand und -methode.
Fußnoten
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1
Den einen erschien der Computer als Allheilmittel und universelles Werkzeug der Emanzipation, den anderen als Rationalisierungs- und Überwachungsmaschine, als Job-Killer oder auch als Symbol der Vereinsamung in atomisierten Gesellschaften. Zu den wirkmächtigen Kritikern zeitgenössischer Technik-Apologetik zählt seit den 1970er Jahren der deutsch-amerikanische Computerpionier Joseph Weizenbaum. Vgl. allgemein Claus Pias (Hg.), Zukünfte des Computers, Zürich 2005; Frank Bösch, Euphorie und Ängste: westliche Vorstellungen einer computerisierten Welt, 1945-1990, in: Lucian Hölscher (Hg.), Die Zukunft des 20. Jahrhunderts. Dimensionen einer historischen Zukunftsforschung, Frankfurt a.M. 2017, S. 221-252; Dick van Lente (Hg.), Prophets of Computing. Visions of Society Transformed by Computing, New York 2022.
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2
Frank Bösch (Hg.), Wege in die digitale Gesellschaft. Computernutzung in der Bundesrepublik 1955-1990, Göttingen 2018, online https://www.zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/2642/file/boesch_hg._wege_in_die_digitale_gesellschaft_gesamt_2018_de.pdf [20.04.2026]. Alle angegebenen Internet-Ressourcen (URLs) in diesem Band sind am 20. April 2026 von uns abgerufen und überprüft worden; im Folgenden verzichten wir daher auf die jeweilige Angabe des Abrufdatums. Daniela Zetti/David Gugerli, Digitale Gesellschaft, in: Historisches Lexikon der Schweiz, 21.10.2018, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/055503/2018-10-21/; Ricky Wichum/Daniela Zetti (Hg.), Zur Geschichte des digitalen Zeitalters, Wiesbaden 2022; Joy Lisi Rankin, A People’s History of Computing in the United States, Cambridge, MA 2018.
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3
Fred Turner, From Counterculture to Cyberculture. Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism, Chicago 2006; Michael Friedewald, Computer Power to the People! Die Versprechungen der Computer-Revolution, 1968-1973, in: kommunikation@gesellschaft 8 (2007), S. 1-18, online https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/12702/B9_2007_Friedewald.pdf. Zur Kritik des Narrativs vgl. Michael Homberg, Digitale Unabhängigkeit. Indiens Weg ins Computerzeitalter – eine internationale Geschichte, Göttingen 2022; Payal Arora, The Next Billion Users: Digital Life Beyond the West, Cambridge, MA 2019, S. 78; Gabriele Balbi, The Digital Revolution. A Short History of an Ideology, Oxford 2023.
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4
Thomas S. Mullaney u.a. (Hg.), Your Computer is On Fire, Cambridge, MA 2021; Janet Abbate/Stephanie Dick (Hg.), Abstractions and Embodiments: New Histories of Computing and Society, Baltimore, MD 2022. Vgl. dazu auch die Arbeiten der Forschungsgruppe »Digital Inequalities. Divides, Hierarchies, and Boundaries in Germany, 1970s to 1990s» am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, https://digital-inequalities.com.
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5
Moritz Altenried, The Digital Factory. The Human Labor of Automation, Chicago 2022, S. 5. Vgl. dazu auch Mary L. Gray/Siddharth Suri, Ghost Work. How to Stop Silicon Valley from Building a New Global Underclass, New York 2019; Lisa Nakamura u.a., Technoprecarious, Cambridge, MA 2020; Ingo Dachwitz/Sven Hilbig, Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen, München 2025.
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6
Nathan Ensmenger, The Cloud is a Factory, in: Mullaney u.a. (Hg.), Your Computer is On Fire, S. 29-50; ders., The Environmental History of Computing, in: Technology and Culture 59 (2018), H. 4: Suppl., S. S7-S33, online https://homes.luddy.indiana.edu/nensmeng/files/Ensmenger2018.pdf; Tung-Hui Hu, A Prehistory of the Cloud, Cambridge, MA 2015.
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7
Jürgen Osterhammel, Weltgeschichte und Gegenwartsdiagnose, Münster 2013, S. 37. Vgl. dazu überdies Michael Homberg, Mensch | Mikrochip. Die Globalisierung der Arbeitswelten in der Computerindustrie 1960 bis 2000 – Fragen, Perspektiven, Thesen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66 (2018), H. 2, S. 267-293, online https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2018_2.pdf.
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8
Vgl. dazu Stefanie Büchner/Jannis Hergesell/Jannis Kallinikos, Digital Transformation(s). On the Entanglement of Long-Term Processes and Digital Social Change; An Introduction, in: Historical Social Research 47 (2022), H. 3, S. 7-39, online https://doi.org/10.12759/hsr.47.2022.25; Thomas Haigh/Paul E. Ceruzzi, A New History of Modern Computing, Cambridge, MA 2021.
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9
David Edgerton, The Shock of The Old. Technology and Global History since 1900, London 2008; Martina Heßler/Nora Thorade, Die Vierteilung der Vergangenheit. Eine Kritik des Begriffs Industrie 4.0, in: Technikgeschichte 86 (2019), H. 2, S. 153-170; Frank Bösch, Perspektiven der Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 72 (2024), H. 2, S. 346-361, hier S. 348f. Zur Geschichte der Sozialen Medien vgl. überdies kürzlich: Martin Schmitt: Alles geht? Die jüngste Geschichte der »sozialen Medien». Zwischen Wirtschaft und Gemeinschaft, in: Bundeszentrale für politische Bildung: Soziale Medien, 01.03.2024, https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/soziale-medien/545767/alles-geht-die-juengste-geschichte-der-sozialen-medien/.
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10
Jan van Dijk, The Digital Divide, Cambridge 2020; Laura Robinson u.a., Digital Inequalities and why they Matter, in: Information, Communication & Society 18 (2015), H. 5, S. 569-582.
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11
Thomas N. Friemel u.a., Multidimensional Digital Inequalities, in: Weizenbaum Journal for the Digital Society 1 (2021), H. 1, https://ojs.weizenbaum-institut.de/index.php/wjds/article/view/1_1_3/31; Alexander van Deursen/Ellen Helsper, The Third Level Digital Divide: Who Benefits most from Being Online, in: Communication and Information Technologies Annual 10 (2015), S. 29-52; Chris Piallat (Hg.), Der Wert der Digitalisierung. Gemeinwohl in der digitalen Welt, Bielefeld 2021, https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/3d/91/9e/oa9783839456590.pdf. Zur Geschichte digitaler Gräben vgl. auch Daniel Greene, The Promise of Access. Technology, Inequality, and the Political Economy of Hope, Cambridge, MA 2021.
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12
So zeigen aktuelle Forschungen, dass – auch im Fall eines universellen Zugangs – weitergehende Ungleichheiten zu konstatieren sind, etwa wenn algorithmische Entscheidungssysteme bestehende Machtverhältnisse und Diskriminierung reproduzieren. Vgl. dazu kürzlich: Meredith Broussard, More than a Glitch. Confronting Race, Gender, and Ability Bias in Tech, Cambridge, MA 2023; Alexander Monea, The Digital Closet. How the Internet Became Straight, Cambridge, MA 2022; Halcyon M. Lawrence, Siri Disciplines, in: Mullaney u.a. (Hg.), Your Computer is On Fire, S. 179-198.
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13
Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017, S. 225-271.
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14
Mark Graham/Martin Dittus, Geographies of Digital Exclusion. Data and Inequality, London 2022, online https://www.oii.ox.ac.uk/wp-content/uploads/2022/01/9781786807410-2.pdf.
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15
S. Craig Watkins u.a., The Digital Edge: How Black and Latino Youth Navigate Digital Inequality, New York 2018. Für einen ähnlichen Ansatz vgl. auch David Nemer, Technology of the Oppressed: Inequity and the Digital Mundane in Favelas of Brazil, Cambridge, MA 2022.
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16
Bösch, Perspektiven der Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter, S. 350. Zur Vorgeschichte des Phänomens vgl. Michael Homberg, Der Staat, der Bürger und das Geheimnis. »Blowing the Whistle!» – Medien und Moral in den 1960er und 1970er Jahren, in: Birgit Hofmann (Hg.), Menschenrecht als Nachricht. Medien, Öffentlichkeit und Moral seit dem 19. Jahrhundert, Frankfurt a.M./New York 2020, S. 381-410.
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17
Vgl. Elke Seefried, Steuerung der Informationsgesellschaft? Digitale Ordnungspolitik in zeithistorischer Perspektive, in: List-Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik 50 (2024), H. 1-2, S. 31-50; Bösch, Perspektiven der Zeitgeschichte, S. 350-352; S. 356-358; Samuel Greef, Staat und Staatlichkeit im digitalen Zeitalter, Bielefeld 2023, online https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7065-3/staat-und-staatlichkeit-im-digitalen-zeitalter/.
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Neben der Datenakquise des Staates rückte in den letzten Jahren besonders das Wirken der Digitalkonzerne in den Fokus der Kritik. Vgl. Shoshana Zuboff, Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, Frankfurt a.M. 2018. Zur Rolle der Algorithmen vgl. Cathy O’Neil, Weapons of Math Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy, New York 2016; Safiya U. Noble, Algorithms of Oppression. How Search Engines Reinforce Racism, New York 2018; Virginia Eubanks, Automating Inequality: How High-Tech Tools Profile, Police, and Punish the Poor, New York 2018; Wendy Chun, Discriminating Data: Correlation, Neighborhoods, and the New Politics of Recognition, Cambridge, MA 2021. Für eine Sozial- und Kulturgeschichte der Computerbranche im anglophonen Raum vgl. Janet Abbate, Recoding Gender: Women’s Changing Participation in Computing, Cambridge, MA 2012; Mar Hicks, Programmed Inequality: How Britain Discarded Women Technologists and Lost its Edge in Computing, Cambridge, MA 2017; Nathan Ensmenger, The Computer Boys Take Over: Computers, Programmers and the Politics of Technical Expertise, Cambridge, MA 2010.
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19
Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2012, S. 25. Zum Ansatz einer »Problemgeschichte der Gegenwart» vgl. Hans Günter Hockerts: Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Historisches Jahrbuch 113 (1993), S. 98-127, online https://epub.ub.uni-muenchen.de/4659/1/4659.pdf.
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20
Siehe zur Zusammenarbeit mit IT-Expert:innen und den Prinzipien von Software-Entwicklung die Ziele der RSE-Gemeinschaft: https://de-rse.org/de/index.html.
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21
»Das übergreifende Ziel ist die nachhaltige Finanzierung professioneller und für die an deutschen Einrichtungen tätigen Wissenschaftler:innen attraktiver, qualitätsvoller, nicht gewinnorientierter wissenschaftsgeleiteter Open-Access-Infrastrukturen.« Alexander von Humboldt-Stiftung, Deutscher Akademischer Austauschdienst, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Hochschulrektorenkonferenz, Leibniz-Gemeinschaft, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Max-Planck-Gesellschaft, Wissenschaftsrat, Strategie der Allianz für die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Publikationswesens 2026-2030, in: Zenodo, 29.07.2025, S. 9, https://doi.org/10.5281/zenodo.15853225.
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22
Ebd., S. 5.
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23
Zu diesem Anspruch vgl. auch die Aussagen der Mitbegründer des Schweizer intercom Verlags: »Selber machen«: Historiker:innen als Verleger:innen?!, in: H-Soz-Kult Podcast »Vergangenheitsformen«, 28.03.2025, https://www.hsozkult.de/podcast/staffel-3/selber-machen-historiker-als-verleger.
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24
»Die Geschichtswissenschaft ist ein konservatives Publikationsumfeld, in welchem gewohnte Publikationswege bevorzugt genutzt werden.« So das Ergebnis einer Studie des BMBF-geförderten Verbundprojekts open-access.network: Anna-Karina Renziehausen/Jesko Rücknagel/Helene Strauß (2023), Wahrnehmung von Open Access: Erhebung zu Anforderungen und Hindernissen in ausgewählten geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Geschichtswissenschaften und Soziale Arbeit (1.0). Zenodo, Jan. 2023, S. 14, https://doi.org/10.5281/zenodo.7540764.
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25
Vgl. David Kuchenbuch, Wie findet und formuliert man eine gute historische Frage?, in: Zeitgeschichte-online, Dezember 2022, https://zeitgeschichte-online.de/themen/david-kuchenbuch-teil-5-wie-findet-und-formuliert-man-eine-gute-historische-frage.
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26
Annette Schuhmann, Wissenschaft heißt, Unsicherheit erzeugen, nicht Bekanntes zu reproduzieren. Ein Interview mit Andreas Fickers, in: Zeitgeschichte-online, November 2021, https://zeitgeschichte-online.de/interview/wissenschaft-heisst-unsicherheit-erzeugen-nicht-bekanntes-zu-reproduzieren.
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27
Vgl. u.a. die Einschätzung des intercom Verlags: Gegenwissen: Epilog: About cache, https://cache.ch/gegenwissen/epilog/aboutcache/montagem, S. V1/2; Themenheft traverse 29 (2022), H. 1: Publizieren in den Geisteswissenschaften, https://revue-traverse.ch/ausgabe/2022-1/. Vgl. dazu auch den anregenden Text von Mareike König, Fertig – vorerst. Unfertigkeit als epistemischer Wert in den digitalen Geisteswissenschaften, in: Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften 11 (2026), DOI 10.17175/2026_002.
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28
Vgl. Renziehausen/Rücknagel/Strauß, Wahrnehmung von Open Access.
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29
Vgl. exemplarisch für eine Vielzahl von Erklärungen: Alexander von Humboldt-Stiftung u.a., Strategie der Allianz für die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Publikationswesens 2026-2030.
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30
Siehe u.a. aktuell: Petra Gehring, Shining Diamond? Zum Publizieren bei Bibliotheken als Ausweg aus der Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems, in Merkur 80 (2026), H. 920 (Januar), S. 20-32, https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/shining-diamond-a-mr-80-1-20/, sowie die Antworten darauf: Diethard Tautz, Diamond ist die Antwort. Die gegenwärtige Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems kann überwunden werden, Merkur Blog, 30.01.2026, https://www.merkur-zeitschrift.de/2026/01/30/diamond-ist-die-antwort-die-gegenwaertige-krise-des-wissenschaftlichen-publikationssystems-kann-ueberwunden-werden/; Björn Brembs, Lange wurde über die »Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems« debattiert – jetzt sind Entscheidungen fällig, in: Merkur Blog, 18.02.2026, https://www.merkur-zeitschrift.de/2026/02/18/lange-wurde-ueber-die-krise-des-wissenschaftlichen-publikationssystems-debattiert-jetzt-sind-entscheidungen-faellig/.
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31
Vgl. Consortium ScholarLed, https://scholarled.org/; Autor:innen-Kollektiv, Das scholar-led.network-Manifest, Juli 2021, https://graphite.page/scholar-led-manifest/.
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32
König, Fertig – vorerst, Abschnitte [1]-[69], hier [11].
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33
Vgl. dazu u.a. die Arbeitsgruppe Greening DH des Verbands Digital Humanities im deutschsprachigen Raum e.V.: https://dhd-greening.github.io/.
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34
Die Research Data Alliance und die Global Indigenous Data Alliance haben hierfür die FAIR- (2016) und CARE-Prinzipien (2019) veröffentlicht: https://www.nature.com/articles/sdata201618, https://www.gida-global.org/care.
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35
Andreas Fickers, Update für die Hermeneutik. Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur digitalen Forensik?, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 17 (2020), H. 1, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1765.
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36
Florentina Armaselu/Andreas Fickers (Hg.), Zoomland. Exploring Scale in Digital History and Humanities, Berlin/Boston 2023, https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/87877.
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37
Vgl. Richard Rogers, Doing Digital Methods, London 2024; Niels Brügger, When the Present Web is Later the Past. Web Historiography, Digital History and Internet Studies, in: Historical Social Research 37 (2012), H. 4, S. 102-117, online https://doi.org/10.12759/hsr.37.2012.4.102-117.
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38
Nach verschiedenen Untersuchungen lag die durchschnittliche Lebensdauer einer Webseite nach der Jahrtausendwende bei gerade einmal 3 Jahren. Zwischen 2001 und 2013 verschwanden von rund 10 Millionen untersuchten Webseiten mehr als 90 % gänzlich. Vgl. Junghoo Cho/Hector Garcia-Molina, The Evolution of the Web and Implications for an Incremental Crawler, Stanford 1999; Teru Agata u.a., Life Span of Web Pages: A Survey of 10 Million Pages Collected in 2001, in: Proceedings of the ACM/IEEE-CS Joint Conference on Digital Libraries, Piscataway 2014, S. 463-464. Vgl. dazu auch Niels Brügger, The Archived Web. Doing History in the Digital Age, Cambridge, MA 2018, S. 75f.
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39
Vgl. exemplarisch Melanie Althage/Moritz Feichtinger/Anna Siebold, Theoretische Grundlagen einer digitalen Quellenkritik, Living Handbook »Digitale Quellenkritik«, in: Zenodo, 29.07.2024, https://doi.org/10.5281/zenodo.12647879; Ian Milligan, Averting the Digital Dark Age. How Archivists, Librarians, and Technologists Built the Web a Memory, Baltimore 2024; Malte Thießen, Zum ersten Mal digital. E-Mails als Quellen zur Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts, in: Christine G. Krüger/Franziska Meifort/Mareike Witkowski (Hg.), Korrespondenzen aus der Vergangenheit. Briefe als historische Quellen, Göttingen 2025, S. 255-263; ders., Die sozialsten aller Quellen. Social Media als Quellen für eine Zeitgeschichte des 21. Jahrhunderts, in: Mia Berg/Andrea Lorenz/Kristin Oswald (Hg.), Geschichte auf Instagram und TikTok. Perspektiven auf Quellen und Praktiken, Berlin 2025, S. 107-132, https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/9783111360874-005/html.
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40
Fickers, Update für die Hermeneutik; Simone Lässig, Digital History. Challenges and Opportunities for the Profession, in: Geschichte und Gesellschaft 47 (2021), H. 1, S. 5-34; Torsten Hiltmann, Vom Medienwandel zum Methodenwandel. Die fortschreitende Digitalisierung und ihre Konsequenzen für die Geschichtswissenschaften in historischer Perspektive, in: Karoline Döring u.a. (Hg.), Digital History. Konzepte, Methoden und Kritiken Digitaler Geschichtswissenschaft, Berlin/Boston 2022, S. 13-44; ders., (Epistemologische) Grundlagen in der Anwendung digitaler Methoden, in: Christina Antenhofer/Christoph Kühberger/Arno Strohmeyer (Hg.), Digital Humanities in der Geschichtswissenschaft, Wien 2024, S. 43-60; Sarah-Mai Dang u.a. (Hg.), Doing Digital Film History. Concepts, Tools, Practices, Berlin/Boston 2025, https://doi.org/10.1515/9783111082486.