Löcher lesen
Lochkarten und Computer im Vietnamkrieg
Steckbrief Quelle
IBM 5280 General Purpose 8 Field-Lochkarten, Job-Control für TIRS und HES Datenbanken, Saigon/Washington- Datum
- 1971/1972
- Archiv
- National Archives and Records Administration (NARA), Electronic Records Division, College Park, Maryland, RG472 - TIRSA Accession Records
Diese zwei Lochkarten sind Teil einer eigenartigen Quelle, die sich einer schnellen und einfachen Zuordnung entzieht. Sie ist zugleich Dokument und Artefakt, Tabelle und Text. Sie ist ohne Zweifel aus dem 20. Jahrhundert und erscheint dennoch eigenartig altmodisch. Die beiden Lochkarten sind Überreste der Datenprozessierung der US-Amerikaner im Vietnamkrieg. Sie stammen aus den National Archives und sind dort selbst nicht als Quelle archiviert, sondern als Teil der Übernahmedokumentation der umfangreichen Datenbestände aus dem Vietnamkrieg.
Das Besondere an dieser Quelle ist ihr Medium: Lochkarten, mithin das älteste Medium des digitalen Zeitalters, das auf dessen Anfänge und Frühphase verweist. Interessant an dieser Quelle ist auch, dass sich durch sie sowohl das wie als auch das was eines historischen Beispiels digitaler Datenverarbeitung und Wissensproduktion ablesen lassen. Wir können so erfahren, mit welchen Technologien, Materialien und Praktiken Informationen prozessiert wurden. Die Quelle verweist darüber hinaus aber auch auf die Anwendung des auf diese Art und Weise geschaffenen Wissens. Sie offenbart uns eine historische Situation, in der digital er- und verarbeitete Informationen zur politisch-militärischen Entscheidungsfindung in einem gewaltsamen Konflikt verwendet wurden und damit buchstäblich über Leben und Tod entscheiden konnten.
Diese Quelle dokumentiert eine enorme Macht-Asymmetrie: auf der einen Seite die von langen Kriegen zerrüttete Bevölkerung des armen Südvietnam, in deren Namen eine Guerillabewegung, die »Nationale Befreiungsfront« (auch »Vietcong« genannt), die korrupte Zentralregierung in Saigon zu stürzen versuchte und eine Vereinigung mit dem kommunistisch regierten Nordvietnam anstrebte. Auf der anderen Seite die USA mit der gewaltigsten Militärmaschine der Geschichte, die einen weiteren kommunistischen Umsturz in Südostasien mit allen Mitteln verhindern wollte und dafür ihr gesamtes Arsenal an Waffen, aber auch an Wissen, aufbot. Die Lochkarten sind Überreste vernetzter Systeme der Informationsverarbeitung, mit denen die Analysten in der politischen und militärischen Führung der USA versuchten, ein umfassendes und objektives Bild über die politischen, sozialen und militärischen Dynamiken des Krieges zu gewinnen.
Diese Quelle lässt sich also aus verschiedenen Perspektiven analysieren: als technisches Artefakt, das die Verfahren und materiellen Bedingungen der Datenverarbeitung am Beginn des Computer-Zeitalters illustriert; als originär digitales Artefakt, das die Herausforderungen der Quellenkritik digitaler Objekte und Daten aufzeigen kann und Zeugnis einer Daten-getriebenen Überwachung und Bevölkerungskontrolle ist, das dazu einlädt, über die politischen Implikationen der digitalen und datenbasierten Machtausübung und Kommunikation in unser Gegenwart und Zukunft nachzudenken.
Die Quelle zeigt uns auch, dass die Sammlung und Auswertung großer Datenmengen (»Big Data«) immer auf einer Reihe von Vorannahmen und Abstraktionen beruht, und der totale Überblick, den digital generiertes Wissen verspricht, auch suggestiv und irreführend sein kann.1 Denn letztlich nahm die Geschichte bekanntermaßen folgenden Ausgang: Die US-Armee verfügte zu keinem Zeitpunkt über relevante Kenntnisse zu den Operationen des Vietcong, geschweige denn über die politischen Sympathien der südvietnamesischen Landbevölkerung. Im Gegenteil, Politik und Militär wollten die Aussichtslosigkeit des Krieges über Jahre nicht wahrhaben und belogen auch die eigene Bevölkerung über die tatsächliche Situation. Am Ende konnten sich die technisch hochgerüsteten USA nicht gegen eine Bewegung aus mangelhaft ausgerüsteten, aber politisch entschlossenen Guerillakämpfern behaupten und zogen 1975 gedemütigt aus Vietnam ab.
Kodierung und Kontext
Wir sehen hier zwei Standard-IBM-Lochkarten (tatsächlich ein Foto davon) mit den üblichen Abmessungen von 18,7 x 8,7 cm (im Original) und der charakteristischen links oben abgeschrägten Ecke. Ein Aufdruck ganz am rechten Rand der Karten zeigt an, dass wir es mit »IBM 5280 General Purpose 8 Field«-Lochkarten zu tun haben.2 Darüber befindet sich ein Formularblatt, auf dem in die vorgedruckten Felder mit grünem Stift Eintragungen vorgenommen und einige Kästchen angekreuzt wurden. Ein wenig Text ist auch enthalten, der den Kontext der Quelle offenbart: Das Formblatt enthält ganz unten den Aufdruck »MACV DMA FORM 14, I AUG 70 360/50 COMPUTER OPERATING INSTRUCTIONS«. Das Akronym MACV steht für »Military Assistance Command Vietnam«, die Stabsstelle der US-amerikanischen Truppen in Vietnam, und DMA ist das Kürzel der angegliederten »Data Management Agency«, gewissermaßen die IT-Abteilung des Oberkommandos. Formblatt 14 datiert vom 1. August 1970 und damit aus dem fünften Jahr des offenen Kriegseintritts der Amerikaner und ihrer Verbündeten in den Krieg in Südvietnam.3 Die Zahlenkombination »360/50« benennt einen Computer, das System/360 von IBM, hier im Modell 50, den damals am weitesten verbreiteten und leistungsfähigsten Mainframe-Computer als Großrechner.
Die Begriffe »Computer Operating Instructions« schließlich zeigen uns, um was es sich eigentlich handelt: um eine Anweisung zu einem Arbeitsschritt, der mit dem OS/360 ausgeführt werden sollte, oder wie es in der Sektion »Remarks or Special Instructions« heißt, um einen »Job«. Bei den damaligen Großrechnern bezeichnete »Job« einen einzelnen Auftrag oder Arbeitsschritt innerhalb eines Programms, in diesem Fall den Auftrag mit dem Namen »TIRS vs HES« (bzw. dem Job-Code S1197). Das »S« im Job-Code ist ein Kürzel für »Subroutine«, also ein Teilschritt eines gespeicherten, umfassenderen Programms (Routine).
Die Umständlichkeit und Grobschlächtigkeit früher Großrechner ist für uns heute kaum noch nachzuvollziehen, denn unsere moderne Software, Programme und Apps lassen uns sehr komplexe Aufgaben scheinbar mühelos ausführen, ohne dass wir uns mit den Einzelschritten befassen müssen. Als Anhaltspunkt ist es dienlich, sich zu vergegenwärtigen, dass das Öffnen einer Datei, etwa eines Fotos, auf einem Laptop oder Smartphone aus einer langen Abfolge verschiedener Teilschritte besteht: Das Betriebssystem betreibt einen Dateimanager, der den Speicherort des Fotos kennt; eine grafische Nutzeroberfläche, die sich wiederum aus zahllosen Unterprogrammen zusammensetzt, lässt uns dorthin navigieren; ein Klick auf das entsprechende Foto aktiviert im Hintergrund die entsprechende Software, die das passende Ausgabeformat erkennt und uns die Datei/das Foto auf den Bildschirm »zaubert«.
Der auf dem Formblatt und den Lochkarten beschriebene Job besteht schlicht darin, zwei Dateien gemeinsam einzulesen, nämlich »TIRS« und »HES«. Diese Dateien stehen für große Datenbanken, mit denen das US-Militär die Aktivitäten des gegnerischen Vietcong und die Situation in der südvietnamesischen Landbevölkerung überwachte. Das »Terrorist Incident Reporting System« (TIRS) war eine Datenbank, in der die für die Aufstandsbekämpfung zuständige zivil-militärische Behörde »Civil Operations and Revolutionary Development Support« (CORDS) sämtliche durch den Vietcong verursachten Zwischenfälle protokollierte, also Angriffe auf die Sicherheitsorgane oder die Zivilbevölkerung, Sabotageakte, Sachbeschädigungen usw. Dabei wurden Ort, Uhrzeit, involvierte Personen und soweit möglich weitere Details verzeichnet.
Wir können uns das als eine lange Kette codierter Informationen vorstellen, bei dem ein Eintrag etwa den Identifikator »720104EC2624« haben konnte. Das bedeutet Januar 1972 (»7201«), Woche 4 (»04«), Ereigniscode 2624. Dem schließt sich eine weitere lange Reihe von Zahlen an, deren Positionen jeweils Angaben zum genauen Ort, Zeitpunkt und weitere Details enthalten. Zum Beispiel gab es den Bereich »ESTRT«, was für »Size of Attacking Force« stand. Hier konnte eine Zahl eingetragen werden, in der wiederum eine bestimmte Truppengröße codiert war: »1 = Single; 2 = Team; 3 = Squad; 4 = Platoon; 5 = Company; 9 = Unknown«. Entsprechend existierten auch zweistellige Zahlenwerte für die eingesetzten Mittel: »MEANS: 10 = Shooting; 20 = Bombing; 30 = Grenade; 40 = Mine; 50 = Booby Trap; 90 = Force/Fear; 99 = Other«) oder die Art der Aktion (»VCACT: 10 = Assassination, Selective; 11 = Assassination, General; 20 = Abduction, Selective; 21 = Abduction, Generale; 30 = Wounded; 40 = Damaged; 50 = Destroyed; 90 = Terrorism/Harassments«).4
Das »Hamlet Evaluation System« (HES) war ein System, in dem sämtliche etwa 12.000 Weiler und Dörfer Südvietnams erfasst waren, und das neben deren Geokoordinaten auch Informationen über die Bevölkerungszahl, die Sicherheitssituation, den Entwicklungsstandard, die Anwesenheit und Aktivitäten von Regierungsvertretern oder der Vietcong-Guerillaorganisation und weitere Informationen enthielt. Ein Datensatz bestand also immer aus dem Identifier (in dem Provinz, Militärzone, Distrikt, Dorf etc. codiert waren), der Zeitspanne der abgedeckten Informationen (etwa 71037306 für März 1971 bis Juni 1973) sowie aus codierten Antworten auf detaillierte Fragen zu 18 verschiedenen Indikatoren. Zum Beispiel lautete die monatlich abgefragte Position »HMB02«: »Did the enemy initiate action against local security forces in or near the hamlet during the month?« mit den vier möglichen Antwortcodes »0 = no; 1 = yes, once; 2 = yes, sporadically (less than once a week on the average); 3: yes, repeatedly (once a week or more on the average)«.5
Die Text-Elemente (»HES« und »TIRS«) verweisen also auf den historischen Kontext dieser Quelle, was genau aber bedeuten nun die Lochkarten bzw. die Löcher? Solche Lochkarten können sowohl Daten als auch Steueranweisungen enthalten. Die ersten Anwendungen von gelochtem Papier zur Steuerung von Maschinen waren der berühmte Jacquard-Webstuhl und die vielen Spielarten der mechanischen Klaviere und Drehorgeln. Die Lochkarte als Datenspeicher ist untrennbar verbunden mit dem Namen Herman Hollerith, der diese Technologie zur Marktreife entwickelte und damit den Grundstein für den Welterfolg seiner späteren Firma International Business Machines (IBM) legte.
Aber wie funktionierte die Datenspeicherung? Die im 20. Jahrhundert am weitesten verbreiteten Lochkarten von IBM enthalten 80 Spalten und 12 Zeilen und könnten damit theoretisch 960 Löcher fassen. Sowohl der abbildbare Zahlenraum als auch die Varianten speicherbarer Daten erweitern sich, wenn die Lochkarten kodierte Informationen enthalten. Allerdings muss dann unter allen Nutzenden Einigkeit darüber bestehen, welches Format, oder Kodierschema, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel konnten Lochkarten auch zur Speicherung von Text verwendet werden, indem jedem Buchstaben des Alphabets ein Zahlenwert bzw. eine Lochkombination zugewiesen wurde. IBM führte 1964 seinen Kodier-Standard EBCDIC (»Extended Binary Coded Decimal Interchange Code«) ein, der bis zu sechs Lochungen pro Spalte erlaubt und die 64 geläufigsten Buchstaben und Sonderzeichen sowie einige Kontrollanweisungen im 8-Bit Format (also eine Zeichen lange Kette aus Einsen und Nullen) darstellen konnte.6
Alle modernen Computer bauen auf dem Prinzip der Kodierung und Aneinanderreihung von Operationen auf: Abfolgen von komplexen, verschachtelten Rechenoperationen wie Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division sowie die Booleschen Operatoren »und«, »oder«, »und/oder«, aber auch Anweisungen wie die Verzweigung »if/else« und die Schleifen »for/while« lassen sich durch Zahlenwerte repräsentieren. Mehr noch, sie lassen sich adressieren und als ganze Befehlsketten (»Routinen«, »Prozeduren« oder »Programme«) in der gleichen Weise und am gleichen Speicherort ablegen wie jegliche andere Formen von Daten.7 Die System/360-Großrechner, mit denen die TIRS- und HES-Datenbanken während des Vietnamkriegs programmiert wurden, waren in der Programmiersprache COBOL (»Common Business Oriented Language«) geschrieben.
Ebenso wie Formulierungen in Programmiersprachen auf gespeicherte Abfolgen von (simpleren) Rechenoperationen verweisen können, so lassen sich mehrere solcher Prozeduren zu Arbeitsschritten zusammenfassen. Dies übernahm bei den IBM-Großrechnern die »Job Control Language« (JCL). Sie legte fest, welche Routinen und Sub-Routinen in welcher Reihenfolge abzurufen waren, auf welchen oder mit welchen Dateien dabei operiert werden sollte, wo und wie die Ergebnisse abzuspeichern waren und welche zusätzlichen Elemente der (Hardware-)Umgebung dafür vonnöten waren. Es ist kein Zufall, dass die Begriffe Jobs und JCL im Kontext der Informatik als Steuersprache für »Stapelverarbeitung« (engl. »batch processing«) Verwendung finden. Denn da die einzelnen Jobs und Routinen auf Lochkarten gespeichert waren, wurden dem Computer die auszuführenden Programme tatsächlich in Form von Stapeln aus Lochkarten »gefüttert«, die dann Karte für Karte eingelesen wurden.
Nach diesem Exkurs in die Geschichte von Kodierung, Code und Computer sind wir damit wieder bei unserer Quelle angelangt. Klar geworden ist, dass die Löcher dem Computer genau jene Informationen übergeben, die ganz oben auf den Karten aufgedruckt sind. Da sowohl IBM-Großrechner als auch JCL als hauptsächliche Form der Interaktion mit ihnen bis heute in Verwendung sind, ist es möglich, die Bedeutung der Lochkarten aus dem Vietnamkrieg zu entschlüsseln. Es handelt sich um eine Spezifizierung der Input-Daten für die Zusammenführung der beiden Datensätze TIRS und HES, also eine »Data Definition« in der Sprache von COBOL und JCL, abgekürzt durch »DD«. Mit der Simulation auf der Website »The Virtual Keypunch« (https://www.masswerk.at/keypunch/) lässt sich der Kartentyp »COBOL« einstellen und unsere Quelle exakt replizieren.
Der Code DSN (»Data Set Name«) enthält also die Namen der Dateien: auf der ersten Karte den der TIRS Datei, S1105P01, und auf der zweiten Karte den des HES-Masterfiles, R710702. UNIT (»Unit Parameter«) ist die Angabe für die Umgebung und bezieht sich in diesem Fall auf die Magnetbandleser 2400-3. Der Parameter DISP (»Disposition Parameter«) wird mit SHR (»Sharing Read«) angegeben, was bedeutet, dass die Dateien schon existieren und geteilt werden können. Der Parameter VOL (»Volume Parameter«) schließlich präzisiert die Bandnummer, denn bei beiden Datensätzen kamen mehrere Magnetbänder zur Speicherung zum Einsatz.8 Solche Lochkarten waren also das zentrale Medium der Interaktion mit den Computern zu dieser Zeit. Auf ihnen wurden nicht nur die Daten eingegeben, sondern auch der Quellcode.
Auch die Lochkarten unserer Quelle spezifizieren einen Ablauf (einen Job), der in regelmäßigen Intervallen ausgeführt wurde. Das Zusammenführen der beiden Datensätze »Terrorist Incident Reporting System« und »Hamlet Evaluation System« diente dazu, Korrelationen in den beiden Datensätzen aufzuspüren und daraus Muster oder Handlungsempfehlungen abzuleiten. So konnte es für die Analysten im MACV-Hauptquartier oder im Pentagon von Interesse sein, ob bestimmte Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheitssituation in einzelnen Orten (zum Beispiel die Stationierung von mehr Polizei-Einheiten oder der Aufbau einer Selbstverteidigungsmiliz) zu einem Rückgang oder vielleicht eher zu einer Intensivierung der Aktivitäten des Vietcong führten. Dem zugrunde lagen die Annahmen der Systemanalyse, dass sich beliebige Systeme bei Kenntnis von ausreichend Parametern simulieren und damit verstehen (und letztlich steuern) ließen.
Die Bearbeitung und Analyse der Daten erfolgte damals durch die gleichen grundlegenden Operationen wie sie die heutige Data Science mit gewaltigen Datensätzen (Big Data) durchführt: Filtern, Sortieren, Zählen. Durch das Säubern und Filtern von Daten, also eine Reduktion auf bestimmte (signifikante) Elemente, und das Aggregieren über ausgewählte Ausschnitte wie Zeiträume oder geografische Regionen hofften die Analysten, Korrelationen, Trends und Strukturen zu erkennen, die anders nicht sichtbar waren und sich zur Planung, Evaluation und Entscheidungsfindung nutzen ließen.9
Auf der Abbildung ist eine typische Arbeitssituation im Computerraum der Data Management Agency zu sehen. Diese Aufnahme entstand im Auftrag des US-Militärs und sollte demonstrieren, dass die militärischen Entscheidungen im Vietnamkrieg auf Grundlage sorgfältiger Auswertungen mit den modernsten Mitteln getroffen wurden.
Der »Operator« sitzt inmitten von vielen Stapeln von gebündelten und verschnürten Lochkarten, zu erkennen sind zudem Magnetbänder und natürlich die Hauptkonsole des IBM S/360 (Modell 50)-Computers. Nicht auf diesem Foto zu sehen sind die vietnamesischen Mitarbeiterinnen, welche die verschiedensten Informationen mit spezialisierten Schreib/Stanzmaschinen auf die Lochkarten übertrugen.
Zusammenfassung und Ausblick
Obwohl wir es hier ohne Zweifel mit einer Quelle zur Geschichte des digitalen Zeitalters und in gewisser Weise mit einer originär digitalen Quelle zu tun haben, ist sie mitnichten virtuell und immateriell. Im Gegenteil, sie verweist auf die Materialität von digitaler Datenverarbeitung auf mehreren Ebenen.
Zunächst geht es um die Materialität von Speichermedien: Daten, aber auch Codes sind auf sehr greifbaren, materiellen Medien gespeichert, in diesem Fall auf Lochkarten aus Karton oder Magnetbändern.10 Die Materialität und Eigenschaften eines so simplen und banalen Speichermediums wie der Lochkarte bestimmen, wie viel und in welcher Form Daten aufgenommen werden können. Mehr noch, die Lochkarte prägte den Quellcode früher Großrechner und wirkt in vielen Artefakten fort, mit denen wir noch heute Umgang haben. Die Lochkarten aus dem Vietnamkrieg haben in Quellcode und Daten, in Handlungsanweisungen und Informationen in der digitalen Datenverarbeitung die gleiche Form. Auch dies gilt bis heute, denn viele Dateiformate, mit denen wir täglich umgehen, wie etwa PDF oder MP3, sind keine im engeren Sinne digitalisierten Versionen von nicht-digitalen Objekten (wie ein Dokument oder Musikstück), sondern eigentlich kleine Programme, die diese Objekte immer wieder erneut erschaffen können.
Durch die Quelle hat sich gezeigt, dass auch Quellcode und Software, selbst scheinbar altmodische Formen wie COBOL, für historische Fragestellungen herangezogen, gelesen und verstanden werden können. Critical Code Studies oder Quellcode-Philologie sind neuere methodische Zugänge, die Quellcode und Software für geisteswissenschaftliche Fragestellungen erschließen.11
Nicht zuletzt ist deutlich geworden, dass digitale Wissensproduktion eine wichtige Rolle in der Organisation von Macht und Herrschaft spielt. Das Sammeln und Auswerten verschiedenster Informationen ist ein wesentliches Merkmal moderner Herrschaftspraxis. Bis heute wächst die Ungleichheit zwischen denen, die Informationen besitzen und auswerten, und denjenigen, deren Leben und Handeln pausenlos erfasst, zusammengeführt, zentral gespeichert und analysiert wird. Vielleicht aber zeigt das Beispiel des Vietnamkriegs auch auf, dass die Annahme, (digitales) Wissen bedeute automatisch Macht, auch irreführend sein kann. In weitaus größerem Maße als tatsächliche Einsichten und Erkenntnisse wurde hier die Suggestion von Allwissenheit und Objektivität hergestellt. Endlose Zahlenreihen, modernste Programme, farbige Diagramme und Karten machten die Analysten und Militärs glauben, sie verfügten über so umfassende Daten, dass soziale Dynamiken und komplexe Ereignisse letztlich berechenbar würden. Die computergenerierten Trendanalysen und Tabellen dienten dabei aber vor allem dazu, den Gewalteinsatz zu rechtfertigen, schien er doch dank fortschrittlichster Informationsverarbeitung rational und effektiv.
Zuletzt verweisen die Lochkarten auf eine ganze Gattung neuartiger Quellen: originär-digitale Quellen (»born-digitals«). In dem Maße, in dem Kommunikation, Kultur, Verwaltung und Wissenschaft digital oder computerisiert werden, wächst der Umfang der Quellen, die in diesem Kontext entstehen und die spezifischen Eigenschaften aufweisen, die auch die hier vorgestellte Quelle hat. Sie sind stets formatiert nach einem bestimmten Standard, sie sind gebunden an bestimmte Technologien und Maschinen, und sie ermöglichen oder erschweren bestimmte Auswertungen und Analysen. Von der Quellenkritik bis hin zur Interpretation ist die Geschichtswissenschaft gefordert, ihre Methoden an diese neue Quellengattung anzupassen.12
Gleichzeitig hat die historisch-kritische Methode auch im digitalen Zeitalter einiges zu bieten, nämlich eine vertiefte, hinterfragende und Kontext-sensible Einordnung von Informationen und Daten. Ein Grundverständnis für die technische Funktionsweise von digitaler Datenverarbeitung, aber auch der Analysen, die durch Verknüpfung und Korrelation von verschiedenen Datensätzen möglich werden, wird im Zeitalter digitaler Regierung und Überwachung nicht nur zu einer akademischen Schlüsselqualifikation, sondern auch zu einer Bedingung demokratischer Selbstbestimmung.
Fußnoten
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1
Ramón Reichert (Hg.), Big Data. Analysen zum digitalen Wandel von Wissen, Macht und Ökonomie, Bielefeld 2014.
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2
Es existierte eine große Variation an Lochkarten, die je nach Verwendungszweck und ästhetischen Vorlieben der Nutzenden gestaltet werden konnten. Einige werden mittlerweile in Museen oder von privaten Sammlern archiviert, siehe etwa: »Collection of Punched Cards«, https://www.jkmscott.net/data/PunchedCards/PunchedCards.html; Museumsstiftung Post und Telekommunikation, https://onlinesammlung.museumsstiftung.de/detail/collection/d4cee732-9273-4d5c-8ea7-13158dc6f556.
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3
Marc Frey, Geschichte des Vietnamkriegs: Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums, München 2022.
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4
Die Codierungen und ihre Bedeutungen sind einsehbar hier: https://computingthesocial.net/graph?uri=denote:20250303T104601.
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5
Eine detaillierte Untersuchung der Daten im Hamlet Evaluation System findet sich hier: https://computingthesocial.net/graph?uri=denote:20250311T141735.
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6
Die Speicherung von Daten, Text und Quellcode auf Lochkarten lässt sich spielerisch nachempfinden durch die von Norbert Landsteiner entwickelte Simulation: The Virtual Keypunch, https://www.masswerk.at/keypunch/. Instruktiv ist die Erläuterung der Funktionsweise der Lochkartenbedienung hier: Kryptografie.de: https://kryptografie.de/kryptografie/chiffre/lochkarten.htm. Das Betriebshandbuch der originalen Lochkarten-Stanzmaschine ist hier einsehbar: IBM Reference Manual, https://bitsavers.org/pdf/ibm/punchedCard/Keypunch/029/GA24-3332-6_Reference_Manual_Model_29_Card_Punch_Jun70.pdf.
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7
Thomas Haigh, Von-Neumann-Architektur, Speicherprogrammierung und modernes Code-Paradigma. Drei Leitbilder früher Rechenanlagen, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft 7 (1/2015), H. 12, S.127-139, online https://publish.fid-media.de/server/api/core/bitstreams/45d7b5c5-d366-4796-b06f-fa13d1700cfc/content.
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8
JCL wird auch heute noch zur Interaktion mit Großrechnern von IBM verwendet, der Code ist (unter dem neuen Namen z/OS) mehr oder weniger gleich geblieben: IBM z/OS, https://www.ibm.com/docs/en/zos/2.1.0?topic=mvs-zos-jcl-reference. Zu Syntax von JCL siehe auch hier: https://www.mainframemaster.com/tutorials/jcl.
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9
Moritz Feichtinger, Materialität und Praxis: Zur Analyse historischer Datenverarbeitung am Beispiel des Vietnamkrieges, in: Karoline Dominika Döring/Stefan Haas/Mareike König u.a. (Hg.), Digital History. Konzepte, Methoden und Kritiken digitaler Geschichtswissenschaft, Berlin 2022, S. 229-254, https://www.degruyterbrill.com/de/document/doi/10.1515/9783110757101-013/html.
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10
Auch heute, im Zeitalter der Cloud und der immer größeren Speicherkapazitäten auf immer kleineren Speichermedien, gilt nach wie vor, dass jede Information, ob Daten oder Code, irgendwo und irgendwie mindestens einmal physisch gespeichert sein müssen, sei es in Form einer Ionisierung von Segmenten auf Festplatten, sei es als Mikrospannungen auf Flash-Speichern wie USB-Sticks.
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11
Hannes Bajohr/Markus Krajewski (Hg.), Quellcodekritik. Zur Philologie von Algorithmen, Berlin 2024, https://www.matthes-seitz-berlin.de/fs/OPENACCESS/bajohr_krajewski_quellcodekritik_oa.pdf.
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12
Andreas Fickers, Update für die Hermeneutik. Geschichtswissenschaft auf dem Weg zur digitalen Forensik?, in:, Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 17 (2020), H. 1, S. 157-168, https://doi.org/10.14765/zzf.dok-1765; Melanie Althage/Moritz Feichtinger/Anna Siebold, 2.1. Theoretische Grundlagen einer digitalen Quellenkritik, in: Aline Deicke/Jonathan D.Geiger/Marina Lemaire/Stefan Schmunk (Hg.), Living Handbook »Digitale Quellenkritik«, Zenodo 2024, https://doi.org/10.5281/zenodo.13122513.