SPUR

Eine Quellensammlung »negativ-dekadenter« Sub- und Jugendkulturen im Archiv der Jugendkulturen

Vorwort: Zum SPUR-Projekt

Seit seiner Gründung im Jahr 1997 trägt das Archiv der Jugendkulturen in Berlin (AdJ) Materialien aus und über Jugend- und Subkulturen systematisch zusammen, sichert diese und macht sie der Öffentlichkeit sowie der Forschung zugänglich. Die Bestände des AdJ haben sich zu einer international bedeutsamen Sammlung entwickelt und beherbergen einzigartige Zeugnisse – von zehntausenden Flyern und Plakaten über Tonträger, audiovisuelle Medien wie VHS-Kassetten und DVDs bis hin zu Textilien verschiedener Art.

Das Herzstück bildet die beeindruckende Sammlung von über 80.000 Magazinen und Szene-Zeitschriften. Allein der Bestand an Fanzines – jenen »Fan-Magazinen«, die als selbstgemachte, oft in Kleinstauflagen produzierte Szene-Publikationen fungieren – umfasst rund 20.000 Exemplare aus mehr als 50 Ländern. Den größten Einzelposten stellt dabei die Sammlung an Punk-Fanzines dar, mit etwa 5000 deutschen und 3000 internationalen Heften. Zugleich umfasst der Bestand eine breite Auswahl an Fanzines aus weiteren Szenen und Musikkulturen wie Gothic, Metal, Techno und Skinhead.

Jugend- und Subkulturen sind weit mehr als bloße Freizeitphänomene. Sie sind Seismografen des gesellschaftlichen Wandels und der Verfasstheit einer Epoche. Fanzines dienen hierbei als ein unvergleichliches Schaufenster in diese Lebenswelten. Sie dokumentieren Codes, Praktiken, interne Debatten und Einstellungen aus erster Hand und stellen somit eine substanzielle Grundlage für die Erforschung sub-, pop- und jugendkultureller Bewegungen dar.

Trotz der Breite der internationalen Sammlung klafft eine Lücke: Fanzines, die in der DDR entstanden sind, finden sich kaum. Das SED-Regime unterdrückte nonkonforme Ausdrucksformen massiv. Der Mangel an Papier und der fehlende Zugang zu Kopiergeräten verhinderten die Entstehung einer eigenen, autonomen Presselandschaft im Untergrund. Dennoch verstummten die Szenen nicht. Mitglieder der vom Regime als »negativ-dekadent« diffamierten Gruppen nutzten Fanzines aus der Bundesrepublik und anderen westlichen Ländern als ihr Sprachrohr.

Hier setzt das Projekt SPUR an. In einer ersten Phase wurden rund 500 solcher »Spuren« identifiziert, digitalisiert und in einer Bibliografie erfasst. Dazu gehören Artikel, Briefe und Berichte von DDR-Szenegänger:innen in westlichen Heften als auch in Fanzines und Zeitschriften, die in der DDR in ihren finalen Jahren sowie in der Nachwendezeit entstanden. Ergebnis der zweiten Phase ist die vorliegende Quellenedition, die den Zeitraum von den 1970er Jahren bis in die Transformationsphase nach dem Mauerfall (1989-1995) abdeckt.

Während bisher vor allem die Akten des Stasi-Unterlagen-Archivs die Forschung dominierten, rückt diese Edition die Stimmen der Akteure in den Fokus. Sie ermöglicht neue Perspektiven auf den Transfer von Ideen zwischen Ost und West und das oft konfliktreiche Zusammenwachsen der Szenen nach 1989. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wie der Staat jugendliche und adoleszente Menschen überwachte, sondern darum, wie diese sich selbst sahen und artikulierten.

Die Realisierung des Projekts war mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Den riesigen Fundus des Archivs innerhalb einer einjährigen Recherchefrist nach relevanten DDR-Bezügen zu durchforsten, erforderte eine strikte Priorisierung. Der Fokus wurde bewusst auf die Punk-Szene gelegt. Dies begründet sich nicht nur durch die schiere Menge des vorhandenen Materials, sondern auch durch das außergewöhnlich hohe Mitteilungsbedürfnis dieser Subkultur. Punks (und teilweise auch Skinheads) aus der DDR nutzten das Medium Fanzine wesentlich intensiver als etwa ostdeutsche Gothics oder Heavy-Metal-Fans, deren Zeugnisse in ausländischen Publikationen vor 1989 kaum zu finden sind.

Diese Quellenedition und das gesamte Projekt SPUR wären ohne die Vision und die unermüdliche Arbeit von Christian Schmidt nicht denkbar. Seit 2001 brachte er nicht nur tausende Fanzines in die Sammlung des Archivs der Jugendkulturen ein, sondern initiierte eine Reihe an Projekten, durch die aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die spezielle Medienform der Fanzines geblickt wurde und so dazu beitrugen, den historischen Wert dieser Quellen sichtbar zu machen.

Auch das SPUR-Projekt war seine Idee. Er bearbeitete den Großteil der ersten Phase mit akribischer Sorgfalt und spürte die hier versammelten Zeugnisse des DDR-Punk in den Tiefen des Archivs auf. Sein unerwarteter Tod im August 2024 hinterließ eine schmerzliche Lücke. Ich übernahm die Aufgabe, die Recherchen abzuschließen und das Projekt SPUR II fortzuführen, dessen Ergebnis nun vorliegt.

Diese Publikation ist Christian Schmidt gewidmet.

 

Florian Völker 

Berlin, Mai 2026

 

 

Einleitung: Fanzines und DDR-Subkulturen

Wer in der DDR eine eigene Zeitung oder Zeitschrift herausgeben wollte, lebte gefährlich. Offiziell existierte in der DDR keine Zensur, tatsächlich durfte jedoch kein Druckerzeugnis ohne staatliche Druckgenehmigung erscheinen. Papier, Druckkapazitäten und Vervielfältigungsgeräte waren staatlich kontrolliert, sodass unabhängige Zeitungen oder Zeitschriften faktisch kaum entstehen konnten. Ohne offizielle Zustimmung ein Druckerzeugnis zu veröffentlichen, bedeutete ein reales Risiko: Verhöre, Beschlagnahmungen, Anklagen – im Extremfall Haftstrafen. Besonders heikel wurde es, wenn Kontakte ins Ausland eine Rolle spielten oder Inhalte von den Behörden als politisch interpretiert wurden.

Der staatlich organisierte Musikzeitschriftenmarkt bot für viele Jugendliche kaum Abhilfe. Das FDJ-Magazin »Neues Leben« erschien zwar regelmäßig, wirkte aber im Vergleich zu westlichen Magazinen grafisch und inhaltlich altbacken. Westbands kamen nur am Rande vor, alternativere Musik blieb außen vor. Stattdessen nahm Propaganda viel Raum ein, und selbst diese eher mäßig ausgestatteten Hefte waren oft schwer zu bekommen. »Melodie & Rhythmus« wiederum war als Musikzeitschrift konzipiert, blieb aber deutlich hinter internationalen Standards zurück. In den späten 1980er Jahren öffnete sich die Zeitschrift zwar stärker für westliche Pop- und Rockmusik, doch für Fans von Punk, Hardcore oder alternativen Klängen war das Angebot weiterhin unzureichend.

Um Anhänger:innen der eigenen Szene und Subkultur auf dem neuesten Stand zu halten, begannen einzelne DDR-Punks trotz Repressionen und drohender Strafen eigene Fanzines zu entwickeln. Eines der frühen Beispiele war »The Punk – ’ne Enzyklopädie« (Abb. 1), das um 1984 in Dresden entstand und sich auf zumeist ironische Weise mit der Punkbewegung und deren Alltag in der DDR auseinandersetzte. Das Heft sammelte Szene-Wissen und wollte zugleich mit offiziellen Darstellungen, die Punk meist als Problemphänomen behandelten, aufräumen. Die staatliche Reaktion folgte prompt. Im Zusammenhang mit dem Heft wurde Jörg Löffler, Musiker bei den Dresdner Bands Gegenschlag/Paranoia und später Kaltfront, wegen »ungesetzlicher Kontaktaufnahme« verhaftet. Der Vorwurf macht deutlich, wie schnell ein solches Projekt politisch aufgeladen werden konnte: Obwohl nur drei Kopien existierten und es inhaltlich vor allem um Musik und Szene ging, genügte die Erwähnung einer existierenden Punkkultur in der DDR und der Verdacht grenzüberschreitender Vernetzung, um strafrechtlich relevant zu werden.

Ende 1985 gründeten Punks aus dem Umfeld des sogenannten Profikellers in der Ost-Berliner Erlöserkirche das Infoblatt »Der AlösA«, stilecht mit zwei Anarchie-Zeichen an Anfang und Ende (Abb. 2). Entscheidender Rahmen für Produktion und Vertrieb war hierbei das Kirchengelände: Der Vermerk »nur für innerkirchlichen Gebrauch« bot eine gewisse Schutzfunktion, da innerkirchliche Drucksachen nicht unmittelbar dem staatlichen Pressewesen unterstanden. »Der AlösA« markiert damit eine Phase, in der sich kirchliche Strukturen und Punk-Szene überlappten und die Kirche als Rückzugsraum fungierte.

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Abb. 1 »The Punk - 'ne Enzyklopädie«, (ca. 1984), Dresden (DDR)

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Abb. 2 »Der AlösA«, #0 (1985), Ost-Berlin (DDR)

Auch das Fanzine »mOAning star« (Abb. 3) entstand im Umfeld der »Offenen Arbeit« (OA), einem Teilbereich der »Kirche von Unten«. Ursprünglich als internes Mitteilungsblatt für die verschiedenen, unter dem Dach der Berliner Zionskirche versammelten Friedens-, Umwelt- und Punk-Gruppen gedacht, entwickelte sich das Heft zunehmend zu einer professionell produzierten, satirisch-politischen Szene-Zeitung. Der Titel spielte ironisch auf die britische kommunistische Tageszeitung »Morning Star« an. Um formale Probleme zu vermeiden, trug das Blatt ebenfalls den Hinweis »Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch« und erhielt eine fiktive Lizenznummer (»OA 4711« plus Ausgabenziffer). Generell achtete das Redaktionsteam darauf, keine Details zu den Urheber:innen nach außen dringen zu lassen, um den staatlichen Behörden – aber auch Neonazis – keine Angriffspunkte zu liefern.

Technisch war die Produktion ein permanentes Improvisationsprojekt. Zunächst kam das Ormig-Verfahren zum Einsatz, das nur kleine Auflagen erlaubte. Mit westlichen oder aus der ČSSR stammenden Matrizen ließ sich die Stückzahl erhöhen. Für größere Auflagen wurde das Wachsdruck-Verfahren genutzt, doch dafür waren Materialien nötig, die nicht frei erhältlich waren. Farben mussten aus dem Westen eingeschleust werden, Papier wurde in Schreibwarenläden gezielt aufgekauft.

Bis zum Sommer 1987 blieb die Auflage gering und auf eine enge Szene begrenzt. Mit der Bildung eines festen Redaktionsteams Anfang 1988, dem u.a. Dirk Moldt und Silvio Meier angehörten, gewann das Projekt an Kontinuität. Die Zahl der Gastautor:innen wuchs ebenso wie die Verbreitung: Das Blatt zirkulierte nicht nur in Berlin, sondern auch in Städten wie Dresden, Halle, Jena oder Karl-Marx-Stadt. Die Auflage stieg von wenigen Dutzend auf zeitweise etwa tausend Exemplare. Die letzte der insgesamt 15 Ausgaben erschien im Dezember 1989.

Im Gemeindehauskeller der Zionskirche stand eine Druckmaschine, auf der neben »mOArning star« auch andere Samisdat-Blätter produziert wurden – etwa die »Umweltblätter« der Umweltbibliothek oder der »Grenzfall« der Initiative Frieden und Menschenrechte. Dass dieser Schutzraum keineswegs unangreifbar war, zeigte sich in der Nacht auf den 25. November 1987, als die Staatssicherheit die Druckräume stürmte.

Ein besonders heikles Projekt war das Fanzine »Inside«, das 1988 im Zusammenhang mit dem Frühlingsfest in der Erlöserkirche Berlin-Rummelsburg entstand (Abb. 4). Die Initiative ging vor allem von Raimond »Herne« Pietzker aus, gemeinsam mit dem Warschauer Pjotr Wierzbicki, die beide auch auf dem Frontcover abgebildet sind. Da die Druckmaschinen im Keller der Zionskirche nach dem Überfall der Stasi nicht genutzt werden durften, fiel die Entscheidung, das Heft in Polen zu kopieren. Doch der Transport der Auflage über die Grenze wurde überwacht und Michael »A-Micha« Horschig beim Versuch verhaftet, die erste (und damit letzte) Ausgabe über die Grenze zu schmuggeln.

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Abb. 3 »mOAningstar«, # OA/ KVU 4711 09 (1988), Ost-Berlin (DDR)

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Abb. 4 »Inside«, #1 (1988), Ost-Berlin (DDR) / Polen

In den folgenden Verhören stand zeitweise der Vorwurf der »Agententätigkeit« im Raum – ein Delikt, das langjährige Haftstrafen nach sich ziehen konnte. Letztlich konnte dieser Tatbestand aber nicht durchgesetzt werden, unter anderem weil nur eine Person aus der DDR und eine aus dem Ausland beteiligt waren. Die Beteiligten hatten zudem darauf geachtet, die Artikel formal unpolitisch zu halten.

Doch die Stasi drängte A-Micha unter Androhung einer Gefängnisstrafe zur Herausgabe von Details über das bevorstehende Frühlingsfest, im Gegenzug versprach das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das Fest nicht zu unterbinden. Nach Rücksprache mit der Vorbereitungsgruppe in der Erlöserkirche gab er ihnen schließlich wenig mehr als die Informationen, die sie bereits hatten und bestätigt wissen wollten. Am Ende wurden einige polnische Musiker:innen und Besucher:innen auf dem Weg zum Frühlingsfest an der Grenze zeitweise festgehalten und wieder zurückgeschickt. Das Fanzine »Inside« blieb unveröffentlicht, das einzige erhaltene Exemplar stammt aus der Stasi-Akte von Horschig.

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Abb. 5 Kontaktanfrage in »Die Aufklärung«, #1 (ca. 1981/82), Neumünster (BRD)

In den letzten Jahren der DDR konnte das SED-Regime die Produktion nicht genehmigter Druckschriften immer weniger kontrollieren. In Leipzig erschien Ende 1987 mit der »Messitsch« das erste illegale Musik-Fanzine der Stadt. Nach der Wende verlagerte sich das Projekt nach Berlin und erschien dort regulär am Kiosk. In Leipzig trat 1989 mit »Persona Non Grata« ein neues Magazin an seine Stelle.

Auch legale Nischen öffneten sich: Die IG Rock (Interessengemeinschaft Rock), eine Mitte der 1970er Jahre gegründete Interessenvertretung von Rock- und Popmusiker:innen in der DDR, veröffentlichte ab etwa 1987 das Heft »Das Rock Blatt«, das zwischen Fanzine und fachlich ambitionierter Musikzeitschrift pendelte. Doch selbst in den staatlich verantworteten Magazinen fanden nun auch neue, als »die anderen Bands« bezeichnete Gruppen aus der DDR und internationale Künstler:innen allmählich einen Platz.

Ein Leserbrief von 1989 aus Freiberg (Sachsen), veröffentlicht im Duisburger Fanzine »Scumfuck Tradition« (#4, 1989), zeigt aber, dass das Informationsbedürfnis deutlich größer war: Der Schreiber berichtete, er beziehe seit Jahren westliche Musikmagazine, müsse sich aber für jedes seiner bevorzugten Subgenres eigene Fanzines organisieren. Tatsächlich waren Musikmagazine und Fanzines aus dem »nicht-sozialistischen« Ausland in der DDR trotz Einfuhrverbot relativ verbreitet. Während der Post- und Personenverkehr immer noch strengen Kontrollen unterlag, gelangten Radio- und Fernsehsignale längst in beide Richtungen. Brieffreundschaften zwischen Jugendlichen dies- und jenseits der Grenze entstanden über Anzeigen in Westmagazinen wie der »Bravo«, über Verwandtschaftsbeziehungen oder bei zufälligen Begegnungen etwa im Urlaub in sozialistischen Ländern. Auf diesen Wegen kamen auch Poster, Artikel und Fanzines in die DDR.

Schon früh tauchen in westdeutschen Fanzines Hinweise auf, dass die Mauer für die Punk-Szene keine gedankliche Grenze sein sollte. Im Neumünsteraner Heft »Die Aufklärung« (#1, ca. 1981/82) endet eine Liste von Bands und Fanzines mit der offenen Frage, ob jemand »Konnekschens zur DDR« habe – ein direkter Aufruf zur Kontaktaufnahme über die Systemgrenze hinweg (Abb. 5). Auch das Rotenburger Fanzine »Volksbegehren« (#1, ca. 1982) setzte ein visuelles Zeichen: Das Titelbild inszenierte eine Verbindung zwischen Punks in Ost und West und deutete damit an, dass man sich als Teil einer gemeinsamen Bewegung verstand. (Abb. 6)

Ab etwa 1982 intensivierte sich dieser Austausch deutlich: Informationen, Tapes und Hefte zirkulierten, DDR-Bands tauchten in westlichen Fanzines auf, Texte von Ost-Punks wurden im Westen gedruckt. Eine wichtige Rolle spielten dabei jene Jugendlichen, die im Zuge von Ausreisen oder Häftlingsfreikäufen in die Bundesrepublik gelangten und ihre Kontakte weiter nutzten. Dass die Netzwerke weit reichten, zeigen Ermittlungen des MfS: Ein Dresdner Punk verfügte über mehrere hundert Adressen von Fanzines und Tape-Vertrieben in der Bundesrepublik Deutschland, Großbritannien, den USA und zahlreichen weiteren Ländern. Zeitzeug:innen berichten zudem von direkten Kontakten, etwa zu Londoner Punks, die man in Ost-Berlin kennengelernt hatte – man schickte sich gegenseitig Flyer und schmuggelte Musikaufnahmen außer Landes. Der Austausch war also keineswegs nur Wunschdenken, sondern entwickelte sich früh zu einem realen Transfer von Informationen, Materialien und damit auch Szene-Identitäten.

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Abb. 6 Cover des Fanzines »Volksbegehren«, #1 (ca. 1982), Rotenburg (BRD)

 

1. »Negativ-dekadente« Sub- und Jugendkulturen in der DDR

Die Auseinandersetzung des DDR-Regimes mit jugendlichen Subkulturen begann lange vor der Punk-Bewegung. Bereits Mitte der 1960er Jahre gerieten Beatfans und sogenannte Gammler ins Visier von Partei, Volkspolizei und Staatssicherheit. Zunächst hatte es sogar Ansätze gegeben, Beatmusik vorsichtig zu fördern. Doch 1965 schlug die Stimmung um: Die Anti-Beat-Kampagne und das berüchtigte »Kahlschlag«-Plenum im Dezember desselben Jahres markieren eine deutliche kulturpolitische Zäsur. Filme wurden verboten, Kader des Jugend- und Kulturapparates abgesetzt, Bands mit Auftrittsverboten belegt. Jugendliche mit langen Haaren oder westlich inspirierter Kleidung mussten damit rechnen, schikaniert oder sogar gewaltsam geschoren zu werden.

Die offizielle Begründung folgte einem bekannten Muster: Nonkonformes Verhalten galt nicht als normale jugendliche Abgrenzung, sondern als Symptom gesellschaftlicher Fehlentwicklung. Hatte man zunächst versucht, jugendliche Delinquenz mit Überbleibseln aus »vorkapitalistischen« oder »bürgerlichen« Zeiten zu erklären, setzte sich zunehmend die Vorstellung durch, westliche Medien und »Schmutz- und Schundliteratur« seien verantwortlich. Subkulturen erschienen als Einfallstore feindlicher Ideologie.

Mit dem »Befehl 11/66« zur Bekämpfung der »politisch-ideologischen Diversion« schuf das MfS eine Grundlage, die bis 1989 wirksam blieb. Westkontakte Jugendlicher, Laienbands als auch Großveranstaltungen, bei denen es zu »rowdyhaften« Ausschreitungen kommen könnte, wurden systematisch überwacht. Besonders Musiker:innen westlich orientierter Gruppen gerieten ins Visier und die Anwerbung »Inoffizieller Mitarbeiter« (IM) unter ihnen wurde gezielt vorangetrieben. Dass sich nach 1990 zahlreiche IM unter Rockmusiker:innen fanden, ist auch auf diese Praxis zurückzuführen.

Gleichzeitig zeigte sich das System immer wieder pragmatisch. Unter bestimmten Bedingungen – etwa Umbenennungen von Bands oder dem Verzicht auf allzu auffällige Anglizismen – konnten Gruppen weiterarbeiten. Selbst im Jugendradio DT64 wurden nach zeitweiliger Verbannung englischsprachiger Titel bald wieder Beatles-Songs gespielt. Am Übergang zu den 1970er Jahren erhielt die Beatmusik eine Art offizielle Duldung, nun allerdings unter der Bezeichnung »Jugendtanzmusik«. Der Begriff »Rock« blieb aus ideologischen Gründen lange unerwünscht.

Die frühen Jahre der Honecker-Ära gelten oft als Phase der Lockerung. Doch die Repression verschwand nicht, sie verlagerte sich. Jugendszenen, Rockbands und ihre Fans blieben kontinuierlich Beobachtungsobjekte von MfS und Volkspolizei. Als selbsternannte Avantgarde beanspruchte die SED-Führung, sämtliche gesellschaftlichen Bereiche inklusive Kultur und Freizeit politisch zu durchdringen. Medien, Veranstaltungsorte und Verbände unterstanden staatlicher Kontrolle. Bildung und Kultur hatten eine erzieherische Funktion im Sinne einer sozialistischen Nationalkultur. Dafür brauchte es auch ein Gegenbild: Der »Westen« – besonders die BRD und die USA – fungierte als Negativfolie.

Phänomene wie »Asozialität« oder »Rowdytum« wurden nicht nur kriminalisiert, sondern ideologisch aufgeladen. Typische Zuschreibungen – jung, zumeist männlich, moralisch fragwürdig – betrafen immer wieder Anhänger:innen jugendlicher Subkulturen. Diskurse über »Dekadenz«, »Verfall« oder »Entartung« knüpften an ältere kulturkritische und sozialrassistische Denkmuster an. Auffällige Kleidung oder Frisuren führten häufig erst zur polizeilichen Aufmerksamkeit, die diagnostizierte »Gefährlichkeit« folgte nicht selten aus dieser Vorselektion.

Dabei lässt sich auch argumentieren, dass »Abweichung« in der DDR vor allem durch die engen Normen des Staatssozialismus entstand. Jugendliche Verweigerung war kein Sonderfall, sondern ein typisches Moment des Erwachsenwerdens – wurde jedoch im DDR-Kontext politisiert und sanktioniert.

Als Ende der 1970er Jahre erste Berichte über Punk in DDR-Medien erschienen, waren sie überwiegend negativ. Westliche Darstellungen wie etwa eine vielbeachtete Titelgeschichte im »Spiegel« wurden aufgegriffen und ideologisch zugespitzt. Punk erschien als Ausdruck des kriselnden Kapitalismus: arbeitslos, nihilistisch, verwahrlost. Entsprechend war das Feindbild bereits konstruiert, noch bevor sich die Szene in der DDR sichtbar formierte.

1978 registrierten Volkspolizei und MfS erste Punks. Zunächst reagierte man vergleichsweise nüchtern, von akuter Staatsgefährdung war noch nicht die Rede. Doch ab Beginn der 1980er Jahre nahm die Zahl einschlägiger Berichte stark zu. Spätestens 1982 wuchs das Material so stark an, dass Punk zu einem festen Beobachtungsfeld wurde.

Entscheidend war die Wahrnehmung von Punk als Teil einer »politisch-ideologischen Diversion«. Besonders als westliche Medien über DDR-Punks berichteten, fügte sich das Bild in bekannte Deutungsmuster: Der »Gegner« nutze die Szene, um oppositionelle Tendenzen zu fördern. In der Logik der seit 1966 geltenden Dienstanweisungen des MfS passten Punks scheinbar perfekt ins Raster. Westkontakte, Nähe zu kirchlichen Kreisen, staatskritische Äußerungen, exzessiver Alkoholkonsum und demonstrativ provokante Kleidung erfüllten nahezu alle Kriterien des Katalogs.

Gleichzeitig war Punk um 1980 zunächst vor allem ein ästhetisches Aufbegehren. Die Distanz zu Staat und Gesellschaft äußerte sich primär in Musik, Mode und Auftreten. Politische Intentionen standen nicht zwingend am Anfang. Erst die teils überzogenen Reaktionen staatlicher Stellen verstärkten die Abgrenzung. Jugendliche, die ohnehin ein wachsendes Desinteresse an staatlicher Propaganda zeigten, erlebten den Sozialismus als politisch repressiv, wirtschaftlich rückständig und kulturell beengt. Die Hinwendung zu westlich geprägten Subkulturen war für viele eine jugendkulturelle Antwort auf materielle, politische und geografische Begrenzungen.

Neben Punk existierten weitere Szenen in dieser »distanzierten Generation«, in den 1980er Jahren etwa Heavy-Metal-Fans und später Gothics, während Hippies bzw. »Blueser« bereits seit den 1970er Jahren präsent waren. Skinheads, Hooligans und rechte Jugendgruppen traten ebenfalls in Erscheinung und stellten eigene Herausforderungen dar. Aus staatlicher Sicht galten insbesondere westlich orientierte Szenen als Provokation und wurden unter dem Etikett »negativ-dekadent« zusammengefasst.

Die zweite Hälfte der 1980er Jahre brachte eine Zuspitzung. Ereignisse wie der Überfall von Neonazis auf die Zionskirche im Oktober 1987, der »Kirchentag von Unten« oder die gewaltsame Auflösung von Gruppen von Jugendlichen, die an der Berliner Mauer Konzerte von David Bowie oder Genesis mithören wollten, verdeutlichen das steigende Konfliktpotenzial. Zugleich wuchs der internationale Druck im Zuge von Gorbatschows Reformpolitik. Im Februar 1988 verabschiedete das Politbüro einen vielbeachteten Beschluss, der die Existenz verschiedener Jugendszenen erstmals offiziell anerkannte. Zwar wiederholte das Papier die bekannten Warnungen vor westlicher Einflussnahme und kirchlicher Konkurrenz, doch nun sollten Jugendliche nicht länger primär nach ihrem äußeren Erscheinungsbild, sondern nach ihrer Haltung und ihren Leistungen für den Sozialismus beurteilt werden. Damit ging eine faktische Entkriminalisierung äußerlicher Merkmale einher, auch wenn der Beschluss vage blieb, was konkrete Maßnahmen anging.

Parallel dazu öffneten sich die Medien vorsichtig. Artikel über Amateurbands mit Punkelementen erschienen, 1988 kam der Dokumentarfilm »flüstern & SCHREIEN« in die Kinos, und mit dem Amiga-Sampler »die anderen bands« erhielten zuvor randständige Gruppen eine gewisse Sichtbarkeit. Ein weiterer Film, »Unsere Kinder«, der auch rechte Jugendliche und Gruftis porträtiert, entstand ebenfalls in dieser Phase, erreichte aber erst im Herbst 1989 das Publikum. Bereits im Vorfeld von Honeckers Staatsbesuch in der Bundesrepublik 1987 hatte es zudem die Anweisung gegeben, allzu offene Repressionen zu vermeiden, um negative Schlagzeilen im Westen zu verhindern. Auch das trug zu einer veränderten Praxis bei.

Dass es 1988 schließlich zu einer offiziellen Neubewertung kam, bedeutete allerdings keine vollständige Liberalisierung. Doch es zeigte sich, dass die bisherigen Strategien an Grenzen gestoßen waren. Die als »negativ-dekadent« etikettierten Jugendkulturen hatten sich trotz – und teilweise wegen – der staatlichen Gegenmaßnahmen etabliert. In diesem Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Aneignung, Stigmatisierung und späterer partieller Anerkennung spiegelt sich die Geschichte des späten DDR-Sozialismus in verdichteter Form.

 
Punk, die anderen und der SED-Staat

Die Geschichte der Punk-Subkultur in der DDR lässt sich nicht ohne Wissen von dem massiven Kontrast zum staatlich verordneten Kulturbetrieb verstehen. Bis Mitte der 1970er Jahre war es dem SED-Staat noch weitgehend gelungen, Rockmusiker:innen durch eine geschickte Balance aus staatlicher Förderung und strenger Reglementierung einzubinden und zu steuern. Doch diese Kontrolle bröckelte. Unaufhaltsam drang die Subkultur durch die Mauer und bot all jenen eine Identifikationsmöglichkeit, die sich bewusst außerhalb der staatlich verordneten Lebensentwürfe positionieren wollten.

In der Frühphase, etwa zwischen 1978 und 1980, lässt sich die Bewegung in der DDR noch als ein tastendes Suchen beschreiben. Die ersten Gruppen orientierten sich stark an dem, was sie über westliche Radiosender oder geschmuggelte Zeitschriften erfuhren. Bandnamen wie Antifaschistischer Schutzwall oder Der Schwarze Kanal zeigten bereits den Willen zur Provokation, indem sie Begriffe der DDR-Propaganda ins Absurde verkehrten.

Bei der inhaltlichen Aneignung des Punks vollzogen ostdeutsche Jugendliche eine entscheidende Umdeutung. Die britischen und amerikanischen Parolen der Frühphase, allen voran der Schlachtruf »No Future«, ließen sich kaum auf die DDR-Realität übertragen. Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit, die den Punk im Westen mitbefeuerten, waren im Sozialismus unbekannt. Stattdessen litten viele Jugendliche unter der erdrückenden Perspektive eines »Too Much Future«: Das Leben war durch das staatliche System von Geburt an vorgezeichnet – von den Pionierorganisationen über die FDJ bis hin zur Ausbildung und dem Wehrdienst. Die Rebellion richtete sich hier primär gegen dieses antizipierte, fremdbestimmte Schicksal. Sie war zutiefst antiautoritär, auch wenn sie sich anfangs nicht in einem klar definierten politischen Spektrum verorten ließ. Eine scharfe Spaltung in links- oder rechtsgerichtete Strömungen etablierte sich erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, zuvor hielt der gemeinsame Druck von außen die Szene trotz aller internen Differenzen oft zusammen.

Was als nahezu hermetisch abgeriegelter, fast schon sektiererischer Kreis begann, öffnete sich zu Beginn der 1980er Jahre für eine breitere Anhängerschaft. Mit dieser Öffnung veränderte sich nicht nur der Habitus der Szene, sondern auch ihr Selbstverständnis. Während die erste Generation vor allem durch einen konspirativen Zusammenhalt und eine kreative, eigene Ästhetik geprägt war, rückten ab etwa 1981 Äußerlichkeiten in den Vordergrund. Lederjacken, Boots und aufwendige Frisuren wie der Irokesenschnitt wurden zu Erkennungszeichen, mit denen man sich innerhalb der Szene profilierte. Das Wissen um Szene-Codes und die passende Optik wurde zum Eintrittsticket. Auch schien Punk zu einer Modewelle zu mutieren, vergleichbar mit anderen Jugendtrends jener Zeit. Die ehemals kreative Provokation wich zunehmend Ritualen, Worthülsen und dem Kopieren westlicher Klischees, was nicht selten zum Vorwurf des »Plastik-Punks« führte.

Ein eindrückliches Dokument für das Verständnis dieses Aushandlungsprozesses ist das als »Nachschlagewerk« initiierte Fanzine »The Punk«, das um 1984 von Jörg »Löffel« Löffler in Dresden zusammengestellt wurde. Das Heft verfolgte einen fast schon pädagogischen Ansatz. Löffler wollte einerseits die massiven Vorurteile bei Nicht-Szeneangehörigen abbauen, richtete sich aber mit deutlichen Worten auch an »diejenigen, die sich selbst für die größten Punx und Skins halten«, um sie zur Reflexion aufzurufen. (Abb. 7)

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Abb. 7 Ausschnitte aus dem als »Nachschlagewerk« über die Punk-Kultur in der DDR entwickelten Fanzine »The Punk« (Dresden, ca. 1984)

In Ost-Berlin prägten Gruppen wie Planlos, Rosa Extra oder Namenlos das Bild der Szene, während in Leipzig Wutanfall und in Erfurt Schleim-Keim zu regionalen Zentren der Punk-Kultur wurden. In Dresden galt die Band Paranoia als wichtiger Anlaufpunkt. Diese Bands spielten laut, schnell und mit Texten, die die Realität ungeschönt wiedergaben.

Einen umfassenden Überblick bietet das 1988 erschienene Ost-Berliner Fanzine »Inside«. (Abb. 8-10) Im Heft finden sich Informationen über frühe Gruppen wie Antitrott, Unerwünscht oder Paranoia, aber auch zur Entwicklung in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Bemerkenswert an diesem Dokument ist die offensive Haltung gegenüber dem Überwachungsapparat. Die Autoren machten aus der Not eine Tugend und deklarierten staatliche Repressionen wie polizeiliche Vorladungen oder Reiseverbote für »illegale« Bands kurzerhand zu »staatlichen auszeichnungen«. Sie waren sich der totalen Beobachtung durch das MfS bewusst, sodass sie im Heft gezielt Falschinformationen streuten – etwa die Behauptung, die Band Namenlos hätte sich aufgelöst –, um die Ermittlungsarbeit der Behörden ins Leere laufen zu lassen.

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Abb. 8 Ausschnitt aus »Inside«, #1 (1988), Ost-Berlin (DDR) / Polen

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Abb. 9 Ausschnitt aus »Inside«, #1 (1988), Ost-Berlin (DDR) / Polen

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Abb. 10 Ausschnitt aus »Inside«, #1 (1988), Ost-Berlin (DDR) / Polen

DIY in der Mangelwirtschaft: Kreativität aus dem Nichts

Der Alltag eines Punks in der DDR war eine tägliche Lektion in Improvisation. Während die wenigen privilegierten »Staats-Rockbands« auf West-Equipment oder professionelle Studiotechnik zugreifen konnten, herrschte im Untergrund technologische Steinzeit. Doch genau aus dieser Not wurde eine Tugend gemacht, die den Kern der DIY-Ethik (Do It Yourself) perfekt verkörpert.

Wie das Zine »The Punk« beschreibt, war der Mangel an Szene-Materialien allgegenwärtig, fast alles wurde in mühsamer Kleinarbeit selbst gefertigt. Diese äußere Erscheinung war weit mehr als eine Mode: Sie war ein Signal an Gleichgesinnte in einer Umgebung, die Uniformität einforderte. Auch die Verbreitung der Musik folgte diesem Prinzip: Da es keine Chance auf eine offizielle Schallplattenaufnahme gab, wurden Konzerte und Proben auf Kassetten mitgeschnitten und in kleinen Kreisen weitergereicht.

Einen spannenden Blick von außen auf diese Zustände liefert das Hamburger Magazin »Sounds« (#8, 1982). (Abb. 11-12) Die westdeutschen Redakteure Tim Renner und Thomas Meins wagten sich damals zu einem konspirativen Treffen mit DDR-Punks, darunter Musiker von Bands wie Müllstation und Tapetenwechsel, am Ost-Berliner Alexanderplatz. Die Begegnung endete prompt mit einer vorläufigen Festnahme durch die Volkspolizei. Die westdeutschen Beobachter zeigten sich erstaunt über die paradoxe Situation: Die Ost-Punks waren einerseits technisch völlig unterversorgt, verfügten aber über ein verblüffend aktuelles Wissen über die neuesten musikalischen Trends im Westen. West-Schallplatten waren mit die wichtigste »Währung« der Szene und wurden unzählige Male auf billige Kassetten überspielt, bis der Klang kaum noch zu erkennen war.

Die technische Ausstattung der Bands war oft abenteuerlich und nicht selten zusammengeklaut. Da professionelle Verstärker unerschwinglich waren, wurden alte Röhrenradios zu Gitarrenverstärkern umfunktioniert. Wer einen verzerrten Sound wollte, musste sich Effektgeräte aus elektronischen Bauteilen selbst zusammenlöten, die eigentlich für ganz andere Zwecke gedacht waren. Tonaufnahmen entstanden meist unter abenteuerlichen Bedingungen in Wohnzimmern auf einfachen Kassettenrekordern. Der dabei entstandene rohe Sound war vor allem das Ergebnis einer permanenten Mangelwirtschaft, die jedoch eine ganz eigene Ästhetik hervorbrachte.

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Abb. 11 »Sounds«, #8 (1982), Hamburg (BRD)

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Abb. 12 »Sounds«, #8 (1982), Hamburg (BRD)

Die bürokratische Falle: Das Einstufungssystem

Wer in der DDR vor Publikum musizieren wollte, kam an der »Einstufung« nicht vorbei. Dieses bürokratische System war das primäre Instrument der kulturellen Steuerung. Eine Kommission aus Kulturfunktionär:innen, Profi-Musiker:innen und Musikwissenschaftler:innen beurteilte bei zumeist öffentlichen Vorführungen nicht nur die handwerkliche Qualität einer Band, sondern vor allem deren politische Zuverlässigkeit. Die Einteilung in Grund-, Mittel- oder Oberstufen entschied über die erlaubte Gage und damit über die legale Existenzmöglichkeit einer Gruppe.

Wie die »Sounds«-Autoren zurecht feststellten, hatten junge, unkonventionelle Bands in diesem Verfahren kaum eine Chance. Die Kriterien waren willkürlich und dienten dazu, alles Unangepasste im Keim zu ersticken. Punkbands standen vor einem Dilemma: Entweder sie passten ihre Texte so weit an, dass sie die »Pappe« (Spielerlaubnis) erhielten und damit aber ihren Ruf in der Szene riskierten, oder sie spielten illegal, was unweigerlich die Sicherheitsorgane auf den Plan rief.

Im Laufe der 1980er Jahre verlor jedoch das staatliche Einstufungssystem, das Bands für die Spielerlaubnis durchlaufen mussten, zusehends an Legitimität. Anstatt sich bei den Prüfungen durch unverdächtige Programme anzupassen, wie es in früheren Jahrzehnten üblich war, forderte das Ideal der »Authentizität« und »Street Credibility« ein unverfälschtes Auftreten. Ab 1987 erhielten schließlich vermehrt Bands mit Punk- oder Indie-Wurzeln, etwa Die Skeptiker, Kaltfront oder Cadavre Exquis, eine offizielle Spielerlaubnis. Diese Legalisierung war jedoch kein liberaler Kurswechsel »von oben«, sondern das Ergebnis einer schleichenden Erosion des Kulturapparates: Da einzelne Kader und Kommissionen ihre Rolle als Zensoren zunehmend aufgaben, verfiel die staatliche Kontrolle auf breiter Front und schuf so neue Handlungsspielräume für Bands und ihr Publikum.

 

Kontrolle, Repression und Verfolgung

Um das Ausmaß dieser staatlichen Kontrollwut zu verstehen, lohnt ein Blick zurück in die Zeit vor Punk. In »Sounds« (#9, 1978) (Abb. 13) wird das Schicksal der legendären Renft-Combo dokumentiert. Ihr Ende diente als perfektes Lehrstück für die spätere Punk-Generation. Der Bericht dokumentiert eine »Aussprache« der Bandmitglieder (darunter Christian Kunert, dem Autor des Beitrags) mit den Kulturfunktionären Peter Czerny und Walter Kubiczeck, dem Generaldirektor und dessen Stellvertreter beim Komitee für Unterhaltungskunst, die faktisch einem Verhör glich. Grund dieses Treffens waren Äußerungen bei einem Konzert, die als Ausdruck einer »DDR-feindliche[n] Haltung« ausgelegt wurden, sowie die Rolle von Gerulf Pannach in der Band, der zusammen mit der Renft-Combo arbeitete und Auftrittsverbot erhielt. Den Musikern wurde unmissverständlich klargemacht, dass sie als Künstler nur existieren dürften, wenn sie sich den ideologischen Vorgaben unterordneten.

Doch die Musiker weigerten sich, mitzuspielen und wurden dafür bestraft: Ende 1976 wurden Pannach, Kunert und der Schriftsteller Jürgen Fuchs verhaftet, neun Monate lang im zentralen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen verhört und im Sommer 1977 ohne Prozess ausgebürgert und nach West-Berlin ausgewiesen. Diese Erfahrung der absoluten staatlichen Willkür gegenüber unliebsamen Musiker:innen war das Erbe, mit dem die Punks konfrontiert waren.

Die erste große Welle der Punk-Repression rollte bereits Anfang 1981 an. Zu diesem Zeitpunkt lag die Zuständigkeit noch primär bei der Volkspolizei, genauer gesagt bei der Abteilung K1 der Kriminalpolizei. Diese fungierte als politischer Arm der herkömmlichen Polizei und agierte als Bindeglied zum Staatssicherheitsdienst. Die Behörden versuchten, die Bewegung im Keim zu ersticken, indem massiver Druck auf das soziale Umfeld der Jugendlichen ausgeübt wurde. Schulen, Lehrbetriebe und Elternhäuser wurden instrumentalisiert, um die »Abweichler« zur Raison zu bringen. Wer sich nicht anpasste, bekam die Härte des Gesetzes zu spüren. Dies geschah oft durch den Einsatz sogenannter Gummiparagraphen wie § 220 (»Öffentliche Herabwürdigung«), wofür oftmals schon ein provokanter Spruch auf der Jacke oder in Songtexten reichte, und § 249 (»Asoziales Verhalten«), mit dem Arbeitslosigkeit und -verweigerung kriminalisiert wurde. Mit Delikten, die den Betroffenen teils untergeschoben wurden, wurden so Punks als Kriminelle gebrandmarkt. Bereits in dieser Phase begannen die ersten Versuche, Szene-Mitglieder als »Inoffizielle Mitarbeiter« (IM) anzuwerben, um die Gruppen von innen heraus zu kontrollieren.

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Abb. 13 »Sounds«, #9 (1978), Hamburg (BRD)

Wie konsequent und flächendeckend die Direktive »Härte gegen Punk« im Alltag umgesetzt wurde, lässt sich anhand von Berichten in westdeutschen Fanzines ablesen: Unter der Überschrift »Jagdszenen« findet sich im Augsburger Heft »Trust« (#4, 1987) (Abb. 14) eine Auflistung von beispielhaften Gängelungen, Repressionen und Übergriffen von Volkspolizisten gegenüber Punks und anderen alternativen Jugendlichen. Deutlich wird, dass bereits das äußere Erscheinungsbild ausreichte, um ins Visier der Behörden zu geraten. Wer als Punk erkennbar war, bekam ständige polizeiliche Kontrollen und Schikanen zu spüren.

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Abb. 14 Aufzählung von Übergriffen auf Leipziger Punks von Polizisten im Fanzine »Trust«, #4 (1987), Augsburg (BRD)

Ein besonders perfides Mittel der frühen Verfolgung war die administrative Einengung des Lebensraums. Punks erhielten offizielle Auflagen, die ihnen den Umgang mit bestimmten Freund:innen untersagten und ganze Stadtteile, Diskotheken oder öffentliche Plätze zu Sperrzonen erklärten. Zudem wurden Gastwirte unter Druck gesetzt, Punks nicht mehr zu bedienen, wollten sie ihre Konzession nicht verlieren.

Dies zwang die Szene an den Rand der Gesellschaft – geografisch wie sozial. Treffpunkte verlagerten sich in Randbezirke. Paradoxerweise ließ man Treffen an Orten wie dem Berliner Kulturpark teilweise gewähren. Dies geschah jedoch nicht aus Liberalität, sondern aus taktischem Kalkül: Es war einfacher, ein konzentriertes Kollektiv an einem bekannten Ort zu überwachen, zu filmen und zu fotografieren, als vereinzelte Gruppen im gesamten Stadtgebiet zu jagen.

Der Wendepunkt hin zu einer totalen Eskalation erfolgte im Sommer 1983. Die Staatssicherheit hatte inzwischen die Federführung übernommen. Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, gab die Devise »Härte gegen Punk« aus. Dieser Befehl war das Startsignal für eine beispiellose Kriminalisierungswelle. Ziel war es, die Bewegung als Ganzes zu eliminieren. Die Punks waren für das MfS deshalb so gefährlich, weil sie zumeist keine Angst vor dem Repressionsapparat zeigten.

Als Exempel diente die Berliner Band Namenlos. Ihr Auftritt im Juni 1983 in der Berliner Erlöserkirche, bei dem sie offen regimekritische Texte sangen, wurde vom MfS als unerträgliche Provokation empfunden. Im August wurden die Bandmitglieder verhaftet. Die Verurteilung wegen »öffentlicher Herabwürdigung« zu Haftstrafen von bis zu anderthalb Jahren markierte den Auftakt einer Jagd auf Texter:innen und Musiker:innen. Der Staat suchte nun gezielt nach strafrechtlich relevanten Anhaltspunkten.

Neben der sichtbaren justiziellen Verurteilung entwickelte das MfS ein Arsenal an unsichtbaren Verfolgungsmethoden, die als »Zersetzung« bezeichnet wurden. Ziel war die psychische Destabilisierung und soziale Isolation der Punks. Das MfS griff tief in die Biografien ein: Geplante Karrieren wurden etwa durch fingierte berufliche Misserfolge zerstört und Freundschaften durch gezielte Gerüchte vergiftet. Ein besonders wirkungsvolles Mittel war die »Scheinwerbung«. Man ließ Gerüchte streuen, dass eine zentrale Figur der Szene mit der Stasi zusammenarbeite. In einer Szene, deren Ehrenkodex auf radikaler Ablehnung des Staates basierte, wirkte der Verdacht des Verrats wie ein tödliches Gift. Wer nach einer kurzen Haftzeit überraschend schnell wieder frei kam, galt sofort als verdächtig – oft war genau das die Absicht der Stasi.

Zusätzlich zu Haftstrafen nutzte der Staat weitere Maßnahmen, um die Szene auszudünnen: Während jüngere Punks kurzerhand in Jugendwerkhöfe (»Resozialisierungseinrichtung« für Jugendliche) verfrachtet wurden, bekamen ältere Punks eine vorzeitige Einberufung zur NVA (Nationalen Volksarmee) ins Haus, um sie aus ihrem Umfeld zu reißen und dem militärischen Drill zu unterwerfen. Zudem wurden führende Köpfe zur Ausreise in den Westen gedrängt oder aus der Haft heraus abgeschoben. Während dies für den Einzelnen oft eine Befreiung war, bedeutete es für die Szene in der DDR einen ständigen Verlust an Substanz und Kontinuität.

Gegen Ende der 1980er Jahre änderte sich die Dynamik. Die Repression hielt trotz aller neuen Freiräume an – wie das Innenstadtverbot in Dresden 1988/89 zeigt –, aber der Überwachungsapparat stieß an seine Grenzen. Das MfS musste Prioritäten setzen. Die rasant steigende Zahl von Ausreiseanträgen und das Aufkommen organisierter politischer Oppositionsgruppen banden so viele Ressourcen, dass die Bekämpfung von Punks quantitativ in den Hintergrund rückte. Bis zum Schluss blieb die Gewalt der Volkspolizei bei Personenkontrollen oder Zuführungen jedoch eine alltägliche Erfahrung.

 

Die Nische im Sakralraum: Kirche als Schutzraum

Die evangelische Kirche in der DDR nahm für die als »negativ-dekadent« verfemten Sub- und Jugendkulturen eine exklusive Sonderrolle ein, da sie die einzige Institution war, die einen gewissen Grad an Autonomie gegenüber dem staatlichen Kontrollapparat besaß. Da kirchliche Räume rechtlich eine Sonderstellung genossen, konnten dort Konzerte stattfinden, die offiziell als Gottesdienste oder religiöse Jugendveranstaltungen deklariert wurden. Damit wurde die staatliche Zensur zumindest zeitweise ausgehebelt. Im Rahmen der sogenannten Offenen Arbeit (OA) öffneten viele Gemeinden ihre Türen für Jugendliche, die im offiziellen System der FDJ keinen Platz fanden oder diesen bewusst ablehnten. Die Kirche war damit zumeist die einzige verfügbare Infrastruktur, die ein öffentliches Agieren überhaupt ermöglichte. Hier konnten Konzerte organisiert, Proberäume genutzt und soziale Kontakte gepflegt werden, die im restlichen öffentlichen Raum der DDR sofort polizeiliche Konsequenzen nach sich gezogen hätten.

Dieser Schutzraum war jedoch kein flächendeckendes Angebot, sondern hing fast immer vom Mut und der Initiative einzelner kirchlicher Akteure wie Pfarrern oder Jugendarbeitern ab. Diese Personen gingen oft ein erhebliches persönliches Risiko ein, wenn sie den Punks Räumlichkeiten zur Verfügung stellten und gegenüber staatlichen Stellen als Bürgen auftraten. Die Kirche bot dabei nicht nur das Dach über dem Kopf, sondern auch die technische Grundausstattung, die für eine Band in der DDR fast unmöglich privat zu organisieren war. Das Bereitstellen von professionellen Verstärkern und Mikrofonen war eine materielle Hilfeleistung, ohne die viele Punk-Bands niemals hätten auftreten können.

Trotz dieser existenziellen Unterstützung war das Verhältnis zwischen der Kirche und den Punks von massiven Spannungen geprägt. Die Motive beider Seiten deckten sich nur teilweise: Während die Kirche einen diakonischen – und mitunter auch missionarischen – Auftrag sah und Schutz für Ausgegrenzte bieten wollte, suchten die Punks häufig nur einen Ort für ihre Subkultur und ihren musikalischen Ausdruck. Innerhalb der Kirchengemeinden stieß dies häufig auf Unverständnis. Das äußere Erscheinungsbild der Punks, die Lautstärke der Musik sowie der Konsum von Alkohol und Zigaretten in kirchlichen Räumen führten zu heftigen Konflikten mit konservativen Gemeindemitgliedern und Kirchenräten.

Diese interne Reibung wurde durch den permanenten Druck von außen verschärft. Der Staat und das Ministerium für Staatssicherheit versuchten gezielt, Keile zwischen die Kirche und die Punk-Szene zu treiben. Pfarrer wurden unter Druck gesetzt, »ordnungswidrige« Konzerte zu unterbinden, und die Kirche musste ständig abwägen, wie viel Subversion sie in ihren Räumen dulden konnte, ohne ihre eigene, ohnehin prekäre Stellung im Staat zu gefährden. Dies führte dazu, dass der Schutzraum Kirche ein Ort permanenter Verhandlung blieb. Die Punks mussten sich gewissen kirchlichen Verhaltensregeln unterordnen, während die Kirche versuchte, die Szene zu integrieren, ohne deren radikale Autonomie vollständig zu ersticken. Die Kirche war somit ein fragiler Ankerpunkt: Sie war der einzige Ort, an dem Punk in der DDR physisch stattfinden konnte, doch dieser Freiraum war stets an inhaltliche und soziale Kompromisse gebunden.

 

Wandel und Erosion: Punk ab Mitte der 1980er Jahre

Unter dem Eindruck der sowjetischen Reformpolitik und dem offensichtlichen Desinteresse der Jugend am herkömmlichen DDR-Rock begannen staatliche Stellen in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, eine Politik der kontrollierten Öffnung und Vereinnahmung zu verfolgen. So öffneten sich plötzlich Türen, die jahrelang verriegelt gewesen waren. Engagierte Einzelpersonen innerhalb des Apparates dehnten die Nischen so weit, dass ein neues Phänomen entstand: »die anderen Bands«. Dieser schwammige Begriff wurde zum offiziellen Label für alles, was nach Punk, New Wave oder Independent klang, aber gerade noch als systemkompatibel galt.

So startete etwa der Sender DT64 die Sendung »Parocktikum« mit Lutz Schramm, bei der nun auch Demobänder von Gruppen liefen, die nicht einmal eine staatliche Erlaubnis hatten, während das staatliche Label Amiga Sampler und LPs von Bands wie Sandow, Feeling B oder den Skeptikern veröffentlichte. Das DEFA-Studio wiederum produzierte mit »flüstern & SCHREIEN« ein Porträt der Szene, das zwar subversiv wirkte, aber letztlich staatlich kontrollierte Freizügigkeit inszenierte.

Auch die FDJ ging in die Offensive. Statt Blauhemd-Zwang bot man nun Proberäume, Geld und Förderpreise an. Bands, die jahrelang als Staatsfeinde galten, wurden plötzlich zu »Fördergruppen« der FDJ-Bezirksleitungen. Diese Strategie führte dazu, dass Punk-Bands sogar auf offiziellen Pfingsttreffen vor tausenden FDJlern auftraten. Das Leipziger Fanzine »Messitsch« (#7, 1988) (Abb. 15) spiegelt diese zwiespältige Atmosphäre wider. Während der Beitrag »Regenzeit (Ein Winterebricht)« (sic!) die weiterhin gravierenden technischen und strukturellen Probleme im »Entwicklungsland« DDR betont, sieht der Artikel »Leipzig – Rock around the Clock« eine »Tauzeit« für den alternativen Rock anbrechen. Es war eine Phase der vorsichtigen Akzeptanz vonseiten der Behörden, solange die Bands sich in einem gewissen Rahmen bewegten.

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Abb. 15 Beiträge zur Situation im Jahr 1988 in »Messitsch«, #7 (1988), Leipzig (DDR)

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Abb. 16/17 Bericht aus der DDR in »Aardvark«, #6 (1989), Münster (BRD)

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Abb. 18 Bericht aus der DDR in »Aardvark«, #6 (1989), Münster (BRD)

Ein abschließendes Bild liefert das Münsteraner Zine »Aardvark« (#6 & #7, 1989) (Abb. 16-22) in den zwei Beiträgen »die anderen bands«. Der Autor Holger »Alge« Roloff, der selbst als Musiker und Betreiber des illegalen Labels »Trash Tape Rekords« aktiv war, musste anonym bleiben. Seine Berichte gelangten aufgrund der Postüberwachung nur über Umwege in den Westen. Nach einer Einleitung zur Frühphase des DDR-Punk legt er seinen kritischen Fokus auf die Umbruchzeit in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als die unter der Bezeichnung »die anderen bands« firmierenden alternativen Gruppen der DDR mehr und mehr von den Behörden geduldet und – nach erfolgter Einstufung – mitunter für ihre Zwecke einzuspannen versucht wurden.

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Abb. 19 Bericht aus der DDR in »Aardvark«, #7 (1989), Münster (BRD)

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Abb. 20 Bericht aus der DDR in »Aardvark«, #7 (1989), Münster (BRD)

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Abb. 21 Bericht aus der DDR in »Aardvark«, #7 (1989), Münster (BRD)

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Abb. 22 Bericht aus der DDR in »Aardvark«, #7 (1989), Münster (BRD)

Tatsächlich sahen sich viele Musiker:innen zur Selbstzensur oder zur Umbenennung ihrer Gruppen gezwungen, um die begehrte staatliche Einstufung und damit eine legale Auftrittserlaubnis zu erhalten. So entstanden aus provokanten Bandnamen wie Die Zucht oder Rosa Extra die weichgespülteren Namen Die Art und Hard Pop. All dies führte innerhalb der Szene zu Kritik und einer Entsolidarisierung zwischen den nun legalen Musiker:innen und dem weiterhin illegalen, harten Kern der Szene. Für jene, die sich der staatlichen Einbindung verweigerten, blieb der Alltag weiterhin von massiver Repression bestimmt.

In der Endphase der DDR wurde deutlich, dass diese vermeintliche Liberalisierung keine echte Freiheit bedeutete, sondern ein fragiles Konstrukt aus Kontrollverlust und kalkulierter Duldung war. Dass die Toleranz dort endete, wo die Machtfrage gestellt wurde, zeigt der Fall der Band Herbst in Peking im Sommer 1989. Nachdem sie bei einem Konzert zu einer Schweigeminute für die Opfer des Tiananmen-Massakers aufgerufen hatte, wurde ihr sofort die Spielerlaubnis entzogen. Es war das letzte Aufbäumen eines Apparates, der kurz darauf im Strudel der Wendeereignisse vollends die Kontrolle verlor.

 

Punk in Leipzig

Die Entstehung der Leipziger Punk-Bewegung lässt sich bis in die Jahre 1979 und 1980 zurückverfolgen, als sich jenseits der staatlich verordneten Jugendkultur erste subversive Kerne bildeten. In dieser frühen Phase war die Szene noch klein und suchte nach ihrer eigenen Identität. Doch mit der Gründung der Band Wutanfall im Jahr 1981 entstand ein kraftvolles Zentrum, um das sich die wachsende Anhängerschaft sammelte. Schnelligkeit, Härte und Lautstärke wurden zum Markenzeichen, das die Band innerhalb kürzester Zeit zu einer der wichtigsten Formationen in der DDRaufsteigen ließ – und damit auch die Sicherheitsbehörden auf den Plan rief.

Um im Klima der Überwachung bestehen zu können, schuf sich die Szene eigene infrastrukturelle Rückzugsorte. Zentral war die großzügige Wohnung des Gitarristen Imad Abdul Majid in der Auenstraße, die als eine Art anarchistisches Wohnzimmer und Proberaum fungierte. Nach Majids Ausscheiden aus der Band aufgrund interner Differenzen probten Wutanfall in einem besetzten Haus in der Sternwartenstraße. Hier, Ende 1981, stieg Frank »Zappa« Zappe als neuer Bassist ein. Die Praxis des »Schwarzwohnens« war nicht nur in Leipzig weit verbreitet, da die staatlichen Stellen mit der Verwaltung des maroden Altbaubestands völlig überfordert waren und illegale Besetzungen oft notgedrungen in legale Mietverhältnisse umwandelten. Diese Orte dienten als geschützte Räume für das kollektive Verbringen von Zeit, weit weg vom Zugriff der Elterngeneration oder staatlicher Kontrolle.

Das Jahr 1983 markiert dabei sowohl den qualitativen Höhepunkt als auch einen entscheidenden Wendepunkt der Bewegung. Bernd Stracke beschreibt in einem Brief an das Hasberger Fanzine »Der Durchbruch« (#4, 1985) (Abb. 24-25) diese Zeit als eine Phase weitgehender Präsenz im öffentlichen Raum. In dieser Hochphase war die Szene keineswegs isoliert, es existierten enge Verflechtungen mit Gleichgesinnten in Erfurt und Ost-Berlin. Sogar internationale Kontakte wurden gepflegt, die bis nach Ungarn reichten oder Verbindungen zu westdeutschen Musikern wie den Toten Hosen umfassten. Ergänzend dazu berichtet Maik »Ratte« Reichenbach im Oberhausener Fanzine »Scheißhaus« (#2, 1986), (Abb. 23) dass wöchentliche Konzerte und ein fester Treffpunkt zum Alltag gehörten, was das Gefühl einer geschlossenen Gemeinschaft verstärkte.

Eine kuriose Episode in der Wutanfall-Geschichte bildet das Einstufungskonzert im März 1983 im Arthur-Nagel-Haus. Um eine Verhaftung im Vorfeld zu verhindern, ließ sich Sänger Jürgen »Chaos« Gutjahr im Kofferraum eines Autos bis vor die Tür fahren. Entgegen der Absicht der Staatssicherheit, die Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen, war das Konzert durch eine Anzeige in der Lokalzeitung weiträumig bekannt geworden. Der Saal war mit über 100 Punks, die teilweise extra aus Ost-Berlin angereist waren, gut gefüllt. Obwohl die Kommission die Einstufung erwartungsgemäß verweigerte, empfanden die Musiker dieses Scheitern eher als Sieg. Der illegale Status ohne staatliche Lizenz wurde zum ultimativen Echtheitszertifikat.

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Abb. 23 Bericht von Maik Reichenbach in »Scheißhaus«, #2 (1986), Oberhausen (BRD)

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Abb. 24 Bericht von Bernd Stracke in »Der Durchbruch«, #4 (1985), Hasbergen (BRD) 

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Abb. 25 Bericht von Bernd Stracke in »Der Durchbruch«, #4 (1985), Hasbergen (BRD)

Jedoch zogen die Punks schnell die Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane auf sich. In seinem Bericht in »Der Durchbruch« kritisiert Bernd Stracke den Auftritt von vermeintlichen Trittbrettfahrern, die der Szene mit ihrem sinnlos-zerstörerischen Gebaren schaden und für erhöhte polizeiliche Kontrollen und Repressionen als auch Gaststättenverbote sorgen würden. Während die »Obstweinbande« – eine Gruppe eher rau auftretender Punks, die sich am ersten Straßenverkauf für Billigalkohol am Konsument-Warenhaus traf – vor allem mit der Volkspolizei aneinandergeriet, interessierte sich die Stasi gezielt für die Band Wutanfall und eröffnete die OPK (»operative Personenkontrolle«) »Stern«. Bereits zuvor wurde besonders der Sänger Chaos zum Ziel massiver Repression, die bis hin zu gewalttätigen Übergriffen durch Kriminalpolizisten führte und ihn Ende 1983 zum Ausstieg aus Wutanfall zwang. Seinen Platz nahm vorerst Bernd Stracke ein.

Ein wichtiger Verbündeter in diesem Überlebenskampf wurde die Kirche. Engagierte Sozialdiakone, wie etwa in der Stephanus-Gemeinde in Mockau, boten den Punks Kellerräume als Treffpunkt an. Der »Mockauer Keller« oder der »Michaeliskeller« fungierten bald als eine Art Ersatzkneipe, in der man ungestört Musik hören und Konzerte veranstalten konnte. Hier vermischten sich verschiedene alternative Milieus, wobei ehemalige Hippies aus der Jungen Gemeinde zu den Punks stießen und so die subkulturelle Basis verbreiterten. Die Jugendarbeit der Kirche versuchte zudem, das Aufbegehren in friedliche Bahnen zu lenken, was sich in ersten Sitzstreiks und Friedensmärschen äußerte.

Die Repression erreichte im November 1983 eine neue Stufe. Als Reaktion auf die Inhaftierung von Mitgliedern der Berliner Band Namenlos zeigten Leipziger Punks offene Solidarität. Sprüh-Aktionen in Leipzig-Grünau, mit denen die Freiheit der Inhaftierten gefordert wurde, führten zu Haftstrafen für Beteiligte wie Maik »Ratte« Reichenbach. Am Tag der Urteilsverkündung kam es vor dem Kino Capitol zu einer stillen Protestaktion mit Kerzen, die im Rahmen des internationalen Dokumentarfilmfestivals für Aufmerksamkeit sorgen sollte, jedoch zur Verhaftung und Verurteilung von Bernd Stracke wegen »Rowdytums« führte. Diese Ereignisse markierten das Ende der ersten Phase des Leipziger Punks und zwangen die Beteiligten zu einer Neuausrichtung.

Nach der Auflösung von Wutanfall gründeten Imad Abdul Majid und die mittlerweile wieder aus der Haft entlassenen Stracke und Ratte Ende 1984 die Formation L’Attentat, die den politischen und musikalischen Kurs noch radikaler fortsetzte. Besonders Gitarrist Imad trieb nun eine groß angelegte Kampagne voran, um die nun vor allem Hardcore Punkspielende Band im Westen bekannt zu machen. Dafür verschickte er zahlreiche Serienbriefe und Fotopostkarten, die im Labor der Fotografin Christiane Eisler vervielfältigt wurden, an seine zahlreichen Kontakte im Ausland, vor allem an Fanzines in Westdeutschland, der Schweiz und der USA. In diesen Briefen, die unter anderem im Nürnberger Fanzine »Set For Action!« (#8, 1985) (Abb. 26-27) sowie im Heft »Hustensaft« (#5, ca. 1985) (Abb. 28-29) abgedruckt wurden, präsentiert er L’Attentat strategisch als direkten Nachfolger von Wutanfall, um an deren Ruhm anzuknüpfen.

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Abb. 30 Leserbrief von Bernd Stracke in »Kabeljau«, #2 (1985), Norderstedt (BRD)

Seine Berichte zeichneten ein düsteres Bild: In der DDR seien weder Fanzines noch Punk-Platten erlaubt, und Auftritte ließen sich nur unter dem prekären Schutz der Kirche realisieren, wobei auch diese oft durch Sicherheitsorgane gestört würden. Majid nutzte diese Briefe auch für eine klare Abgrenzung innerhalb der Szene: So betonte er zwar die Einigkeit zwischen Punks und nicht-faschistischen Skinheads, ließ aber keine Gelegenheit aus, die Erfurter Punk-Gruppe Schleim-Keim abzuwerten. Dass diese Kritik auf einer persönlichen Abneigung nach einem kurzen Intermezzo in der Band beruhte, ließ er allerdings unerwähnt. Trotz der Postzensur gelangten erstaunlich viele dieser Sendungen ins Ausland. Die besetzte Wohnung in der Dufourstraße entwickelte sich so zu einem Anlaufpunkt für Reisende aus dem Westen, die den Untergrund der DDR suchten.

Die Situation in der Leipziger Szene verschärfte sich Mitte der 1980er Jahre massiv. Bernd Stracke, der bereits durch seine musikalischen Aktivitäten und die vorangegangene Haftzeit ins Fadenkreuz geraten war, suchte nun die offene Konfrontation mit dem System. So begannen L’Attentat radikalere Texte ohne verschleiernde Metaphern zu verfassen, während sie sich in Briefen an Fanzines im Ausland offen über die Repressionen in der DDR ausließen. Stracke machte sich sogar über die offizielle Rhetorik der DDR lustig, indem er den angeschriebenen Fanzine-Herausgeber von »Kabeljau« (#2, 1985) (Abb. 30) als »asoziales, rauschgiftsüchtiges, verhurtes Opfer des aggressiven Imperialbourgeoisfaschismus« bezeichnete.

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Abb. 26 Bericht von Imad Abdul Majid in »Set For Action!«, #8 (1985), Nürnberg (BRD)

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Abb. 27 Bericht von Imad Abdul Majid in »Set For Action!«, #8 (1985), Nürnberg (BRD)

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Abb. 28 Bericht von Imad Abdul Majid in »Hustensaft«, #5 (ca. 1985), Bergkamen (BRD)

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Abb. 29 Bericht von Imad Abdul Majid in »Hustensaft«, #5 (ca. 1985), Bergkamen (BRD)

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Abb. 31 Meldung zur Verhaftung von Bernd Stracke in »Banzai«, #15/16/17 (1985), Nagold (BRD)

Zusammen mit seinen Mitstreitern Imad und Ratte stellte Stracke 1984 einen Ausreiseantrag. Dieser Schritt fand im Juni 1985 bei einem erneuten Besuch in der Abteilung Inneres ihren Höhepunkt: Stracke bezeichnete dort die DDR als totalitäres Regime und drohte offen damit, dass er »durchdrehen« könne, wenn er nicht bald das Land verlassen dürfe. Dies lieferte der Staatssicherheit den willkommenen Anlass für eine erneute Verhaftung. Berichte zu seiner Verhaftung finden sich unter anderem im Nagolder Fanzine »Banzai« (#15/16/17, 1985) (Abb. 31) von Armin Hofmann, auf dessen Label »X-Mist Records« 1987 die erste illegale L’Attentat-LP »Made in GDR« erschien (siehe dazu »ZAP« #6, 1988), sowie in dem abgedruckten Brief von Ratte im Oberhausener Fanzine »Scheißhaus« (#2, 1986).

Der anschließende Prozess im November 1985 nahm fast komödiantische Züge an, als der Richter und die Staatsanwältin über die Namen westlicher Fanzines und Bands stolperten und aus den Toten Hosen kurzerhand »Tote Hasen« machten, was im Gerichtssaal für Gelächter sorgte. Letztlich wurde Stracke wegen »ungesetzlicher Verbindungsaufnahme« und »öffentlicher Herabwürdigung« zu einer Haftstrafe von über anderthalb Jahren verurteilt. Im März 1986 wurde er schließlich von der Bundesrepublik freigekauft und zusammen mit seiner Frau in den Westen abgeschoben.

In den Jahren nach 1985 wandelte sich das Gesicht der Leipziger Szene spürbar. Während viele der Pioniere der ersten Stunde die Stadt in Richtung Westen verlassen hatten oder sich in private Nischen zurückzogen, wuchs eine neue Generation nach. Die Szene war zwar breiter geworden, doch der staatliche Druck blieb allgegenwärtig. Man bewegte sich nun in einem Spannungsfeld zwischen der stillschweigenden Duldung in kirchlichen Räumen und dem ständigen Risiko, bei Konzerten ins Visier der Behörden zu geraten.

1987 scheiterte ein geplantes Punk-Großereignis in Leipzig-Leutzsch an massiver staatlicher Intervention. Auf einem Kirchengelände sollten Bands wie Zorn und L’Attentat vor einem DDR-weiten Publikum auftreten – Gerüchte versprachen sogar die West-Band Slime. Im Fanzine »Kabeljau« (#10, 1988) (Abb. 32) findet sich ein Bericht dazu von einer an der Organisation beteiligten Person, allerdings stammt das dort abgedruckte Konzertfotoentgegen der Bildunterschrift bereits aus den Jahren 1984/85 (siehe »Kabeljau« #5, 1985).

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Abb. 32 Bericht zu verhindertem Konzert in »Kabeljau«, #10 (1988), Norderstedt (BRD)

Doch das Innenministerium bekam Wind von dem geplanten Event und zitierte den zuständigen Pfarrer herbei. Unter massivem Druck und der unverhohlenen Androhung eines gewaltsamen Polizeieinsatzes sollte er die Veranstaltung absagen. Da dieser staatliche Einschüchterungsversuch jedoch erst sehr kurzfristig erfolgte, war die Anreisewelle bereits in vollem Gange. Viele Bands waren schon vor Ort, und hunderte Punks befanden sich bereits auf dem Weg zur Messestadt. Dass die Band Zorn fortan unter Beobachtung stand, wurde unmittelbar darauf klar: Ein Unbekannter versuchte unter einem Vorwand, die Songtexte der Gruppe bei ihrem Techniker zu beschaffen. Spätestens dieser plumpe Infiltrationsversuch machte der Band klar, dass sie von nun an unter der permanenten Beobachtung des staatlichen Sicherheitsdienstes stand.

Ein besonderes Schlaglicht auf diese Spätphase wirft der ausführliche Bericht im Fanzine »Seconds To Nowhere« (#3, 1988) (Abb. 33-36) über einen Besuch im September 1988. Auf Einladung von Imad Abdul Majid reiste der Autor »PeeWee« aus dem Westen an, um an einem Konzert im Festsaal eines evangelischen Gemeindehauses teilzunehmen. Bands wie Strafkompanie aus Ost-Berlin, Reaktion aus Potsdam und Die Fanatischen Frisöre aus Eisenach teilten sich die Bühne mit der westdeutschen Formation Die Aggressiven Stuhlbeine aus Kiel. Für den westdeutschen Besucher war es eine erschütternde Erkenntnis, dass trotz einer geografischen Distanz von nur 150 Kilometern Welten zwischen den Lebensrealitäten lagen.

In den Interviews, die im Rahmen dieses Besuchs geführt wurden, traten die brennenden Themen der Endachtziger offen zutage. Ein dominantes Motiv war das Erstarken von Neonazis, die mittlerweile sowohl in Songtexten als auch in gewalttätigen Auseinandersetzungen im Alltag der Punks präsent waren. Gleichzeitig wurde das Verhältnis zur Kirche thematisiert. Zwar boten die kirchlichen Räume den einzigen Schutzraum für Konzerte, doch das Verhältnis zwischen den Punks und den Kirchenvertretern war oft von Spannungen und gegenseitigem Unverständnis geprägt.

Besonders eindrücklich schildert der Bericht die Haltung der Band Die Fanatischen Frisöre. Deren Schlagzeuger Andreas »Fozzy« von Nida lebte als Arbeitsloser und Wehrdienstverweigerer in der ständigen Gefahr, inhaftiert zu werden. In der DDR diente die Kriminalisierung von Arbeitslosigkeit über den »Asozialen«-Paragrafen nicht nur der Erfüllung der Planwirtschaft, sondern auch der sozialen Disziplinierung. Ab Mitte der 1980er Jahre etablierte sich eine prekäre Nische, in der man sich durch kleinere Jobs wie als Friedhofsgärtner, Reinigungskraft oder – wie etwa die Mitglieder von Feeling B. – durch privates Handwerk wie Schmuckherstellung ohne festes Arbeitsverhältnis durchschlug. Parallel dazu lockerte sich der staatliche Zugriff auf Wehrdienst-Totalverweigerer, für die nach 1985 ein rechtsfreier Raum entstand: Solange die Verweigerung nach bestimmten Spielregeln nicht öffentlich gemacht wurde, blieb die Haftstrafe aus, wenngleich dies den endgültigen Ausschluss von jeglicher beruflichen Weiterbildung bedeutete. Trotz dieses brüchigen Status quo nutzte der Staat jedoch weiterhin kurzzeitige Inhaftierungen als taktisches Mittel, etwa um potenzielle Demonstrant:innen vor den Feierlichkeiten zum 1. Mai präventiv aus dem Verkehr zu ziehen.

Dennoch lehnte es Fozzy kategorisch ab, einen Ausreiseantrag zu stellen. Sein Ziel war es nicht zu fliehen, sondern das Land von innen heraus zu verändern und zu verbessern. Diese Haltung war bereits ein deutlicher Vorbote für die im Folgejahr einsetzende Protestbewegung. Die Szene hatte sich von einer rein ästhetischen Rebellion zu einem politischen Faktor entwickelt und war nicht mehr bereit, die Heimat kampflos der staatlichen Kontrolle zu überlassen. Die Verfolgung durch die Staatssicherheit wurde in dieser Phase von den Akteuren fast schon als marginal abgetan. Man hatte gelernt, mit den regelmäßig aufkommenden Konflikten aufgrund von Songtexten umzugehen, während man bereits an einer neuen, freien Gesellschaft baute.

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Abb. 33 Bericht und Interviews in »Seconds To Nowhere«, #3 (1988), Hof (BRD)

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Abb. 34 Bericht und Interviews in »Seconds To Nowhere«, #3 (1988), Hof (BRD)

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Abb. 35 Bericht und Interviews in »Seconds To Nowhere«, #3 (1988), Hof (BRD)

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Abb. 36 Bericht und Interviews in »Seconds To Nowhere«, #3 (1988), Hof (BRD)

Punk in Dresden

Die Quellenlage zur Dresdner Punk-Szene stützt sich in weiten Teilen auf eine einzige Person: Jörg Löffler. Dieser schrieb in den Jahren 1983-1985 an eine Vielzahl von Fanzines im Ausland, insbesondere in Westdeutschland, von denen einige hier abgedruckt sind. Entsprechend liegt der Fokus jener Berichte auf den Bands, in denen Löffler, der auch unter den Pseudonymen »Sid«, »Löffel« und »Sonic Paranoia« bekannt war, als zentraler Akteur mitwirkte. Seine Ausführungen bieten jedoch weit mehr als nur eine Bandbiografie. Sie sind ein Zeugnis über die Entstehung und die Schwierigkeiten einer subkulturellen Bewegung in Dresden.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang in der späten Phase der 1970er Jahre, als von einer organisierten Szene in Dresden noch keine Rede sein konnte. Wie Löffler im Fanzine »Seelenqual« (#3, 1984) (Abb. 38-39) dokumentiert, erfuhren er und sein Schulfreund Falk 1978 über westliche Radiosendungen von Punk und fassten den Entschluss, mit den gesellschaftlichen Konventionen zu brechen. Ihr Ziel war es von Beginn an, nicht bloß westliche Vorbilder zu kopieren, sondern Punk auf ihre eigene Lebensrealität in der DDR zu beziehen.

Erste musikalische Gehversuche scheiterten jedoch oft an fehlenden Mitstreitern und Instrumenten. Erst im Jahr 1981 änderte sich das Bild, als die ersten Punks im Dresdner Stadtbild sichtbar wurden. Aus diesem kleinen Kreis formierte sich schließlich mit den Rotzjungen die erste echte Punkband der Stadt. Geprobt wurde unter dem Dach der Kirche in Niedersedlitz, wo man den Verantwortlichen erst mühsam erklären musste, was Punk eigentlich bedeutete.

Ein frühes Highlight und gleichzeitig eine Zäsur für die junge Formation war ihr Auftritt im Mai 1982 in Erfurt. Bei den dortigen Werkstatt-Tagen, einer von der Kirche organisierten Großveranstaltung, spielten die Rotzjungen gemeinsam mit Szenegrößen wie Schleim-Keim und Wutanfall. Ihr Sound orientierte sich damals noch stark am britischen 77er-Punk im Stile der Sex Pistols oder The Clash. Doch trotz der Euphorie und der begeisterten Reaktionen des Publikums folgte auf diesen Erfolg eine Phase der Ernüchterung.

Wie Löffler im Fanzine »Der Ketzer« (#3, 1983) (Abb. 37) betont, gab es zu dieser Zeit in Dresden eigentlich keine Szene, da man lediglich von etwa zehn bis fünfzehn aktiven Punks sprechen konnte. Die Band Rotzjungen zerbrach im Sommer 1982 unter dem äußeren und inneren Druck, manche Mitglieder stiegen aus, während die Roadies – und nach Löfflers Ausführungen einzigen Fans – wegen einer Schlägerei im Gefängnis landeten. Zudem machten den Pionieren zunehmend Nachwuchs-Punks zu schaffen, die durch bloße Randale und provokantes Auftreten dafür sorgten, dass Punks in Dresden der Zugang zu Kneipen verwehrt wurde und die Aufmerksamkeit der Volkspolizei zunahm. Auch der Proberaum in der Kirche ging in dieser Zeit verloren.

Anfang 1983 formierte sich aus den Trümmern der alten Band die neue Formation Orgasmus. Da man jedoch schnell feststellte, dass in Ungarn bereits eine Band unter diesem Namen existierte, erfolgte prompt die Umbenennung in Gegenschlag. Dieser Name war Programm: Die Musik wurde schneller und aggressiver, beeinflusst von US-amerikanischen Bands wie den Dead Kennedys. Die Band versuchte, sich von der Stagnation der frühen Tage zu lösen, kämpfte aber weiterhin mit dem chronischen Mangel an Proberäumen und Treffpunkten in der Stadt.

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Abb. 37 Bericht von Jörg Löffler, in: »Der Ketzer«, #3 (1983), Darmstadt (BRD)

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Abb. 38 Bandgeschichte von Jörg Löffler, in: »Seelenqual«, #3 (1984), Indersdorf (BRD)

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Abb. 39 Bandgeschichte von Jörg Löffler, in: »Seelenqual«, #3 (1984), Indersdorf (BRD)

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Abb. 40 Reisebericht von Jörg Löffler, in: »Seelenqual«, #3 (1984), Indersdorf (BRD)

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Abb. 41 Reisebericht von Jörg Löffler, in: »Seelenqual«, #3 (1984), Indersdorf (BRD)

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Abb. 44 Tape-Review in »Schmock«, #4 (ca. 1985), Wildberg (BRD)

Ein einschneidendes Erlebnis für einen Teil der Band-Mitglieder von Gegenschlag war eine Reise nach Budapest im Sommer 1983, über die Löffler im »Seelenqual«-Fanzine (#3, 1984) (Abb. 40-41) einen ausführlichen Bericht veröffentlichte. Budapest galt für Punks aus der DDR als ein Sehnsuchtsort, da dort eine wesentlich offenere Atmosphäre herrschte und öffentliche Konzerte möglich waren. Der Aufenthalt war geprägt von neuen Eindrücken, aber auch von kritischen Beobachtungen. So stellten sie fest, dass die ungarische Szene sehr heterogen und teilweise stark mit der Skinhead-Bewegung vermischt war. Viele der ungarischen Jugendlichen zeigten eine rechtsgerichtete Tendenz und pflegten Vorurteile gegenüber Minderheiten, was die ostdeutschen Besucher als engstirnig empfanden. Dennoch kam es zu einem musikalischen Austausch: Bei einer privaten Feier jammten sie mit dem Schlagzeuger der ungarischen Band T-34 und präsentierten eigene Stücke, was beim lokalen Publikum gut ankam.

In Dresden selbst verschärfte sich derweil der Konflikt innerhalb der Szene. In Briefen, die in weiteren Ausgaben von »Der Ketzer« (#4, 1983) zitiert werden, beklagte Löffler den Zerfall der Punk-Szene in verschiedene Cliquen. Besonders die sogenannten Kidpunks waren der ersten Punk-Generation ein Dorn im Auge, da diese durch ihr destruktives Verhalten die gesamte Bewegung in Verruf brachten und den Sicherheitsorganen unnötige Angriffsflächen boten. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, begann er mit der Planung eines eigenen Fanzines, um die Kommunikation innerhalb der DDR-Szene und den Austausch mit dem Westen zu intensivieren.

Gegen Ende des Jahres 1983 und im Verlauf des Jahres 1984 veränderte sich die Zusammensetzung der Band Gegenschlag erneut. Nach Umbesetzungen und einer kurzen Phase als Optimistische Bierjugend entstand schließlich Paranoia. Im Fanzine »Der Durchbruch« (#1, 1984) (Abb. 42) sowie im Paranoia-Songtext für »Kidpunx, verpißt euch« (abgedruckt im Fanzine »Der 7. Versuch«, 1985) (Abb. 43) wird deutlich, wie sehr sich die Band nun von den reinen »Modepunks« distanzierte, die Punk nur als Wochenendbeschäftigung begriffen. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Tapes, die unter abenteuerlichen Bedingungen aufgenommen und später teilweise in den Westen geschmuggelt wurden. Eine der wenigen Reviews für eine dieser Cassetten findet sich etwa in »Schmock« (#4, ca. 1985). (Abb. 44) Das dort angeführte Gerücht, dass die Band für die Aufnahmen ihren Wagen verkaufen musste, gehört allerdings ins Reich der Mythen und ist nicht ungewöhnlich für die oftmals durch Hörensagen verbreiteten Geschichten in Fanzines.

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Abb. 42 Interview mit Jörg Löffler, in: »Der Durchbruch«, #1 (1984), Hasbergen (BRD)

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Abb. 43 Bericht in »Der 7. Versuch, Das Buch der Bands« (1985), Feucht (BRD)

Trotz dieser internationalen Vernetzung blieb das Agieren in der Heimat ein gefährliches Experiment. In Absprache mit dem Klubhausleiter organisierten Paranoia im Klubhaus Coswig ein Konzert im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung. Doch nur wenige Wochen später erhielten die Bandmitglieder schriftliche Vorladungen wegen »Spielen in der Öffentlichkeit ohne Auftrittsgenehmigung«. Da weder der Veranstalter noch der Stadtrat für Kultur die Privatadressen der Musiker kannten, war für die Beteiligten sofort klar, dass hier die Staatssicherheit im Hintergrund die Fäden zog. Mit einer verhältnismäßig glimpflichen Strafe von 50 Mark und dem Hinweis, die Band solle sich doch einer offiziellen Einstufung unterziehen, versuchte der Staat zunächst, eine warnende Disziplinierung auszuüben. Für Paranoia war eine Einstufung zu diesem Zeitpunkt jedoch kein Thema.

Während Paranoia den Kern der Szene bildete, entstand im Herbst 1984 mit der Gründung der Band Suizid eine neue, härtere Band in Dresden. Obwohl Suizid nur wenige Auftritte absolvierte und daher weniger bekannt wurde als Paranoia, belebte sie die Dresdner Szene spürbar. Die Gemeinschaft wuchs, und es fanden legendäre Feiern statt, wie etwa eine Fete im Proberaum von Paranoia, zu der rund 100 Gäste aus Leipzig, Erfurt, Berlin und sogar Budapest anreisten. Bei dieser Gelegenheit spielten Wutanfall, Paranoia und Suizid gemeinsam.

Auch gab es Berührungspunkte zur Musikbrigade um Sascha Anderson, die eine Art intellektuellen Punk spielten. Später entwickelte sich daraus das Projekt Fabrik. Wer in Dresden im Untergrund etwas bewegen wollte, kam an diesen Netzwerken kaum vorbei. Durch die Verbindungen erhielten Paranoia nicht nur Zugang zu Proberäumen, sondern auch Auftrittsmöglichkeiten in der Kunsthochschule und die Chance auf professionellere Demoaufnahmen.

Doch die Repressionen ließen nicht nach. Anfang 1985 spielten Paranoia und Suizid im Jugendklub Luga. Obwohl der Klub für eine private Feier gemietet worden war, wurden die Mitglieder von Paranoia erneut zum Stadtrat zitiert. Als angebliche »Wiederholungstäter« wurden sie diesmal zu jeweils 300 Mark Ordnungsgeld verdonnert. Besonders beunruhigend war für die Band die Gewissheit, dass auch aus dem engsten Freundeskreis Informationen an die Stasi geflossen sein mussten, da nur Vertraute bei dem Konzert anwesend waren.

Die staatliche Repression gipfelte im Oktober 1985 in der Verhaftung von Jörg Löffler. Die Staatssicherheit legte ihm seine Kontakte ins westliche Ausland und den damit verbundenen Informationsaustausch zur Last. Ihm wurde vorgeworfen, durch Briefe und Fanzine-Artikel das Ansehen der DDR in schwerem Maße geschädigt zu haben. In einem Staat, in dem bereits die bloße Erwähnung der Existenz einer Punk-Szene als strafbar gelten konnte, wurde Löfflers Engagement als staatsfeindliche Propaganda gewertet. Besonders sein selbst angefertigtes Fanzine »The Punk – ’ne Enzyklopädie«, von dem lediglich drei Kopien existierten, diente der Stasi als Vorwand für die Anklage wegen Herstellung staatsfeindlicher Schriften. Nach vier Monaten Untersuchungshaft wurde Löffler zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt. Ein Angebot, nach anderthalb Jahren Haft direkt in den Westen ausreisen zu dürfen, lehnte er ab. Kurz darauf wurde auch sein Bandkollege Pier »Fleck« Bergmann aus ähnlichen Gründen inhaftiert.

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Abb. 45 Bericht zu einem Besuch in Dresden in »A.D.S.W.«, #9 (1986), Hamburg (BRD)

Wie sich die Situation in Dresden für Außenstehende darstellte, dokumentierte Thomas Koch vom Hamburger Fanzine »A.D.S.W.« (#9, 1986), (Abb. 45) der die Stadt und die Mitglieder der Band Paranoia im Jahr 1985 besuchte. Sein Bericht zeichnet ein düsteres Bild vom »Tal der Ahnungslosen«. Er beschrieb die bedrückende Atmosphäre einer Stadt, die von einer Unmenge an Volkspolizisten, NVA-Uniformen und sowjetischen Truppen geprägt war. Koch traf Löffler und Fleck, die sich zu seinem Erstaunen als Skinheads präsentierten – allerdings als solche, die sich explizit gegen Faschismus aussprachen. Bei den Proben von Paranoia und Suizid in einem verrotteten Hinterhaus stellte er fest, dass die Musiker nicht nur eine verhältnismäßig gute Anlage ihr Eigen nannten, sondern auch technisch versiert waren. Dennoch blieb sein Gesamteindruck von Dresden deprimierend: »Alles ist eintönig, grau, langweilig, monoton, passiv und eben einfach uncool.«

Doch die Szene stand keineswegs still, tatsächlich suchten einzelne Mitglieder nach neuen Ausdrucksformen. Mitte 1986 tat sich Jörg Löffler mit Jens »Blitzkrieg« Dittschlag von Suizid zusammen, um die Band Kaltfront zu gründen. Sie wollten weg von den starren Punk-Klischees, hin zu einer differenzierteren Musik. Anfang 1987 vollzogen sie schließlich den Schritt, den sie zuvor abgelehnt hatten: Sie unterzogen sich einer Einstufung, was ihnen fortan ermöglichte, legal in FDJ-Klubs zu spielen. Nach ihrer Auflösung im Jahr 1990 spielt die Band seit 2005 wieder zusammen.

 
Punk in Ost-Berlin

Die Entstehung der Punk-Bewegung in Ost-Berlin lässt sich bis in die späten 1970er Jahre zurückverfolgen. Als erster Punk Ost-Berlins gilt Britta »Major« Bergmann, die bereits seit September 1977 (mit 15 Jahren) öffentlich als Punk zu erkennen war, ihre Wohnung als Treffpunkt für die junge Szene zur Verfügung stellte und dafür in den Knast ging. Frühe Formationen wie Probealarm, die Skunks oder Alternative 13 agierten weitgehend im Untergrund, da es keinerlei öffentliche Auftrittsmöglichkeiten gab. Ab 1981 wuchs die Zahl der Sympathisant:innen jedoch rasant an, was schließlich dazu führte, dass die Bewegung auch im Stadtbild und für die staatlichen Institutionen unübersehbar wurde.

Wie im Fanzine »Swoop!« (#1, 1985) (Abb. 46) in einem Rückblick berichtet wird, manifestierte sich Punk in der Hauptstadt ab dem Herbst 1981 so massiv, dass die Behörden die Bewegung zunehmend als Bedrohung wahrnahmen. Ein bedeutendes Ereignis war das Konzert der Gruppe Keks im Juni 1982 im Kulturpark Plänterwald. Keks nahm dabei eine Sonderrolle ein, da sie die einzige staatlich anerkannte Band war, die etwa Songs der Sex Pistols coverte. Der Kulturpark entwickelte sich in der Folge zu einem zentralen Treffpunkt der Berliner Punks. Die Szene wuchs stetig und gleichzeitig  auch die staatliche Repression. Viele Jugendliche wurden von Schulen verwiesen oder sahen sich Disziplinarverfahren ausgesetzt. Wer im Stadtbild zu auffällig war, wurde nicht selten direkt von der Volkspolizei aufgegriffen und mitgenommen.

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Abb. 46 Bericht in »Swoop!«, #1 (1985), West-Berlin (BRD)

In den Wintermonaten 1982/83 verlagerte sich das Geschehen vom Kulturpark in die Rathauspassage beim Alexanderplatz, insbesondere in die Selbstbedienungsgaststätte SB und das kleine Espresso-Eck Posthorn, das in der Szene nur als »Tute« bekannt war. Als der Sommer zurückkehrte und der Kulturpark wieder seine Pforten öffnete, änderte sich die Atmosphäre merklich. Zwar traten Bands wie Keks oder Pankow erneut auf, doch da sie mittlerweile LPs veröffentlicht hatten und sich streng an staatliche Vorgaben halten mussten, hatten sie in den Augen der Punks an Reiz verloren. Überhaupt begann Punk zu dieser Zeit zu einem allgemeinen Modetrend zu werden. Das gesteigerte öffentliche Interesse blieb auch dem Staatssicherheitsdienst nicht verborgen, der dazu überging, gezielt Informanten unter den Jugendlichen zu gewinnen.

Doch die Szene begann auch von innen heraus zu zerfallen: Gegenseitige Übergriffe, bei denen Kleidungsstücke oder Accessoires geraubt wurden, nahmen zu, während gleichzeitig viele Punks in Haft kamen oder zum Militärdienst eingezogen wurden. Die Lage an den angestammten Treffpunkten spitzte sich zu: In der »Tute« durften keine Punks mehr bedient werden, und am Kulturpark kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, die schließlich in einer großangelegten Razzia gipfelten.

In dieser Phase öffnete sich die evangelische Kirche für die verdrängte Subkultur. Die Punks erhielten in der Pfingstkirche am Petersburger Platz Räume für ihre Treffen und gelegentliche Konzerte. Auch fanden sie dort Ansprechpartner:innen, die trotz unterschiedlicher Ästhetik – hier die kurzgeschorenen Punks, dort die langhaarigen Friedens- und Umweltaktivist:innen – ähnliche gesellschaftskritische Positionen vertraten, was zu einer langfristigen Kooperation beider Gruppen führte. Um Inhaftierungen an staatlichen Feiertagen zu entgehen, organisierten die Punks der Pfingstkirche oft gemeinsame Fahrten in kirchliche Heime, etwa nach Rudolstadt, wo sogar Konzerte mit Bands wie Wutanfall oder Schleim-Keim stattfinden konnten.

Nachdem die Pfingstkirche auf Druck von Behörden und Mitgliedern der Kirchengemeinde ihre Pforten für die Jugendlichen schloss, waren die Galiläakirche und vor allem die Erlöserkirche in Rummelsburg wichtige kirchliche Anlaufstellen für die Ost-Berliner Punk-Szene. Durch das Engagement des Sozialdiakons Lorenz Postler bekamen die Punks den Keller eines Nebengebäudes der »AlösA«-Kirche (auch »Leichenkeller« oder »Profikeller« genannt) als festen Raum überlassen. Dennoch blieb der Druck hoch: So wurde etwa der Sänger der Band Planlos inhaftiert, weil er ein T-Shirt mit dem bekannten Slogan »Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!« trug. Die Band benannte sich später in Exzess um, um der ständigen polizeilichen Überwachung zu entgehen. Im Zentrum der Aktivitäten stand auch die Gruppe Namenlos, die mit ihren Texten gezielt den Staat angriff.

Neben der Musik drückten Ost-Berliner Punks ihren Widerstand zunehmend auch in politischem Aktivismus aus. Im Prenzlauer Berg vernetzten sie sich mit Friedens- und Öko-Gruppen und organisierten spektakuläre Aktionen, wie etwa eine Demonstration zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Ein zentrales Element dieses Aktivismus war die jährliche Ehrung des Anarchisten Erich Mühsam. Das Fanzine »Swoop!« (#1, 1985) (Abb. 48) schildert den Ablauf einer solchen Aktion, zu der die Punks über kirchliche Kanäle aufgerufen wurden.

Der Sommer 1983 markiert schließlich den Beginn einer beispiellosen Verfolgungswelle. Auslöser war insbesondere der Auftritt der Bands Namenlos, Planlos und Unerwünscht während einer Bluesmesse in der Erlöserkirche. Die Behörden reagierten mit massiven Verhaftungen, die darauf abzielten, die Berliner Punk-Bewegung endgültig zu zerschlagen. Die Mitglieder der Band Namenlos wurden wegen »öffentlicher Herabwürdigung« zu langen Haftstrafen verurteilt, und das MfS meldete schließlich den Erfolg bei der »Zersetzung« der Formation. Von dieser Repressionswelle zeugt auch ein Leserbrief von Marcus Hugk im Fanzine »Der Durchbruch« (#3, 1984), (Abb. 47) in dem er die prekäre Lage der Szene und die allgegenwärtige Gefahr vor staatlichen Zugriffen beschreibt.

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Abb. 47 Leserbrief von Marcus Hugk im Fanzine »Der Durchbruch«, #3 (1984), Hasbergen (BRD)

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Abb. 48 Bericht zu einer Gedenkaktion für Erich Mühsam in »Swoop!«, #1 (1985), West-Berlin (BRD)

Marcus Hugk hatte den paranoiden Verfolgungswahn der Staatssicherheit selbst zu spüren bekommen: 1983 gründete der damals 14-jährige Hugk mit Freunden die Band Internationale Müllabfuhr. Das Kürzel »IM«, das sie stolz an Hauswände und Mülltonnen sprühten, versetzte die Stasi in Panik, war dies doch die öffentlich nicht bekannte, interne Abkürzung für Spitzel im Auftrag der Staatssicherheit. Die jungen Punks wurden verhört, wobei sich ihre Unwissenheit herausstellte. Die Gruppe löste sich in der Folge auf, einzelne Mitglieder formten später Gruppen wie Cosakencombo / Cunstbahnausen und Kein Talent. 1984 durfte Hugk mit seiner Mutter legal in den Westen ausreisen.

Ein Jahr später gründete der nun 17-Jährige Hugk in West-Berlin das Label und Fanzine »Swoop!«. Da er über seine alten Kontakte Insiderinfos aus dem Osten veröffentlichte, reagierte das MfS prompt: Im Januar 1986 wurde der Operative Vorgang »Fanzine« eröffnet. Die Vorwürfe wogen schwer, man unterstellte ihm »ungesetzliche Verbindungsaufnahme« und vermutete hinter dem Teenager gar einen Akteur westlicher Geheimdienste. Die Stasi-Mitarbeiter verstiegen sich dabei in Verschwörungstheorien und hielten Hugk für eine Deckadresse des Senders Freies Berlin (SFB), während er lediglich Hörerwünsche ostdeutscher Punks an das West-Radio weiterleitete. Trotz des Einsatzes eines Spitzels, der Hugk im Westen besuchte, gelang es der Stasi nicht, die »Hintermänner« zu finden – weil es schlicht keine gab. Dennoch erreichte das MfS sein Ziel: Durch gezielte »Zersetzung« und Druck auf die Kontaktpersonen wurde »Swoop!« nach nur drei Ausgaben eingestellt. Der Fall Marcus Hugk bleibt damit ein eindrückliches Beispiel dafür, wie der Stasi-Apparat selbst harmlose Jugendkulturen als existenzielle Bedrohung missverstand.

Diese Zeit des massiven Drucks führte jedoch nicht zum Verstummen der Bewegung, sondern befeuerte vielmehr die Suche nach neuen Wegen der Vernetzung, die oft über die Mauer hinweg reichten. Die Kontakte in den Westen spielten dabei eine entscheidende Rolle, da sie nicht nur Informationen und Musik, sondern auch das Gefühl einer grenzüberschreitenden Solidarität vermittelten. Ein besonders legendärer Moment dieser West-Ost-Verbindung wird im Fanzine »Rückstand« (#6, 1983) (Abb. 50) dokumentiert: der konspirative Besuch der Toten Hosen im April 1983.

Um überhaupt unbemerkt nach Ost-Berlin einreisen zu können, mussten sich die Musiker tarnen, um an den Grenzübergängen als harmlose Touristen durchzugehen. In kleinen Gruppen verteilt reisten sie ein und trafen sich mit einem Kontaktmann, der sie schließlich zur Erlöserkirche in Rummelsburg lotste. Das Konzert selbst fand in einer Atmosphäre statt, die in krassem Gegensatz zu den lärmenden Shows im Westen stand. Vor lediglich rund 30 Eingeweihten spielten sie im Rahmen eines Gottesdienstes. Die technische Ausstattung war so minimalistisch wie nur möglich: Drei Gitarren und der Gesang liefen über eine einzige kleine Box, sodass die Lautstärke kaum die eines gewöhnlichen Kofferradios überstieg. Wie es im Fanzine »Rückstand« weiter heißt, hinterließ dieser Besuch bei den Musikern einen bleibenden Eindruck. Die unmittelbare Erfahrung der Unfreiheit im Osten und die Begegnung mit Jugendlichen, die für ihre Lebenseinstellung echte Repressionen riskierten, ließ die in der westlichen Szene oft leichtfertig skandierte »Anarchie«-Parole in einem völlig neuen, fast beschämenden Licht erscheinen. 1988 kehrten die Toten Hosen für einen weiteren, nun etwas größeren Gig nach Ost-Berlin zurück.

Ein weiteres Beispiel für diese Begegnungen findet sich im Fanzine »Swoop!« (#1, 1985), (Abb. 49) das über einen Auftritt der West-Berliner Formation Lolitas im Jahr 1984 berichtet. Der Gig fand unter freiem Himmel auf dem Gelände eines evangelischen Altersheims in Rummelsburg statt. Das Publikum bot ein bizarres Bild: Rund 200 Besucher:innen hatten sich eingefunden, eine bunte Mischung aus Punks, Metal-Fans und Skinheads. Die technischen Bedingungen waren auch hier abenteuerlich und von Improvisation geprägt. Da kein passender Mikroständer vorhanden war, sah sich der zuständige Pfarrer genötigt, während des gesamten Auftritts das Mikrofon für die Sängerin und Drummerin Françoise (Cactus) festzuhalten.

Ab dem Jahr 1985 begann sich die Ost-Berliner Szene, die durch die vorangegangenen Verhaftungswellen schwer erschüttert worden war, langsam wieder zu konsolidieren. Die staatlichen Versuche, Punk endgültig auszurotten, waren letztlich am Eigensinn der Akteure gescheitert. Es entwickelte sich eine neue Qualität der Vernetzung, bei der sich die Punks verstärkt mit anderen oppositionellen Gruppen wie der Umwelt- und Friedensbewegung zusammenschlossen. Im Stadtteil Prenzlauer Berg, insbesondere in der Schliemann- und Dunckerstraße, wurden Wohnungen besetzt, die als halb-legale Freiräume für Treffen und Diskussionen dienten.

Einen tiefen Einblick in diese Phase bietet das britische Fanzine »Raising Hell« (#19, 1987), (Abb. 51-52) in dem der Szenegänger Herne Piehker, der auch hinter dem unveröffentlichten Fanzine »Inside« steckte, die Situation rekapitulierte. Er schildert, wie die Szene nach der Schließung des Turms der Pfingstkirche zunächst wieder auf die Straße gedrängt wurde, bevor die Erlöserkirche in Rummelsburg zum neuen, stabilen Anlaufpunkt avancierte. In dieser Zeit kam es auch zu einem entscheidenden Bruch innerhalb der Subkultur: Während man in den frühen Jahren oft noch gemeinsam mit Skinheads agiert hatte, radikalisierten sich Teile der Skinhead-Szene nun zunehmend in Richtung Neonazismus. Dies führte dazu, dass Punks dazu übergingen, Skinheads konsequent von ihren Konzerten und Treffpunkten auszuschließen, um die eigenen Räume zu schützen. Laut Piehker professionalisierte sich die Szene zudem durch internationale Kontakte, insbesondere nach Polen. Im Jahr 1987 fanden erste Tourneen statt, bei denen Bands wie Wartburgs für Walter und Mitglieder von Kein Talent und Namenlos, die sich nach der Haftentlassung ihrer Mitglieder neu formiert hatten, in polnischen Städten spielten und dort auf eine Szene trafen, die wesentlich größere Freiheiten genoss als die im eigenen Land.

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Abb. 50 Bericht zum geheimen Ost-Berlin-Auftritt von Die Toten Hosen, in: »Rückstand«, #6 (1983), Gelsenkirchen (BRD)

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Abb. 49 Konzertbericht in »Swoop!«, #1 (1985), West-Berlin (BRD)

Im selben Jahr entwickelte sich die »Kirche von Unten« (KvU) zum zentralen Sammelbecken der Opposition. Ihren Ausgangspunkt bildete der offizielle Evangelische Kirchentag im Jahr 1987, für dessen Genehmigung die Kirchenleitung einen folgenschweren Kompromiss mit dem Staat eingegangen war und im Zuge dessen die traditionelle Friedenswerkstatt der Offenen Arbeit verbot. Dieser Versuch, die oppositionellen Basisgruppen mundtot zu machen, löste jedoch eine massive Solidarisierungswelle aus. Rund fünfzig Punks und Aktivist:innen besetzten kurzentschlossen das Konsistorium und drohten offen damit, während des offiziellen Kirchentages weitere kirchliche Gebäude zu okkupieren, sollte man ihnen keinen Raum für ihre Anliegen zugestehen.

Unter diesem Druck lenkte die Kirchenleitung schließlich ein und stellte für die Zeit des Jubiläums Räume in der Pfingstgemeinde sowie später in der Galiläa- und Samaritergemeinde zur Verfügung. Was unter dem Namen »Kirchentag von Unten« als Alternativveranstaltung konzipiert worden war, übertraf alle Erwartungen: Etwa 6000 Menschen strömten zu den Veranstaltungen, darunter auch zu den Auftritten von Punkbands wie Namenlos, Antitrott und Kein Talent. Dieser Erfolg führte unmittelbar nach dem Treffen zur offiziellen Gründung der »Kirche von Unten«, welche die bisherige Struktur der Offenen Arbeit in Berlin ersetzte und als Sammelbecken für Punks, Umweltaktivist:innen und Menschenrechtler:innen fungierte. Zurückgeschreckt wurde auch nicht vor direkten politischen Aktionen: So störten Aktivist:innen im September 1988 den Besuch einer IWF-Delegation, indem sie diese am Pergamonmuseum demonstrativ mit Kleingeld bewarfen. Ab Januar 1989 bezog die Gruppe dauerhaft Quartier im Gemeindehaus der Elisabethkirche, wo unter Mitwirkung von Silvio Meier auch eine schlagkräftige Antifa-Gruppe entstand, die mit eigenen Infoblättern die politische Arbeit der Szene bis zum Mauerfall entscheidend prägte.

Eine direkte Folge des erfolgreichen »Kirchentags von Unten« war zudem das Frühlingsfest in der »AlösA« im April 1988, dem ersten internationalen Punk-Festival der DDR, das weder staatlich organisiert noch als vermeintlich kirchliche Veranstaltung getarnt war. Das Fanzine »mOAningstar« (OA/ KVU 4711 09, 1988) (Abb. 53-54) liefert in einer Rückblende eine detaillierte Schilderung dieses zweitägigen Festivals. Die Logistik hinter der Veranstaltung, die rund 2500 Besucher anlockte, glich einem Husarenstück. 18 Bands aus drei verschiedenen Ländern waren angekündigt, doch die Anreise der polnischen Gruppen gestaltete sich als hochriskantes Unterfangen. Die Formation Trybuna Brudu etwa scheiterte an den Schikanen der Grenzorgane. Acht Personen, darunter Mitglieder der Band, wurden 24 Stunden lang im Grenzort Kunowice festgehalten und schließlich nach Warschau zurückgeschickt.

Trotz dieser Rückschläge und der ständigen Überwachung durch die Staatssicherheit, die das Gelände weiträumig beobachtete, verlief das Fest ohne größere Zwischenfälle. Die befürchteten Angriffe von Skinheads blieben aus, und die Polizei hielt sich auffällig im Hintergrund. Das Frühlingsfest markiert damit den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, in der sich das Ost-Berliner Punk-Umfeld endgültig seinen eigenen, unkontrollierten Raum in der sozialistischen Gesellschaft erkämpft hatte und seine Identität als Teil einer internationalen Bewegung feierte.

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Abb. 51 Situationsbericht von Herne Piehker, in: »Raising Hell«, #19 (1987), Leeds (UK)

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Abb. 52 Situationsbericht von Herne Piehker, in: »Raising Hell«, #19 (1987), Leeds (UK)

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Abb. 53 Bericht zum Frühlingsfest in »mOAningstar«, #OA/ KVU 4711 09 (1988), Ost-Berlin (DDR)

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Abb. 54 Bericht zum Frühlingsfest in »mOAningstar«, #OA/ KVU 4711 09 (1988), Ost-Berlin (DDR)

Heavy Metal in der DDR

Als das Fanzine »Break Out« (#2, 1988) (Abb. 55) seinen Leser:innen von einer nicht nur existenten, sondern blühenden Heavy-Metal-Kultur in der DDR berichtete, hatte diese bereits eine längere Geschichte hinter sich. Tatsächlich war Heavy Metal zu diesem Zeitpunkt im Osten bereits so weit etabliert und sogar vom Staat geduldet bis gefördert, dass westdeutsche Fanzines detailliert über Konzerte berichten und sogar Gewinnspiele mit bereits veröffentlichten Platten von DDR-Metal-Bands veranstalten konnten. So wurden in »Break Out« fünf LPs der Ost-Berliner Gruppe Formel 1 verlost. Doch der Weg dorthin war ein harter Kampf gegen staatliche Ignoranz, strukturelle Mängel und eine überbordende Bürokratie.

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Abb. 55 »Break Out«, #2 (1988), Neckarsteinach (BRD)

Die Wurzeln der Heavy-Metal-Kultur in der DDR reichen in die frühen 1980er Jahre zurück. Während Rockmusik generell schon lange existierte, kristallisierte sich eine spezifische Metal-Szene erst durch ein markantes Medienereignis heraus. Am 4. Februar 1984 übertrug das ZDF das Festival »RockPop in Concert« , bei dem internationale Größen wie Iron Maiden und Judas Priest auftraten. Da das Westfernsehen in weiten Teilen der DDR empfangen werden konnte, wurde dieses Ereignis zum kollektiven Schlüsselerlebnis. Jugendliche schnitten die Musik massenhaft auf Kassetten mit. Damit lässt sich der Übergang vom allgemeinen Hardrock hin zu einer dezidierten Metal-Anhängerschaft markieren. In der Endphase der DDR war diese Bewegung massiv angewachsen. Zehntausende besuchten die Konzerte, und die sogenannten Heavys bildeten neben den Skinheads die sichtbarste und größte alternative Jugendgruppe im Land.

In der Anfangsphase reagierte der SED-Staat mit tiefer Skepsis und offener Ablehnung. Die Szene wurde als »negativ-dekadent« eingestuft, was weitreichende Konsequenzen für die Fans hatte. Die Stasi überwachte die Szene genau, und die Volkspolizei griff oft hart durch. Besonders langhaarige Jugendliche in Lederkluft gerieten ins Visier der Ordnungshüter, die ihnen »provokantes Auftreten« oder »Asozialität« vorwarfen.

Natürlich mussten auch angehende Metal-Musiker das staatliche Einstufungssystem durchlaufen, wollten sie selbst (legal) auf der Bühne stehen. Da staatliche Stellen deutsche Texte bevorzugten und kritische Inhalte unterbinden wollten, mussten viele Bands ihre Lyrik anpassen oder Metaphern verwenden, um die Zensur zu umgehen.

Eine größere Hürde für Heavy-Metal-Bands war angesichts der Mangelwirtschaft in der DDR die Beschaffung von Equipment. Da professionelles Equipment aus dem Westen (»West-Technik«) offiziell kaum importiert wurde und DDR-Produkte oft nicht den klanglichen Anforderungen des Genres entsprachen, entwickelte sich ein extrem teurer Schwarzmarkt und eine ausgeprägte Bastler-Kultur. Professionelles Equipment war für den Durchschnittsbürger nahezu unerschwinglich. Der Beitrag in »Break Out« gibt einen groben Einblick in die Situation und horrenden Preise, mit denen Metal-Musiker konfrontiert waren.

Wie auch bei anderen Jugend- und Subkulturen in der DDR führte die allgemeine Knappheit an Material zu einer ausgeprägten Do-It-Yourself-Kultur. Dies galt nicht nur für technisches Equipment, sondern auch für die Kleidung: Da es keine offiziellen Merchandising-Artikel gab, wurden die legendären Kutten aus Jeanswesten selbst genäht. Aufnäher und Shirts pinselten die Fans von Hand, während Nieten aus Alltagsgegenständen wie Schrankgriffen gebastelt wurden. Auch die Musikbeschaffung blieb häufig auf den Mitschnitt von Radioshows und den Austausch von Tapes beschränkt.

Ab etwa 1986 vollzog der Staat einen Strategiewechsel. Anstatt die Szene weiterhin nur auszugrenzen, versuchte die FDJ, sie zu kanalisieren und zu integrieren – eine Taktik, die oft als »Umarmung« bezeichnet wurde. Man wollte die Kontrolle behalten, indem man offizielle Plattformen schuf. Das Jugendradio DT64 etablierte Sendungen wie »Tendenz Hard bis Heavy«, bei der nicht nur Musik gespielt, sondern auch Konzertdaten durchgegeben wurden. Fans reisten oft hunderte Kilometer durch das Land, um ihre Bands live zu sehen.

Im Gegensatz zur Punk-Szene, die oft im totalen Abseits oder im Schutzraum der Kirche verblieb, gelang es vielen Metal-Bands, innerhalb des Systems zu agieren, ohne ihre Identität komplett aufzugeben. Es gab reine Metal-Konzerte und -Festivals unter staatlicher Regie, da man befürchtete, dass Verbote lediglich zu unkontrollierbaren Krawallen führen würden. Die Berührungsängste wichen einer Form von Toleranzpolitik.

Ein besonders anschauliches Bild der DDR-Szene wurde in dem West-Berliner Fanzine »Iron Pages« (#4, 1988) (Abb. 56-58) in dem Bericht über das »Hard and Heavy Festival« im Ost-Berliner Jugendclub Langhansstraße im Februar 1988 gezeichnet. Unter der programmatischen Überschrift »Broiler und Trabant« berichtet der Autor Matthias Mader von seinen Erlebnissen jenseits der Mauer. So unterschieden sich die »Ost-Metaller« optisch kaum von ihren westlichen Zeitgenossen: Lange Haare, Nietenarmbänder und T-Shirts von Bands wie Slayer, Destruction oder Sodom prägten das Bild. Trotz eines offiziellen Getränkeverbots in der Halle herrschte eine ausgelassene Stimmung, einige Fans waren sichtlich betrunken, und es wurde sogar heimlich gekifft.

Die musikalische Qualität der DDR-Bands überraschte den Beobachter aus dem Westen massiv – einer der Gründe, warum er ein Jahr später für ein weiteres Metal-Festival im Jugendklub Langhansstraße zurückkehrte (siehe Konzertbericht in: »Iron Pages«, #7, 1989). Ein kurioses Merkmal dieses Festivals war das Motto »Back to the Roots«, das jede der zehn auftretenden Gruppen dazu verpflichtete, mindestens eine Coverversion von Judas Priest zu spielen. Die Band Blackout stach für Mader dabei besonders hervor, spielte sie doch nicht nur technisch brillanten Speed Metal, sondern konnte sogar mit einem Sänger punkten, dessen stimmliche Reichweite den Autor an den Queensrÿche-Frontmann Geoff Tate denken ließ. Erstaunt stellte Mader fest, dass Blackout im Westen längst Superstars wären, in der DDR jedoch nicht einmal eine eigene Schallplatte beim staatlichen Monopolisten Amiga vorweisen konnten.

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Abb. 56 Festivalbericht in »Iron Pages«, #4 (1988), West-Berlin (BRD)

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Abb. 57 Festivalbericht in »Iron Pages«, #4 (1988), West-Berlin (BRD)

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Abb. 58 Festivalbericht in »Iron Pages«, #4 (1988), West-Berlin (BRD)

Andere Bands hatten da mehr Erfolg bzw. Glück: Während Babylon und Formel 1 eigene LPs herausbringen konnten, wurden Songs von Gruppen wie Berluc, MCB, Cobra und Biest auf Amiga-Samplern veröffentlicht. Letztgenannte gewannen sogar den Sonderpreis des FDJ-Zentralrats. Dies war Teil der Strategie, die Metal-Kultur einzubinden, um sie zu kontrollieren. Die Stasi setzte darüber hinaus massiv auf die Infiltrierung der Szene durch IM, um Informationen über interne Strukturen, geplante Treffen und die Stimmung unter den Jugendlichen zu erhalten. Für jene Bands, die keine staatliche Einstufung erhielten oder deren Spielerlaubnis – wie etwa bei der Band Macbeth – entzogen wurde, blieb nur der Auszug in alternative Räume wie der evangelischen Kirche.

Mit dem Mauerfall und der Wende 1990 brach die spezifische Infrastruktur der DDR-Metal-Szene fast schlagartig zusammen. Die staatlichen Jugendclubs schlossen, und die DDR-Bands verloren durch den plötzlichen Zugang zu westlichen Major-Labels massiv an Bedeutung. In den 1990er Jahren differenzierte sich die ostdeutsche Szene weiter aus: Ein Teil orientierte sich am kommerziellen Markt, während sich bei anderen eine starke Eigendynamik in Richtung extremerer Spielarten wie Death- und Black Metal entwickelte. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der Heavy Metal in der DDR weit mehr war als nur Musik: eine mühsam erkämpfte Lebensform zwischen Selbermachen, staatlicher Überwachung und grenzenloser Leidenschaft.

 

Gothic in der DDR

Eine große Herausforderung bei der historischen Aufarbeitung der Gothic- und Wave-Szene in der DDR ist die lückenhafte Quellenlage. Ähnlich wie im Bereich des Heavy Metal und im deutlichen Gegensatz zur Punk-Bewegung existieren kaum zeitgenössische Primärquellen aus der Zeit vor 1989. Abgesehen von vereinzelten Kontaktanzeigen finden sich detaillierte Beiträge, Erlebnisberichte und Selbstzeugnisse ostdeutscher Gruftis in Fanzines und Musikzeitschriften fast ausschließlich erst nach dem Mauerfall in west- wie ostdeutschen Publikationen. Diese Berichte ermöglichen es jedoch, die Entstehung und die Strukturen einer Subkultur zu rekonstruieren, die ab Mitte der 1980er Jahre im öffentlichen Raum der DDR sichtbar wurde.

Während Depeche Mode bereits ab 1984 eine breite und wachsende Fangemeinde besaß, machten sich ab 1986 im öffentlichen Raum zunehmend Jugendliche bemerkbar, die durch ein betont düsteres Erscheinungsbild auffielen. Innerhalb dieser Subkultur existierten verschiedene Strömungen, die für Außenstehende kaum zu trennen waren: New Romantics, Depeche-Mode-Anhänger sowie Fans von The Cure und klassische Waver. Von der Mehrheitsgesellschaft und staatlichen Stellen wurden diese Gruppierungen meist pauschal unter dem Begriff Gruftis zusammengefasst.

Am Beispiel Ost-Berlins lassen sich frühe Szene-Strukturen detailliert nachvollziehen. Laut einem Bericht im Heft »Zillo« (#4, 1990) (Abb. 59-60) des Lesers Marcus Gleinig entwickelte sich dort zwischen 1986 und 1989 eine Gruppe, die zunächst etwa 50 Personen umfasste und schnell auf das Doppelte anwuchs. Ein zentraler Treffpunkt war für diese der auch von anderen Szenen frequentierte Alexanderplatz. Jeden Samstagabend versammelten sich die Jugendlichen vor dem »Café Polar«, um von dort aus Diskotheken in Randbezirken wie Hohenschönhausen aufzusuchen. Sonntags etablierte sich das »Café Nord« im Stadtteil Prenzlauer Berg als Treffpunkt, bis dort Ende 1987 ein Hausverbot für die Szene ausgesprochen wurde. Als eine der ersten reinen Szene-Discos fungierte der im Frühsommer 1989 eröffnete »Live Club« in der Liebigstraße in Friedrichshain.

Die materielle Kultur der Gothics und Wavers in der DDR war aufgrund fehlender Spezialgeschäfte durch eine ausgeprägte DIY-Mentalität geprägt. Kleidung wie Mäntel und Hosen wurden mangels Kaufangeboten selbst genäht, als Schmuck dienten zweckentfremdete Gegenstände, etwa gusseiserne Kreuze von Friedhofszäunen, die an Ketten aus Heimwerkerläden getragen wurden. Wichtiger als die materielle Ausstattung war die mediale Vernetzung. Da westliche Printmedien wie die »Bravo« oder »Popcorn« das optische Styling transportierten, waren sie begehrte Objekte.

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Abb. 59 Leserberichte in »Zillo«, #4 (1990), Lübeck (BRD)

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Abb. 60 Leserberichte in »Zillo«, #4 (1990), Lübeck (BRD)

Die musikalische Sozialisation erfolgte neben Auftritten und Musikvideos im westdeutschen Fernsehen vor allem über das Radio: Neben West-Sendern wie RIAS 2 spielten DT64-Sendungen wie »Parocktikum«, »Electronics« oder »Trend« eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Wave- und Gothic-Musik. Die Sendung »Duett – Musik für den Rekorder« ermöglichte es den Jugendlichen, diese Musik auf Kassetten mitzuschneiden und so ein privates Archiv aufzubauen. Neben westlichen Vorbildern wie The Cure, Siouxsie and the Banshees oder den Sisters of Mercy gab es auch DDR-Bands wie Die Vision, die in der Szene Gehör fanden.

Während sich Marcus Gleinig im »Zillo«-Beitrag kaum an Einschränkungen aufgrund seines Äußeren in Ost-Berlin erinnert, berichtet eine Melanie aus Leipzig in »Glasnost« (#34, 1992) davon, dass ihr aufgrund ihres Aussehens der Zugang zum Abitur trotz entsprechender Leistungen verwehrt wurde. Generell führte das Auftreten von Gothics im DDR-Alltag nicht selten zu Missverständnissen und Anfeindungen durch die Normalbevölkerung sowie zu Repressionen in der Schule oder im Berufsleben.

Die staatliche Wahrnehmung der Szene verschärfte sich ab 1987 massiv. Laut Akten der Staatssicherheit und der Polizei wurden Gruftis neben Punks, Skinheads und Heavy-Metal-Fans als politisch relevante Jugendkulturen eingestuft. Dies führte zu systematischen Personalausweiskontrollen, Aufenthaltsverboten und der Einschleusung von »Inoffiziellen Mitarbeitern« in die Cliquen. Parallel dazu sah sich die grundsätzlich gewaltferne Wave- und Gothic-Szene ständigen Übergriffen durch Neonazis, Fußballhooligans, rechten Skinheads und auch Heavys ausgesetzt, die insbesondere das androgyne Auftreten männlicher Gruftis als Provokation empfanden. Um sich zu schützen, agierten die Jugendlichen im öffentlichen Raum meist in geschlossenen Gruppen, wie »Zillo«-Leser Gleinig berichtet.

Ein Höhepunkt der Szene-Entwicklung vor dem Ende der DDR war das Depeche-Mode-Konzert am 7. März 1988 in Ost-Berlin. Allerdings bewarb die FDJ das Konzert kaum, zudem blieb die Kartenverteilung intransparent, sodass viele Fans erst im Anschluss von dem Konzert erfuhren. Dennoch gab diese Art der Zusammenkunft der Szene Aufschwung. Die Bedeutung solcher Großereignisse zeigte sich auch in überregionalen Gothic-Treffen, etwa in der Walpurgisnacht 1988 in der Schlossruine Belvedere in Potsdam, wo trotz polizeilicher Abriegelung bis zu 200 Teilnehmer:innen aus der gesamten DDR zusammenkamen. Diese Form der überregionalen Vergemeinschaftung bildete die Basis für die Entwicklungen nach 1989.

Mit dem Mauerfall und der darauffolgenden Transformation der DDR-Gesellschaft veränderten sich auch die Strukturen und die Identität der Gothic-Szene grundlegend. Ein markantes Zeichen für die mediale Öffnung war die Verfügbarkeit westlicher Fachzeitschriften; das Lübecker Independent-Magazin »Zillo« etwa war ab Sommer 1990 auch in ostdeutschen Zeitschriftenläden erhältlich und wurde zu einem wichtigen Bindeglied zwischen den Szenen in Ost und West. So quellen die Kontaktsparten des Heftes im Jahr 1990 geradezu über an Anzeigen und Anfragen, die nach Briefkontakten und Austausch suchen.

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Abb. 61 Festivalbericht vom 1. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig in »Glasnost«, #34 (1992), Freiburg (BRD)

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Abb. 62 Festivalbericht vom 1. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig in »Glasnost«, #34 (1992), Freiburg (BRD)

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Abb. 63 Fortsetzung Festivalbericht, »Glasnost«, #34 (1992), Freiburg (BRD)

Doch die neu gewonnene Freiheit offenbarte auch tiefe Brüche innerhalb der ostdeutschen Wave-Bewegung. In einem Beitrag des Fanzines »Glasnost« (#34, 1992) (Abb. 61-63) wurde konstatiert, dass sich die Szene nach der Wende nahezu aufgelöst habe. Ehemalige Insider wie Andreas aus Halle berichten von einem massiven »Rechtsschwung«: Für viele Jugendliche sei die Zugehörigkeit zur Wave-Szene in der DDR lediglich Ausdruck einer »blanke[n] Opposition« gegen den Staat gewesen, ohne dass damit eine tiefere inhaltliche oder ästhetische Bindung verknüpft gewesen sei. Nach dem Wegfall des gemeinsamen Feindbildes DDR-Staat wandten sich zahlreiche ehemalige Waver rechtsextremen Gruppierungen zu. Tatsächlich findet sich unter den Kontaktanzeigen in der »Zillo« (#4, 1990) (Abb. 64) auch ein Inserat von Stephan Pockrandt, der schon bald darauf mit seinem eigenen Fanzine »Sigill« den rechten Rand der Schwarzen Szene bediente.

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Abb. 64 Kontaktanzeigen aus der DDR in »Zillo«, #4 (1990), Lübeck (BRD)

Gleichzeitig bot die instabile Übergangsphase der frühen 1990er Jahre Raum für die Schaffung eigener Infrastrukturen. Überall in Ostdeutschland wurden leerstehende Häuser besetzt, um nach westlichem Vorbild Freiräume und billigen Wohnraum zu schaffen, oder ehemalige FDJ-Jugendclubs in Eigenregie übernommen. Diese Orte waren oft essenziell, da herkömmliche Diskotheken aufgrund der Präsenz von Neonazis zunehmend zu gefährlichen Zonen wurden. In Berlin blieb der »Live-Club« ein zentraler Anlaufpunkt sowie »Die Insel« in Treptow (siehe Bericht in »Zillo« #3, 1993), während Ausgehfreudige nun auch West-Berliner Clubs wie das »Madhouse« oder das »Linientreu« besuchen konnten. In Leipzig etablierte sich der Keller des Jugendclubs »Die Villa« ab 1990 als Stammdiskothek und Treffpunkt. Im Leipziger »Eiskeller« (heute »Conne Island«) veranstalteten die DJs Sandro Standhaft und Michael Brunner unter dem Namen »Moonchild« regelmäßige Partys, die als sicher vor Naziüberfällen galten.

Ein frühes kulturelles Großereignis nach der Wende war das Konzert von The Cure am 4. August 1990 auf der Leipziger Festwiese, das rund 10.000 Besucher anzog. Trotz der musikalischen Bedeutung war die Veranstaltung von massiven Überfällen durch fast 100 Rechtsextreme im Stadtgebiet und vor dem Gelände überschattet. Solche Gewalterfahrungen blieben eine Konstante der Nachwendezeit. In Städten wie Hoyerswerda war die Situation derart prekär, dass fast die gesamte Szene aufgrund der wirtschaftlichen Lage und des rechtsextremen Mobs in den Westen flüchtete. Dennoch entwickelte sich in dieser Zeit ein starkes Gemeinschaftsgefühl und eine Solidarität unter den verbliebenen Gothics in Ostdeutschland, die in dieser Form im Westen kaum zu finden war.

Die Vernetzung der Szene mündete schließlich in die Organisation überregionaler Treffen. Nach einem ersten Gothic-Treffen an der Berliner Gedächtniskirche im Mai 1991 und bundesweiten Zusammenkünfte auf der Kölner Domplatte wurde die Idee geboren, in Leipzig ein größeres Ereignis mit Übernachtungsmöglichkeiten zu organisieren. Am 29. und 30. Mai 1992 lud »Moonchild« schließlich zum ersten offiziellen Gothic-Festival nach Leipzig ein. Das Kulturzentrum »Eiskeller« diente als Kulisse für dieses Ereignis, das mehr als 1000 Teilnehmer:innen aus ganz Deutschland und dem Ausland anzog (Abb. 65-66). Da die ursprünglich geplanten Headliner Das Ich und Love Like Blood (letztere aus Angst vor Neonazi-Angriffen) abgesagt hatten, übernahmen Bands wie Goethes Erben, The Eternal Afflict sowie Age of Heaven die zentrale Rolle auf der Bühne.

Dieses erste Wave-Gotik-Treffen (WGT) legte den Grundstein für eine rasante Entwicklung: Bereits im Folgejahr stieg die Teilnehmerzahl auf 6000 an. Trotz des Erfolgs blieb die Bedrohung durch rechte Gewalt präsent. Nur eine Woche nach dem ersten WGT wurde ein Konzert von Christian Death in Leipzig von Neonazis angegriffen, die Besucher:innen verprügelten und Scheiben einschlugen. Dennoch markierte das WGT in Leipzig einen entscheidenden Wendepunkt: Es förderte den Zusammenhalt der ost- und westdeutschen Szenen und etablierte Leipzig als dauerhaften Fixpunkt der Schwarzen Szene.

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Abb. 65 Bilderserie vom 1. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig in »Glasnost«, #34 (1992), Freiburg (BRD)

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Abb. 66 Bilderserie vom 1. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig in »Glasnost«, #34 (1992), Freiburg (BRD)

Skinheads in der DDR

Die Entstehung der Skinhead-Bewegung in der DDR war kein isoliertes Phänomen, sondern entwickelte sich ab den frühen 1980er Jahren in einer engen, wenn auch spannungsgeladenen Symbiose mit der Punk-Subkultur. Während in Großbritannien die Skinhead-Kultur historisch dem Punk vorausging, verlief die Entwicklung in der DDR – wie auch in der Bundesrepublik – in umgekehrter Reihenfolge: Viele der ersten Skinheads waren zuvor Teil der Punk-Szene gewesen und suchten nach einer Form der stilistischen und politischen Radikalisierung. Diese frühen Jahre waren geprägt von einer Phase der »Bricolage«, in der Jugendliche Symbole und Moden beider Szenen vermischten.

Dieser Zusammenhalt war Mitte der 1980er Jahre zumeist noch so stark, dass man kaum von getrennten Lagern sprechen konnte. Der Zeitzeuge »Zonen-Peter« beschreibt in seinem Rückblick für das Fanzine »Pride« (#4, 1997) (Abb. 72-73), dass die Magdeburger Szene damals eine eingeschworene Gemeinschaft aus Punks, Rockern, Hooligans und den wenigen ersten Glatzköpfen bildete, die gemeinsam zu Dorfdiskotheken gingen und sich gegenüber der Staatsmacht solidarisierten. Für diese frühen Akteure war der auch heute noch szeneintern oft geforderte Zusammenhalt von Punks und Skins gelebter Alltag, da der enorme Druck des SED-Regimes alle gleichermaßen traf, die durch ein »auffälliges« Äußeres aus dem sozialistischen Kollektiv ausscherten.

Ab etwa 1983 und verstärkt um das Jahr 1985 vollzog sich jedoch eine deutliche Abkehr von der Punk-Ästhetik. Ein prominentes Beispiel für diesen radikalen Bruch liefert der Bericht von Bernd Stracke (L’Attentat) im Fanzine »Kabeljau« (#5, 1985) (Abb. 67) über seinen Besuch in Dresden im Mai 1985. Unter dem programmatischen Titel »Noies Doitschland« wurde das Scheren der Köpfe von Jörg »Löffel« Löffler und Pier »Fleck« Bergmann als Beginn einer neuen Phase zelebriert und fotografisch festgehalten. Die Haare wurden dabei symbolisch als »reste der verworfenen epoche« abrasiert. Dieser Akt markierte eine bewusste Distanzierung von der Punk-Kultur, deren Vertreter:innen nun oft als »moderne hippies« verspottet wurden. Löffler und Bergmann lösten zu jener Zeit aus Frust über die »Schmuddelpunks« ihre Band Paranoia auf und gründeten die kurzzeitig existierende Fun-Oi!-Band Cheruskerfront, bevor sie sich – erneut angewidert – auch von der immer stärker nach rechts tendierenden Skinhead-Bewegung lossagten.

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Abb. 67 Bebilderter Bericht über die Wandlung von Jörg Löffler und Pier Bergmann zu Skins in »Kabeljau«, #5 (1985), Norderstedt (BRD)

Auch Kay N. reflektiert in seinem Fanzine »Schmutzige Zeiten« (#1, 1991) (Abb. 68-71) diesen Wandel aus Potsdamer Sicht. Er empfand den »Punkerscheiß« zunehmend als unbefriedigend und kritisierte die verbreitete Haltlosigkeit sowie die Beliebtheit der Punks bei »Studenten und Kirchenfritzen«, die er als abstoßend empfand. Der Wunsch nach Bestätigung und einer »realitätsbezogen[en]« Sache führte viele Jugendliche weg von der als »keimig« und zunehmend politisch links wahrgenommenen Punk-Szene hin zum betont proletarischen, adretten und wehrhaften Auftreten der Skinheads.

Im Gegensatz zum oft als »asselig« oder »arbeitsscheu« wahrgenommenen Punk-Ideal legten die frühen DDR-Skinheads großen Wert auf ein sauberes, fast schon paramilitärisches Äußeres. Kay N. betont in seinen Erinnerungen, dass er stolz auf seine Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse war und darauf, kurze Haare und einfache Arbeitsstiefel zu tragen, bevor später teurere Statussymbole Einzug hielten. Dieses Selbstbild als ordentliche Arbeiter korrespondierte paradoxerweise anfangs mit der Wahrnehmung der DDR-Sicherheitsbehörden, die Skinheads aufgrund ihrer Kurzhaarfrisuren und Disziplin zunächst als »ordentliche Alternative« zum Punk begriffen.

Die Beschaffung der szenetypischen Kleidung stellte in der Mangelwirtschaft der DDR jedoch eine erhebliche Herausforderung dar und befeuerte eine florierende Schattenökonomie. Da originale West-Produkte wie Bomberjacken, Fred-Perry-Hemden oder Doc Martens im regulären Handel nicht erhältlich waren, mussten sie über Westkontakte oder abgeschobene Szene-Angehörige unter hohem finanziellen Aufwand besorgt werden. »Zonen-Peter« berichtet aus Magdeburg von horrenden Preisen, die in keinem Verhältnis zum durchschnittlichen Nettoeinkommen standen. Wer sich diese Originale nicht leisten konnte, wich als Ersatz auf Ost-Produkte aus. Das Tragen dieser Kleidung war somit nicht nur ein modisches Statement, sondern auch ein Ausdruck von Prestige und dem Willen, sich für den »Kult« finanziell zu verausgaben.

Musikalisch war die Szene in der DDR stark von westlichen Vorbildern und der Verbreitung von Tapes geprägt. Neben klassischen englischen Oi!- und Punkbands wie The Business, Cock Sparrer oder Cockney Rejects spielten vor allem westdeutsche Bands wie Böhse Onkelz eine zentrale Rolle für die Identitätsfindung. Kay N. beschreibt seine erste Berührung mit der Ideologie der Skins durch das Hören von Böhse Onkelz, deren Musik sich für ihn wohltuend von den »Anti-Deutschland-Liedern« der Punks abhob.

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Abb. 68 Bericht in »Schmutzige Zeiten«, #1 (1991), Potsdam (BRD)

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Abb. 69 Bericht in »Schmutzige Zeiten«, #1 (1991), Potsdam (BRD)

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Abb. 70 Bericht in »Schmutzige Zeiten«, #1 (1991), Potsdam (BRD)

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Abb. 71 Bericht in »Schmutzige Zeiten«, #1 (1991), Potsdam (BRD)

Mitte der 1980er Jahre war die politische Ausrichtung von DDR-Skins oft noch diffus und eher von einer radikalen Ablehnung des sozialistischen Systems als von gefestigten neonazistischen Theorien geprägt. Laut »Zonen-Peter« (Abb. 72-73) gehörte es zum »guten Ton«, sich als rechts zu bezeichnen, primär um die staatliche Macht zu provozieren, die sich als antifaschistisch definierte. Diese Form der Provokation wurde oft als »unpolitisch« getarnt, wobei proletarischer Machismus und eine latente Gewaltbereitschaft den Alltag dominierten. Erst gegen Ende der 1980er Jahre, verstärkt durch die Berichterstattung in den Medien über »Naziskins« im Westen, begannen viele Jugendliche, dieses Bild bewusst zu übernehmen, da es ihnen eine Aura der Gefährlichkeit verlieh.

Die DDR-Sicherheitsorgane unterschätzten die Gefahr zunächst, begannen aber ab Mitte der 1980er Jahre mit einer massiven Überwachung und Infiltration der Szene. In Ost-Berlin etwa war Ende 1988 jeder achte Skinhead zugleich als IM tätig. Die Repressionen im Alltag waren für die Jugendlichen allgegenwärtig: Regelmäßige Vorladungen bei der Volkspolizei oder der Stasi, »prophylaktische Vernehmungen« und Schikanen am Arbeitsplatz oder in der Schule gehörten zur Tagesordnung. Zudem suchte die Stasi gezielt in Untersuchungsgefängnissen und Haftanstalten nach neuen Informanten, indem sie die Ängste der inhaftierten Jugendlichen ausnutzte. Die ständige Überwachung und die staatlichen Sanktionen führten schließlich oftmals zu einer weiteren Radikalisierung und einem noch engeren Zusammenhalt innerhalb der Gruppe.

An der Schwelle zur zweiten Hälfte der 1980er Jahre veränderte sich das Klima innerhalb der ostdeutschen Skinhead-Szene massiv. War die Bewegung anfangs noch ein diffuses Gemisch aus jugendlichem Protest, Arbeiterstolz und purer Provokation, setzte nun ein Prozess der ideologischen Verhärtung ein. Ein entscheidendes Moment dieser Radikalisierung war der Überfall auf die Berliner Zionskirche im Oktober 1987. Dieses Ereignis wirkte wie ein Katalysator: Die Existenz neonazistischer Skinheads war nun in der DDR-Öffentlichkeit präsent. Die staatliche Presse reagierte mit einer Flut von Artikeln, in denen Skinheads grundsätzlich als Neonazis dargestellt wurden, was die Szene für unangepasste Jugendliche paradoxerweise nur noch attraktiver machte. Der Staat schlug zwar mit Härte und Verhaftungswellen zurück, doch die Bewegung, die man durch die einseitige Berichterstattung und anfängliche Ignoranz zum Teil selbst mitgeformt hatte, ließ sich nicht mehr aufhalten.

Die Berichterstattung in den DDR-Medien über »Naziskins« im Westen war lange Zeit die einzige Informationsquelle für die Jugendlichen im Osten. Viele orientierten sich an diesem Zerrbild: Die »zweite Welle« von Skinheads wurde oft nicht mehr vom ursprünglichen Kult oder der Musik angezogen, sondern von der negativen medialen Aura. Während die »Altglatzen« oft noch einen Funken des ursprünglichen Zusammenhalts mit Punks bewahrt hatten, suchten die Neuen die offene Konfrontation.

Ein zentraler Aspekt der Radikalisierung war das Verhältnis zu Ausländer:innen, auch wenn deren Zahl in der DDR vergleichsweise gering war. In der subjektiven Wahrnehmung von Szene-Angehörigen wie Kay N. hatten ausländische Student:innen oder Vertragsarbeiter:innen oft einen »Freibrief« der Regierung. Ihre Verbitterung speiste sich aus dem Gefühl, im eigenen Land schlechter gestellt zu sein als die vom Rest der DDR-Bevölkerung bewusst isolierten ausländischen Mitbürger:innen.

Kay N. schildert in seinem Rückblick für das Fanzine »Schmutzige Zeiten« Begegnungen, in denen er sich durch Ausländer provoziert fühlte. Solche subjektiven Erlebnisse wurden innerhalb der Szene zu kollektiven Ressentiments aufgeblasen. Interessant ist an dieser Stelle die Argumentation vieler »unpolitischer« Skinheads wie Kay N.: Auch er wiederholt in seinem Beitrag und Fanzine stets, keine politische Seite unterstützen zu wollen. Tatsächlich finden sich aber neben seinen eigenen Ausführungen im Heft auch Berichte zu Rechtsrock-Konzerten und Interviews mit neonazistischen Skinheads.

Doch die Skinhead-Szene war keineswegs homogen. In den Augen der Zeitzeugen gab es deutliche Unterschiede zwischen den Städten. Berlin und Potsdam galten als das Zentrum, während sich in Städten wie Rostock oder Magdeburg eigene Dynamiken entwickelten. »Zonen-Peter« betont in seinem Rückblick, dass man die DDR-Szene nicht als komplexes Ganzes betrachten dürfe, jede Region habe ihre eigenen Gruppen gehabt. Der Austausch funktionierte über gegenseitige Besuche und das gemeinsame Reisen zu Fußballspielen oder Konzerten, wobei man sich republikweit sofort als Gleichgesinnte erkannte.

Das Jahr 1989 markiert nicht nur das Ende der DDR, sondern auch den endgültigen Bruch innerhalb der Subkulturen. Nach der Grenzöffnung im November 1989 explodierte die Zahl der Skinheads förmlich. Die Gewalt zwischen Skins und Punks erreichte eine neue Qualität: Wo man früher vielleicht noch gemeinsam ein Bier getrunken hatte, herrschte nun blanker Hass, der auch zu Toten führte. Die alten Strukturen lösten sich auf; viele der ursprünglichen Skinheads fühlten sich in der neuen, massiv politisierten und von Gewalt dominierten Szene nicht mehr heimisch oder waren längst in den Westen abgewandert. Übrig blieb ein Feld, auf dem sich die Fronten so weit verhärtet hatten, dass kaum noch Gemeinsamkeiten existierten.

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Abb. 72 Bericht in »Pride«, #4 (1997), Magdeburg (BRD)

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Abb. 73 Bericht in »Pride«, #4 (1997), Magdeburg (BRD)

2. Transformationszeit: Nach dem Mauerfall

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, sollte die DDR nur noch ein weiteres Jahr Bestand haben. Für die »negativ-dekadenten« Sub- und Jugendkulturen bedeutete dieser Umbruch vor allem eines: das Ende einer staatlichen Verfolgung, die trotz aller Ausweitung der staatlichen Toleranz und Akzeptanz bis zuletzt angehalten hatte. Die ständigen Gängelungen, Repressionen und »Zersetzungsversuche« durch die Staatssicherheit machten einer fast rauschhaften, aber auch orientierungslosen Freiheit Platz. Es folgte eine Phase der Neuorientierung und Aufarbeitung. Angesichts der neuen Freiheiten konnte nun offener kommuniziert werden, sowohl innerhalb der ostdeutschen Sub- und Jugendkulturen als auch nach außen. Bands und Szenegänger:innen hielten Rückschau auf die eigene Geschichte, die Entwicklungen innerhalb der Szenen sowie auf die eigene Rolle in der DDR-Opposition.

Dieser Prozess der Selbstvergewisserung hatte jedoch auch seine negativen Seiten: Zu Beginn der 1990er Jahre platzte die Blase der vermeintlichen subkulturellen Solidarität, als die Verstrickungen einzelner Protagonist:innen in den DDR-Unterdrückungsapparat ans Licht kamen. Die Enttarnung »Inoffizieller Mitarbeiter« (IM) mitten im Herzen der Szenen zerstörte langjährige Freundschaften sowie Vertrauensverhältnisse. Diese Erkenntnisse zwangen die Akteure dazu, ihre eigene Geschichte und die vermeintliche Freiheit ihrer Nischenkultur völlig neu zu bewerten.

Gleichzeitig zeigten die Nachwirkungen der Wendezeit, dass der Geist des Aufbruchs und der Selbstorganisation keineswegs erloschen war. Im linksalternativen Milieu entstanden neue Netzwerke, die sich in Hausbesetzungen und der Organisation autonomer Kulturzentren manifestierten. Man agierte weiter zusammen, nun jedoch unter den Vorzeichen einer sich radikal verändernden, oft feindseligen Umwelt.

Denn der neue Freiraum wurde vom erstarkenden Rechtsextremismus überschattet, dessen Wurzeln weit in die Geschichte der DDR-Subkulturen zurückreichen, dort jedoch lange offiziell totgeschwiegen worden waren. Die massiven Gewaltexzesse der »Baseballschlägerjahre«, die Ostdeutschland in den 1990er Jahren erschütterten, hatten bereits in den 1980er Jahren innerhalb der DDR-Gesellschaft ihren Anfang genommen. Die rechte Gewalt entfaltete nun ihre volle, zerstörerische Kraft und prägte den Alltag einer ganzen Generation im Osten.

 

Rück- und Ausblicke

Mit dem Fall der Berliner Mauer und der anschließenden Auflösung der staatlichen Strukturen der DDR eröffnete sich für die Bürger:innen eine völlig neue Welt der öffentlichen Artikulation. Was zuvor nur im tiefsten Untergrund oder in den geschützten, aber dennoch überwachten Räumen der Kirche möglich war, drängte nun mit einer ungeahnten Wucht in die Öffentlichkeit. In der Zeit unmittelbar nach der Wende begannen Zeitzeug:innen und nicht zuletzt Anhänger:innen der zuvor verfolgten »negativ-dekadenten« Jugendkulturen, ihre Erlebnisse im SED-Staat aufzuarbeiten. Dieser Prozess war eigentlich schon Ende der 1980er Jahre durch eine wachsende Zahl an illegalen Publikationen eingeleitet worden, in denen Angehörige der Szenen selbst zu Wort kamen. In den Berichten mischten sich persönliche Erinnerungen mit politischer Analyse und schufen so ein subjektives Bild einer Bewegung, die sich in Teilen dem DDR-Regime verweigert hatte – mit einschneidenden persönlichen Konsequenzen.

Eines der eindrücklichsten Zeugnisse dieser Ära findet sich im Februar 1991 in der Berliner Zeitschrift »Messitsch«. In einem Teilbeitrag der Serie »Die GOLDENEN Achtziger«, (Abb. 74-75) in der die Ost-Berliner Alternativszene vorgestellt wird, spricht ein wichtiger Protagonist der Ost-Berliner Punk-Szene über seine Geschichte: Speiche. Bereits im Alter von vierzehn Jahren wurde er zum ersten Mal vorgeladen – es folgten laut seinen Angaben 277 weitere Male, die er in den Revieren der Volkspolizei oder den Vernehmungszimmern der Staatssicherheit verbrachte. Elfmal sei er misshandelt worden, dreimal davon schwer, was zu Knochenbrüchen an Rippen, Kiefer und Nasenbein sowie zahlreichen Platzwunden durch Gummiknüppel geführt habe.

Speiche war seit 1980 tief in der Punk-Szene involviert und agierte als Aktivist im Umfeld der »AlösA«-Punks. Er erinnerte sich an die komplizierte Zusammenarbeit mit den Kirchen, die Entstehung des legendären »Leichenkellers« und die Organisation des »Kirchentags von Unten«. Sein Engagement war dabei stets politisch. So war er auch an der spektakulären Anti-IWF-Aktion beteiligt, bei der eine Delegation des Internationalen Währungsfonds beim Besuch des Pergamonmuseums mit Pfennigstücken beworfen wurde. Nach dem Ende der DDR setzte er sein Engagement im linksalternativen Milieu fort, etwa als Mitveranstalter im besetzten Haus »Eimer« in Berlin-Mitte. Speiches Biografie steht stellvertretend für einen Teil der Punk-Szene, der sich durch die Repression nicht brechen ließ, sondern in die Radikalität getrieben wurde.

Die Frage, wie aus einer ursprünglich eher ästhetisch orientierten Jugendkultur eine ernsthafte politische Bedrohung für den Staat werden konnte, thematisiert das Fanzine »Wildcat« (#56, 1991) (Abb. 76-77) in einem Interview mit den Punks »Leo« und »Ron«. Die beiden blicken auf die Anfänge zurück und betonen, dass Punk in der DDR zu Beginn eine reine Modebewegung war. Erst die unverhältnismäßig harte Reaktion des Staates – Verhaftungen, Gefängnisaufenthalte und ständige Überwachung – führte zu einer Zwangspolitisierung der Jugendlichen. Laut »Leo« und »Ron« verloren die Punks durch die ständigen Repressionen jegliche Angst vor dem autoritären System.

Diese Furchtlosigkeit wurde 1989 zu einem entscheidenden Faktor. Die beiden geben an, zu den Teilnehmer:innen der ersten Demonstration gegen die Wahlfälschung der SED am 7. Juni 1989 in Ost-Berlin gehört zu haben. In ihrer Rückschau beanspruchen sie für die Punks eine aktive Rolle beim Sturz der DDR. Gleichzeitig blicken sie jedoch mit einer gewissen Bitterkeit auf die Ergebnisse der Friedlichen Revolution und bedauern, dass sich weniger radikale Aktivist:innen und kirchliche Würdenträger an die Spitze der Bewegung gesetzt hätten. Aus ihrer Sicht führte ihr eigenes rebellisches Handeln letztlich mit zur »Wiedervereinigung«, die sie gar nicht gewollt hatten, und ebnete indirekt den Weg für das damit einhergehende Erstarken rassistischer und nationalistischer Tendenzen in der Bevölkerung.

Die Einschätzung von »Leo« und »Ron« deckt sich mit Beobachtungen aus der Forschung, in denen der Stellenwert von Punk beim Niedergang der DDR als ambivalent beschrieben wird. Tatsächlich zeigen Quellen, dass viele Protagonist:innen der ersten Stunde die DDR 1989 bereits verlassen oder der Subkultur den Rücken gekehrt hatten. Der verbliebene harte Kern, der oft unter dem Dach der evangelischen Kirche agierte, befand sich Ende der 1980er Jahre in einem Radikalisierungsprozess, der zu einer Entfremdung von der breiten Masse der Demonstrierenden führte. Diese hatten mit ihren Forderungen vorrangig Reisefreiheit und materiellen Wohlstand und nicht etwa eine dritte Alternative zu Staatssozialismus und Kapitalismus im Blick. Die linksalternative Szene zog sich zunehmend von den Montagsdemonstrationen zurück und konnte auch der »Wiedervereinigung« wenig abgewinnen.

Trotz der politischen Differenzen zur breiten Masse war 1989 ein Jahr gesteigerten Aktivismus. Insbesondere als Reaktion auf die zunehmenden Angriffe rechtsextremer Skinheads formierte sich innerhalb der Punk-Szene eine organisierte Antifa-Bewegung. In Ost-Berlin spielte dabei wiederum Speiche eine Schlüsselrolle. Er nutzte seine Kontakte, um leerstehende Wohnungen von Republikflüchtlingen zu besetzen und dort Punks sowie Frauen- und Schwulengruppen in Selbstverteidigung zu unterrichten. Ab Januar 1989 bot das Gemeindehaus der Elisabethkirche der »Kirche von Unten« ein dauerhaftes Quartier, wo sich dank Speiche und Silvio Meier auch eine Antifa-Gruppe traf, die ein eigenes Informationsblatt herausbrachte. Diese Phase markiert den Übergang von einer subkulturellen Rebellion hin zu einer strukturierten politischen Arbeit, die über das Ende der DDR hinaus Bestand haben sollte.

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Abb. 74 Zeitzeugen-Interview in »Messitsch«, #Februar (1991), Berlin (BRD)

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Abb. 75 Zeitzeugen-Interview in »Messitsch«, #Februar (1991), Berlin (BRD)

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Abb. 76 Zeitzeugen-Interview in »Wildcat«, #56 (1991), Berlin (BRD)

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Abb. 77 Zeitzeugen-Interview in »Wildcat«, #56 (1991), Berlin (BRD)

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Abb. 78-80 Interview mit »Dippel« von Schleim-Keim in »Rattenpress«, #9 (1991), Freiberg (BRD)

Mit dem Wegfall der Zensur und der neuen Reisefreiheit erhielten nun auch jene Bands eine Stimme, die während der 1980er Jahre kaum Möglichkeiten gehabt oder genutzt hatten, ihre Geschichte in westlichen Fanzines oder Zeitschriften zu erzählen. Während einige wenige Gruppen durch konspirative Wege bereits früh eine gewisse Bekanntheit im Westen erlangt hatten, blieb der Großteil der ostdeutschen Punk-Szene isoliert. In den Jahren 1990 und 1991 nutzten viele Musiker die neugewonnenen Plattformen, um ihre Sicht auf die Jahre der Unterdrückung, aber auch auf die internen Konflikte der Szene darzustellen.

Ein prominentes Beispiel für diese späte Aufarbeitung ist die Band Schleim-Keim um den charismatischen wie skandalträchtigen Multiinstrumentalisten Dieter »Otze« Ehrlich aus Stotternheim bei Erfurt. In einem Interview mit dem Fanzine »Rattenpress« (#9, 1991) (Abb. 78-80) blickt der Bassist Andreas »Dippel« Deubach auf die Gründungsjahre zurück. Dabei wird deutlich, dass die Punk-Szene in der DDR alles andere als eine homogene Einheit war. Während sich die Leipziger Szene politischer gab, waren die Erfurter »Schmuddelpunks« als besonders sauf- und randalefreudig bekannt.

Doch auch die Geschichte von Schleim-Keim ist untrennbar mit der massiven Überwachung durch das MfS verbunden. Ein Wendepunkt war hierbei das Jahr 1983 und das Projekt der Schallplatte »DDR von unten«, auf der Schleim-Keim als »Sau-Kerle« vertreten sind. Die Initiative für diesen ersten illegalen DDR-Punk-Sampler im Westen ging maßgeblich von Alexander »Sascha« Anderson aus, dessen Band Zwitschermaschine die zweite Hälfte der Platte bespielte. Anderson selbst war als IM für die Stasi tätig. Nach der Produktion der Platte wurde Otze regelmäßig wegen »asozialen Verhaltens« und »Rowdytums« verhaftet, massiv unter Druck gesetzt und lückenlos überwacht.

Auch das Verhältnis zur evangelischen Kirche war für Schleim-Keim kompliziert. Der Diakon Wolfgang Musigmann, der in Erfurt die »Offene Arbeit« betreute, erinnerte sich in späteren Aufzeichnungen an die enormen Spannungen. Die Erfurter Punks um Otze fielen durch Aggressivität und exzessiven Alkoholkonsum auf, was die kirchliche Basisarbeit massiv belastete. Letztlich führte das Auftreten der Gruppe dazu, dass sie aus den kirchlichen Räumen ausgeschlossen wurden.

Eine ganz andere Form der Kontaktaufnahme mit dem Westen wählte die 1980 gegründete Band Müllstation aus Eisleben. Hier war es vor allem die Eigeninitiative einzelner Mitglieder, die zu ersten medialen Erwähnungen führte. Steve Aktiv berichtet im Rückblick gegenüber »Rattenpress« (#10, 1991), (Abb. 81) wie sein Bruder »Rialdo« einen Brief an den westdeutschen Radiosender NDR 2 schrieb, um auf die Band aufmerksam zu machen. Dies blieb nicht ohne Folgen: Die Redakteure des Musikmagazins »Sounds«, Tim Renner und Thomas Mainz, signalisierten Interesse an einem Treffen in Ost-Berlin, das auch zustande kam.

Steve Aktiv, der zu diesem Zeitpunkt seinen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) leistete, nutzte eine selbst ausgestellte Militärfahrkarte, um unerlaubt nach Berlin zu reisen. Tatsächlich wurde Steve, wie im »Sounds«-Beitrag (#8, 1982) angegeben, unmittelbar nach dem Treffen am Alexanderplatz von Sicherheitskräften verhaftet und verhört. Aus diesem ersten Treffen entwickelte sich ein dauerhafter Austausch. Später kam es zu einem Treffen mit Alfred Hilsberg, dem Inhaber des einflussreichen Labels »ZickZack«, in der Wohnung von Sascha Anderson. Durch Andersons IM-Tätigkeit – von der Aktiv zur Zeit des Interviews noch nichts wusste – blieb weder das Treffen »streng geheim« noch die Übergabe von Kassetten mit Aufnahmen von Müllstation an Hilsberg.

Für Bands aus den »negativ-dekadenten« Szenen bildeten Kassetten ohnehin das primäre Medium, da offizielle Schallplattenproduktionen beim Staatslabel Amiga bis Ende der 1980er Jahre utopisch blieben. Kassetten waren vergleichsweise kostengünstig und leicht zu vervielfältigen. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entwickelten sich aus dieser Kassettenkultur heraus sogar illegale Labels und Vertriebe.

Einer der Pioniere dieser Szene war Holger »Alge« Roloff, der im Sommer 1986 das Rostocker Label »Trash Tape Rekords« (TTR) gründete. Im Interview mit dem Fanzine »Röhrzu« (#4, ca. 1992) (Abb. 82/83) beschreibt er die Arbeitsweise seines Untergrund-Labels, das zahlreiche Tapes von Bands wie Virus X oder Zwecklos – bei denen er auch selbst spielte – meist bei Konzerten oder per Post vertrieb. Alge selbst geriet dabei immer wieder ins Visier der Behörden; noch im April 1989 wurde er in Rostock verhört und wegen »politisch negativer« Texte seiner Bands unter Druck gesetzt.

Im Interview blickt Alge kritisch auf Akteure wie Andreas »Höhnie« Höhn, der ein Jahr zuvor auf seinem frisch gegründeten, westdeutschen Label »HöhNIE Records« den Ex-DDR-Sampler »Sicher gibt es bessere Zeiten, doch diese war die Unsere« mit Stücken von Punk-Bands wie Paranoia, Müllstation und Wartburgs für Walter rausgebracht hatte und in einschlägigen Fanzines wie »Rattenpress« (#10, 1991) (Abb. 84) bewarb. Für Alge waren die originalen Tapes authentischer als die späteren DDR-Compilations westlicher Labels, auch wenn es Höhn war, der Bands wie Schleim-Keim nach 1990 zu einem gewissen Status in der Szene verhalf.

Für viele Szene-Akteure dokumentierten die Tapes den rohen, ungeschönten Sound des Untergrunds. Als Amiga ab 1988 begann, mit einem »Kleeblatt«- und »Parocktikum«-Sampler auf »die anderen Bands« zu reagieren, wurde dies von vielen in der Szene kritisch gesehen. Sie empfanden die offiziellen Produktionen oft als »glattgebügelt« und als späten Versuch des Staates, eine Subkultur für eigene Zwecke einzuspannen, die er jahrelang bekämpft hatte. Bandeigene Home-Labels wie »Hartmut Productions« in Leipzig (Die Art), »KlangFarBe« in Karl-Marx-Stadt (AG. Geige) oder »Assorted Nuts« in Ost-Berlin (Aufruhr zur Liebe) hatten zu diesem Zeitpunkt bereits bewiesen, dass die kreative Kraft der DDR-Subkultur längst ihre eigenen Strukturen geschaffen hatte – unabhängig von staatlicher Anerkennung und fernab der Zensur.

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Abb. 81 Interview mit Steve Aktiv von Müllstation, in: »Rattenpress«, #10 (1991), Freiberg (BRD)

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Abb. 84 Werbeanzeige für die Compilation »Sicher gibt es bessere Zeiten ...«, in: »Rattenpress«, #10 (1991), Freiberg (BRD)

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Abb. 82 Interview mit »Alge« von »Trash Tape Rekords«, in: »Röhrzu«, #4 (ca. 1992), Neubrandenburg (BRD)

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Abb. 83 Interview mit »Alge« von »Trash Tape Rekords«, in: »Röhrzu«, #4 (ca. 1992), Neubrandenburg (BRD)

Enttarnungen

Mit der Verabschiedung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes im November 1991 trat die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit in eine neue Phase ein. Erstmals erhielt jede Person das Recht, Einsicht in jene Akten zu nehmen, die das Ministerium für Staatssicherheit über sie angelegt hatte. Was für viele als Suche nach der eigenen Geschichte begann, endete oft in der Enttarnung ehemaliger »Inoffizieller Mitarbeiter« (IM) bzw. »Inoffizieller Kriminalpolizeilicher Mitarbeiter« (IKM), die teils über Jahrzehnte hinweg tief in den privaten und subkulturellen Raum eingedrungen waren. Besonders erschütternd wirkten diese Enthüllungen innerhalb der vom SED-Staat als »negativ-dekadent« eingestuften Sub- und Jugendkulturen. Gerade hier, wo man sich im gemeinsamen Widerstand gegen das System und in einer vermeintlich solidarischen Nische wähnte, wog der Verrat schwer.

Die Zusammenarbeit zwischen den Szenegänger:innen und den Sicherheitsorganen kam dabei auf unterschiedliche Weise zustande, wobei Stasi und Kriminalpolizei gezielt die prekären Lebensumstände der Betroffenen ausnutzten. Wer als »asozial« eingestuft worden war, keine feste Arbeit nachweisen konnte oder wegen kleinerer (oder erfundener) Delikte in das Visier der Behörden geriet, war leichter erpressbar. Drohten Haftstrafen, wurden im Gegenzug für Informationen Haftverschonung und abgemilderte Bewährungsstrafen in Aussicht gestellt. Ein weiterer Weg waren materielle oder soziale Vergünstigungen, wie die Befreiung vom Wehrdienst, die Zuweisung begehrter Wohnungen oder finanzielle Zuwendungen.

Ein herausragendes und besonders gut dokumentiertes Beispiel für diese Form der Unterwanderung ist der Fall von Imad Abdul Majid, der innerhalb der Leipziger Punk-Szene als einer der zentralen Akteure galt. Das Ausmaß seines doppelten Spiels wurde erst durch die Akteneinsicht ehemaliger Weggefährten wie Bernd Stracke, der mit Majid zusammen bei den Leipziger Bands Wutanfall und L’Attentat spielte, in vollem Umfang deutlich. Stracke äußerte sich zu diesen für ihn traumatischen Erfahrungen ausführlich in zwei Interviews, die in den Fanzines »Kalpa Vrikscha« (#1, 1993) und »ZAP« (#96, 1994) erschienen und die Zerstörung des Vertrauens innerhalb der Szene eindringlich beschreiben.

Im Interview mit dem Hare-Krishna-Fanzine »Kalpa Vrikscha«, (Abb. 85-89) das von dem sich nun Amara Prabhu Dasa nennenden Ex-Punk Marcus Hugk herausgegeben wurde, spricht Bernd Stracke über seinen persönlichen Werdegang angesichts staatlicher Verfolgung. Nachdem er sich 1983 an einer stillen Demonstration beteiligt hatte, um gegen die Inhaftierung seines Bandkollegen Maik »Ratte« Reichenbach zu protestieren – die ebenfalls auf Informationen des IM Imad zurückging –, folgten sechs Monate Untersuchungshaft. Später, nach weiteren Aktivitäten und Kontakten zu westlichen Fanzines, wurde er zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt, bevor er schließlich in den Westen freigekauft wurde.

Detailliert geht Stracke in »Kalpa Vrikscha« auf die Enttarnung Majids ein, der unter den Decknamen »Schwarz« und später »Dominique« agierte. In seinen Akten las Stracke, dass ausgerechnet Imad, der Gitarrist seiner eigenen Band, bereits ab Ende 1982 Informationen an die Kriminalpolizei geliefert hatte. Tatsächlich war sogar die Verhaftung bei der Kerzen-Demo von 1983 durch einen telefonischen Hinweis Imads vorbereitet worden, wofür dieser eine Prämie von 200 Mark erhielt. Der Zusammenhalt im Osten entpuppte sich für Stracke nach seiner Akteneinsicht als eine »Scheinwelt«, in der man sich gegenseitig hinterging – auch wenn Imad, wie Stracke anmerkte, in seinem konkreten Fall eher weniger Engagement gezeigt habe, mit den Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten. Dennoch hatte Majid seine Position innerhalb der Szene geschickt genutzt, um einerseits radikal aufzutreten und andererseits seine eigene Straffreiheit abzusichern und die erhoffte Ausreise zu beschleunigen.

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Abb. 85 Interview mit Bernd Stracke, in: »Kalpa Vrikscha«, #1 (1993), Berlin (BRD)

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Abb. 86 Interview mit Bernd Stracke, in: »Kalpa Vrikscha«, #1 (1993), Berlin (BRD)

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Abb. 87 Interview mit Bernd Stracke, in: »Kalpa Vrikscha«, #1 (1993), Berlin (BRD)

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Abb. 88 Interview mit Bernd Stracke, in »Kalpa Vrikscha«, #1 (1993), Berlin (BRD)

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Abb. 89 Interview mit Bernd Stracke, in »Kalpa Vrikscha«, #1 (1993), Berlin (BRD)

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Abb. 90 Bericht und Interview zum Fall Imad in »ZAP«, #96 (1994), Homburg (BRD)

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Abb. 91 Bericht und Interview zum Fall Imad, in: »ZAP«, #96 (1994), Homburg (BRD)

Die Reaktion auf diese Enthüllungen wurde auch im Fanzine »ZAP« thematisiert, (Abb. 90/91) wobei hier die Perspektive der westlichen Punk-Szene stärker zum Tragen kommt. Der Interviewer beschreibt den »Hammerschlag«, den die Nachricht von Majids Spitzeltätigkeit auslöste. Lange Zeit hatte Imad im Westen als Symbol für den mutigen, unabhängigen Punk unter dem DDR-Regime gegolten. In einem Interview in »ZAP« (#29, 1990) hatte er auf die Frage nach Stasi-Spitzeln in der Szene noch geantwortet, er müsse selbst dort gearbeitet haben, »um genauere Angaben über die Stasi machen zu können«.

Bernd Stracke ergänzt im »ZAP«-Gespräch weitere Details zur Anwerbung Majids. Dieser sei durch eine Hausdurchsuchung, bei der man Diebesgut fand, sowie durch unbezahlte Bußgelder unter Druck gesetzt worden. Um dem Gefängnis zu entgehen, ließ er sich darauf ein, Informationen zu liefern und dafür sein bisheriges Leben fortführen zu können.

Besonders perfide war nicht zuletzt das Ausmaß der Überwachung, arbeiteten doch eine Vielzahl von Personen aus Strackes näherem Umfeld für die Kriminalpolizei oder Stasi. Dazu gehörten u.a. mit Frank »Zappa« Zappe ein weiterer Bandkollege aus Wutanfall-Zeiten. Zappe wurde von der Staatssicherheit zwischen 1983 und 1986 als IMS »Käptn« geführt. Nach der Wende bestritt Zappe vehement, jemals aktiv Informationen geliefert zu haben, und erklärte, er habe die Verpflichtungserklärung in einer Mischung aus Feigheit, Bequemlichkeit und Taktik unterschrieben. Die erhaltenen Akten der Stasi dokumentieren jedoch sehr wohl Treffen, bei denen Zappe über Bernd Stracke und weitere Bandmitglieder Auskunft gab.

Zu den weiteren Informanten aus Strackes Umfeld gehörten auch der ehemalige Renft-Musiker Peter »Cäsar« Gläser (Deckname »Klaus Weber«), der L’Attentat einen Proberaum in seinem Keller zur Verfügung stellte und sogar scharf gegen staatliche Repressionen protestierte, die sich gegen die Punkband und ihn selbst richteten. Zeitweilig übernahm sein jugendlicher Sohn Robert sogar den Posten des Schlagzeugers der Punkband. Und schließlich spionierte sogar der Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, der Bernd Stracke nach dessen Inhaftierung vertrat, unter dem Decknamen IM »Dr. Ralf Schirmer« für das MfS. Er sammelte im Freundeskreis seines Mandanten gezielt Material, das weit weniger der rechtlichen Verteidigung diente, sondern vor allem dem Informationshunger der Staatssicherheit.

Bernd Strackes Geschichte steht exemplarisch für die Biografien zahlreicher Menschen, die sich in den vom SED-Staat als »negativ-dekadent« stigmatisierten Jugendkulturen bewegten. Dabei wurde deutlich, dass die Beweggründe für eine Funktion als IM vielfältig waren: Sie reichten von nackter Existenzangst und massivem Druck durch die Sicherheitsorgane über den Wunsch nach materiellen Vergünstigungen bis hin zum oft naiven Versuch, durch taktische Zugeständnisse die eigenen künstlerischen Handlungsspielräume zu erweitern. Letztlich zeigt die Geschichte dieser Enttarnungen, dass die Staatssicherheit ihr Ziel der »Zersetzung« oft über das Ende der DDR hinaus erreichte, indem sie ein dauerhaftes Misstrauen säte und das Fundament subkultureller Solidarität nachhaltig erschütterte.

 

Making of: »Baseballschlägerjahre«

Rechtsextremismus in Ostdeutschland war kein plötzliches Phänomen der Nachwendezeit, sondern tief in den gesellschaftlichen Strukturen der DDR verwurzelt – entgegen der offiziellen staatlichen Selbstdarstellung als antifaschistisches Bollwerk. Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus existierten auch im Realsozialismus weiter. Hinzu kam, dass die sozialistische Kultur selbst Anknüpfungspunkte bot. Der staatlich verordnete Proletkult und die Verehrung kommunistischer Widerstandskämpfer wiesen strukturelle Ähnlichkeiten zu Versatzstücken der nationalsozialistischen Erziehung auf.

Tatsächlich finden sich beispielsweise Hakenkreuz-Schmierereien im öffentlichen Raum bereits vor dem Erstarken rechtsextremer Szenen in den 1980er Jahren. Dabei war die Motivation der Akteure oft zweigeteilt: Während ein Teil tatsächlich eine gefestigte nationalsozialistische Ideologie vertrat, nutzten andere die verbotene Symbolik vor allem als ultimatives Provokationsmittel gegen die staatliche Erziehung und die ideologischen Vorgaben der SED-Führung. Letztere Strategie zeigte sich besonders deutlich in der frühen Punk-Szene der DDR, in der etwa die Nutzung von NS-Devotionalien und -Zeichen vorkam, ohne dass zwangsläufig eine rechte Gesinnung dahinterstand.

Zu Beginn der 1980er Jahre waren Überschneidungen zwischen der Punk-Szene und der aufkeimenden und stetig weiter nach rechts tendierenden Skinhead- sowie Fußballfan-Szene noch verbreitet. Erst in den folgenden Jahren wurden die Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen schärfer. Ein bedeutender Katalysator für die Radikalisierung war das extrem harte Vorgehen der DDR-Behörden, insbesondere gegen die Hooligan-Szene. Während die Gewalt in den Stadien anfangs zumeist zum Ablassen von Frustrationen über die allgemeine gesellschaftliche Situation diente, wurden viele Jugendliche durch die massiven staatlichen Repressionen und die Kriminalisierung der Fans in eine politische Opposition gedrängt, die sich zunehmend nach rechts orientierte.

Einen bedeutenden Anteil an der steten Zunahme rechter Gewalt hatten zudem die repressiven Institutionen der DDR. In den Jugendwerkhöfen und Gefängnissen machten viele Internierte prägende Erfahrungen mit Gewalt, Arbeitszwang und starren Hierarchien. Wer diese Einrichtungen verließ, kehrte oft verhärtet und verbittert in seine Subkultur zurück. Eine Rückkehr der einst rebellischen und durch staatliche Bevormundung und Misshandlung zu Systemfeinden gewordenen Jugendlichen in die sozialistische Gesellschaft gestaltete sich damit schwierig.

Gegen Ende der 1980er Jahre verschärfte sich die Lage zusehends. Zeitgenössische Erlebnisberichte, wie sie regelmäßig im »Antifa Infoblatt« (OA’KvU 110/1/7/89 sowie OA’KvU 110/2/11/89, beide 1989) (Abb. 92-94) dokumentiert wurden, zeichnen das Bild einer immer aggressiver auftretenden Neonazi-Szene. Die Angriffe erfolgten oft völlig unvermittelt und unter Einsatz verschiedener Waffen. Ein wiederkehrendes Muster ist die auffällige Zurückhaltung der Volkspolizei. Oft griffen die Einsatzkräfte erst ein, wenn die Gewalt bereits eskaliert war oder die Täter sich zurückgezogen hatten.

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Abb. 92 Bericht zu einem Neonazi-Überfall in »Antifa Infoblatt«, OA’KvU 110/1/7/89 (1989), Ost-Berlin (DDR)

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Abb. 93 Bericht in »Antifa Infoblatt«, OA’KvU 110/2/11/89 (1989), Ost-Berlin (DDR)

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Abb. 94 Berichte zu Neonazi-Angriffen in »Antifa Infoblatt«, OA’KvU 110/1/7/89 (1989), Ost-Berlin (DDR)

Ein zentrales Schlüsselereignis, das die gewalttätige Neonazi-Kultur schlagartig ins öffentliche Bewusstsein rückte und den Mythos von der nazifreien DDR zerstörte, war der Überfall auf die Berliner Zionskirche am 17. Oktober 1987. Nach einem Konzert der West-Berliner Band Element of Crime und der Ost-Berliner Gruppe Die Firma stürmten rund 30 Neonazis die Kirche und prügelten mit großer Brutalität auf die noch anwesenden rund 300 Besucher:innen ein. Der eigentliche Skandal lag jedoch im Verhalten der Sicherheitsorgane: Obwohl Einheiten der Volkspolizei in unmittelbarer Nähe bereitstanden, griffen sie trotz verzweifelter Hilferufe nicht ein.

Dieses Versagen nährte den Verdacht, dass der Überfall vom MfS und der Volkspolizei zugelassen wurde, um die kirchlich geschützte Opposition zu schwächen. Tatsächlich ging die Stasi gegen die linksalternativen Dissident:innen der Umweltbibliothek, die in der Zionskirche beheimatet war, weitaus härter vor als gegen die rechtsextremen Angreifer. Erst der enorme öffentliche Druck und die Berichterstattung in westlichen Medien zwangen die DDR-Führung, die die Schuld auf westdeutsche Agitatoren abzuwälzen suchte, zum Handeln. Die zunächst milden Urteile gegen die Täter mussten aufgrund massiver Proteste in einer zweiten Instanz verschärft werden. Die SED-Führung sah sich schließlich gezwungen, die Existenz von Neonazis in der DDR offiziell zuzugeben, was einen Wendepunkt in der staatlichen Verfolgung markierte. Neben rechtsextremen Gruppen gerieten nun vor allem Skinheads – unabhängig von ihrer tatsächlichen politischen Orientierung – ins Visier der Behörden.

Mit dem fortschreitenden Zerfall der staatlichen Ordnung in der Wendezeit und der frühen Phase der »Wiedervereinigung« verschärfte sich die neonazistische Gewalt. Ein bezeichnendes Beispiel für diese Atmosphäre findet sich im Bericht über ein Konzert in Frankfurt/Oder im September 1990 (ZAP, #30 1990). (Abb. 95) Zwei Hardcore-Bands, die dort in einem besetzten Haus auftreten wollten, sahen sich einer regelrechten Belagerung durch organisierte Faschisten gegenüber. Die Schilderungen zeichnen das Bild einer Stadt im Ausnahmezustand: Häuser mussten verrammelt und Nachtwachen organisiert werden, während im Hintergrund bereits die Vorbereitungen für koordinierte Angriffe liefen.

Der eigentliche Überfall auf das Objekt erfolgte unter dem Einsatz von Steinen, Molotowcocktails und Leuchtspurmunition. Während die herbeigerufene Volkspolizei in diesem spezifischen Fall hart gegen die Angreifer vorging, offenbarten sich innerhalb der alternativen Szene tiefe Gräben. Der Bericht beschreibt eine Mischung aus entschlossener Abwehrbereitschaft einiger weniger und einer weit verbreiteten Apathie durch exzessiven Alkoholkonsum bei anderen Besetzer:innen, was eine organisierte Verteidigung fast unmöglich machte. Dieser alltägliche Terror führte dazu, dass ein normales kulturelles Leben nicht nur in der Provinz, sondern auch in vielen Großstadtbezirken oft nur unter Lebensgefahr möglich war. Anfang 1992 wurde etwa auch Silvio Meier, ein Hauptorganisator des Zionskirchen-Konzerts 1987, von Neonazis in Berlin ermordet.

Tatsächlich nahm der rechtsextreme Terror die gesamte Independent-Szene in Ostdeutschland ins Visier. Ein Leserbrief in »Glasnost« (#30) (Abb. 96) aus dem Jahr 1991 nennt beispielhafte Attacken jener Zeit: So entkam die Hamburger Band Die Goldenen Zitronen nur knapp einer fast tödlichen Falle von Neonazis im brandenburgischen Hoyerswerda, während Rechtsextreme im Oktober ein Techno-Festival in Chemnitz überfielen. Die Folge: Musik-Veranstalter:innen mussten ihre Arbeit einstellen, weil sie gezielt von der rechten Szene verfolgt wurden, und westdeutsche Bands sagten Auftritte im Osten aus Angst vor Überfällen ab.

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Abb. 95 Konzert-/Erlebnisbericht in »ZAP«, #30 (1990), Hannover (BRD)

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Abb. 96 Bericht zu Neonazi-Überfallen auf Konzerte in »Glasnost«, #30 (1991), Freiburg (BRD)  

Diese Gewalt war in den »Baseballschlägerjahren« der 1990er Jahre Alltag. Für Menschen, die nicht ins Weltbild der Neonazis passten oder diesen schlicht optisch auffielen, war der öffentliche Raum von einer konstanten potenziellen Bedrohung geprägt. Die Gewalt diente nicht allein der Einschüchterung, sondern verfolgte den strategischen Zweck, Macht über den öffentlichen Raum zu erlangen. Die gesellschaftliche Mitte verhielt sich gegenüber diesem Terror oft desinteressiert oder zeigte gar Sympathie, was sich auch in der zögerlichen bis teilweise unterstützenden politischen Reaktion jener Jahre widerspiegelt.

Im Fanzine »Scumfuck Tradition« (#20, 1992) (Abb. 97) finden sich Leserbriefe aus jener Zeit, welche die Verzweiflung der Schreiber verdeutlichen. So beschreibt ein Leser seine Heimatregion bei Hoyerswerda als Zone, in der es kein Entkommen von den allseits präsenten Neonazis gab und in der Punks als »Selbstmörder« gelten, wenn sie sich erkennbar auf die Straße wagten. Nicht weniger wütend macht ein anderer Leser aus dem brandenburgischen Fredersdorf auf den Tod von Torsten Lamprecht aufmerksam, der bei einem Überfall von Neonazis auf eine private Geburtstagsfeier in Magdeburg im Mai 1992 ermordet wurde. Zudem kritisiert er die Fanzine-Macher für ihre insbesondere bei Oi!-Punks verbreitete, vermeintlich »unpolitische« Haltung angesichts der grassierenden Gewalt, die er letztlich als stillschweigende Unterstützung wertet.

Ein dritter Leserbrief in derselben Ausgabe gibt schließlich einen Einblick in ein sich zu jener Zeit verbreitendes Konzept der Sozialarbeit zum Umgang mit rechtsextremen Teenagern: die »akzeptierende Jugendarbeit«. Primäres Ziel dieses Konzepts war es, rechte Jugendliche nicht von ihrer politischen Einstellung abzubringen, sondern durch Einbindung und Verständnis eine soziale Stabilisierung und einen Abbau von Feindschaften zu anderen Jugendszenen zu erreichen.

Im konkreten Fall schildert der Schreiber ein vom Cottbuser Jugendhilfeverein organisiertes Zeltlager für Punks und rechte Skins. Zwar gelang es zeitweise, die unmittelbare Aggression durch gemeinsame Erlebnisse und hohen Alkoholkonsum zu dämpfen, doch basierte die Annäherung auf einem fragwürdigen Lokalpatriotismus, der dafür sorgte, dass sich die Punks und Skins am Ende gegen Skinheads aus einer anderen Stadt verbündeten. Entsprechend blieb der Erfolg solcher Maßnahmen begrenzt, da die ideologische Überzeugung gar nicht erst von den Sozialarbeiter:innen problematisiert wurde, die – wie in diesem Fall – rechtsextremes Gedankengut zudem mit Verweis auf linke Einstellungen relativierten. Nicht zuletzt wirft der Bericht aber auch ein Schlaglicht auf solche von reinem Alkoholkonsum geprägten Ausläufer der DDR-Punkkultur in Ostdeutschland nach der Wende, die bereits von deren Pionier:innen kritisiert wurde.

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Abb. 97 Leserbrief in »Scumfuck Tradition«, #20 (1992), Duisburg (BRD)

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Abb. 97 Leserbrief in »Scumfuck Tradition«, #20 (1992), Duisburg (BRD)

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Abb. 97 Leserbrief in »Scumfuck Tradition«, #20 (1992), Duisburg (BRD)

 

Schlussbemerkungen

Die vorliegende Quellenedition schließt eine wesentliche Lücke in der historischen Aufarbeitung der Jugend- und Subkulturen in der DDR. Bisher bewegte sich der Diskurs zu den »negativ-dekadenten« Gruppierungen – von Punks und Heavys bis hin zu Skinheads und der Gothic-Bewegung – entweder im Bereich der retrospektiven Erinnerungskultur, geprägt von biografischen Anekdoten und der Nostalgie (oder dem Trauma) der Beteiligten, oder er stützte sich auf die Akten der staatlichen Sicherheitsorgane. Letztere bieten zwar eine detaillierte Überwachungschronologie, spiegeln jedoch primär den paranoiden und kriminalisierenden Blick des DDR-Machtapparats wider.

Das Alleinstellungsmerkmal dieser Edition und der im Rechercheprozess gesichteten Dokumente liegt in ihrer Zeitgenossenschaft. Die hier versammelten Briefe, Berichte und Fanzine-Beiträge erlauben erstmals einen ungefilterten Einblick in die Erlebnisse, Schicksale und Aktionen der Akteure, wie sie diese in genau jenem Moment dargestellt wissen wollten.

Deutlich werden aber auch methodische Vorbehalte: Diese Quellen sind keineswegs »authentischer« oder »wahrer« als spätere Rückblicke. Jede Form der (schriftlichen) Äußerung in einer Sub- oder Jugendkultur ist immer auch ein Akt der Selbstinszenierung. Doch gerade diese Inszenierung ist historisch aufschlussreich. Sie zeigt uns nicht, wie es »wirklich war«, sondern wie die Protagonist:innen ihre Situation damals empfanden, welche Intentionen sie verfolgten und welches Bild sie von sich selbst nach außen – und über die Grenze hinweg – vermitteln wollten.

Trotz der Materialfülle weist die Quellenlage spezifische Verzerrungen auf, die bei der Analyse berücksichtigt werden müssen: So stammen die überlieferten Dokumente fast ausschließlich von männlichen Akteuren. Während neuere Beiträge die Rolle von Frauen etwa im DDR-Punk verstärkt beleuchten, bleiben sie in den zeitgenössischen schriftlichen Quellen unterrepräsentiert. Noch deutlicher wird dies bei den Heavy-Metal- und Skinhead-Szenen, deren Anhänger sich ohnehin seltener in Fanzines äußerten als Punks. Selbst in der Gothic-Bewegung, in der Frauen von Anfang an stark vertreten waren, finden sich kaum eigenständige Berichte in den vorliegenden Fanzines.

Zudem fällt auf, dass es oft dieselben wenigen Akteure waren, die den Kontakt zu westdeutschen Fanzine-Herausgebern suchten. Diese »Multiplikatoren« fungierten als informelle Pressesprecher ihrer lokalen Szenen. Ihre Berichte geben daher oft nur Teilaspekte wieder und sind durch die persönlichen Prioritäten dieser Schreiber gefiltert.

Und schließlich dokumentiert die Edition vor allem den Informationsfluss von Ost nach West. Reiseberichte westdeutscher Szene-Angehöriger, die in die DDR fuhren, sind vergleichsweise selten. Das Interesse an direktem physischen Kontakt war – wohl auch bedingt durch die hohen Kosten (Zwangsumtausch) und die bürokratischen Hürden des Grenzübertritts – weit weniger ausgeprägt als der briefliche Austausch.

Dennoch markiert diese Quellenedition einen großen Schritt weg von einer rein behördlichen oder rein nostalgischen Geschichtsschreibung. Indem wir die Stimmen der Akteure in ihrer damaligen Unmittelbarkeit ernst nehmen, befreien wir die Geschichte der DDR-Subkulturen aus der Klammer der Stasi-Unterlagen und rückblickenden Verklärung.

Diese Sammlung dokumentiert die Eigensinnigkeit einer Jugend, die sich in einem repressiven System und nach dessen Zusammenbruch ihre eigenen Räume schuf – mit allen Widersprüchen, Fehlern und der Leidenschaft des Augenblicks. Das SPUR-Projekt schließt damit an eine historische Aufarbeitung an, die Sub-, Jugend- und Popkulturen in der DDR nicht nur als Objekt staatlicher Verfolgung, sondern als subjektive Lebenswelten begreift.

 

 

Literaturhinweise

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Eisler, Christiane: Wutanfall. Punk in der DDR 1982–1989: Die Protagonisten damals und heute, Leipzig 2017.

Furian, Gilbert / Nikolaus Becker (Hrsg.), »Auch im Osten trägt man Westen«. Punks in der DDR – und was aus ih­nen geworden ist, Berlin 2008.

Galenza, Ronald / Heinz Havemeister (Hrsg.): Wir wollen immer artig sein – Punk, New Wave, HipHop und Independent-Szene in der DDR 1980-1990, Berlin 1999.

Hahn, Anne / Frank Willmann: Satan, kannst du mir noch mal verzeihen. Otze Ehrlich, Schleimkeim und der ganze Rest, Mainz 2008.

Lange, Sascha / Dennis Burmeister: Our Darkness. Gruftis und Waver in der DDR, Mainz 2022.

Lipp, Florian: Punk und New Wave im letzten Jahrzehnt der DDR. Akteure – Konfliktfelder – musikalische Praxis, Münster u. New York 2021.

Mohr, Tim: Stirb nicht im Warteraum der Zukunft: Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer, München 2017.

Moldt, Dirk (Hrsg.): mOAning star. Eine Ostberliner Untergrundpublikation. 1985 – 1989, Berlin 2005.

Okunew, Nikolai: Red Metal. Die Heavy-Metal-Subkultur der DDR, Berlin 2021.

Wellgraf, Stefan: Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren, Berlin 2026.

 

Impressum

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Projektleiter/Redaktion: Florian Völker

Projektinitiator: Christian Schmidt

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Lektorat: Christine Bartlitz

Schrift: Zetkin von Inga Plönnigs

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Das Projekt SPUR wurde gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und in Kooperation mit dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) durchgeführt.

 

         

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