Max Stadler

Think BIG!

Innovationspolitik und High-Tech-Jungunternehmertum in West-Berlin in den 1980er Jahren

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Werbeanzeige »Think BIG!«
Zeitschrift
Wirtschaftswoche, Heft 10
Datum
2. März 1984
Seite
49

Wer im März 1984 in der Wirtschaftswoche blätterte, konnte inmitten vieler Werbeanzeigen von IBM, Toshiba und Olivetti, über WestLB, Lufthansa und South African Airways eine ungewöhnliche Annonce entdecken: »Think BIG! […] Initiativen aus Berlin«. Wer genauer las, lernte alsdann: »BIG« stand für Berliner Innovations- und Gründerzentrum, das unlängst in ein »traditionsreiches Fabrikgebäude aus der ersten Gründerzeit« eingezogen sei. Entsprechend waren zu sehen: zwei Männer, Ingenieure bzw. »Firmengründer«, die einen offenbar ebenso schweren wie sperrigen 19-Zoll-Schrank die Treppe hochwuchten: »Sie packen zu, und sie haben Ideen.« Das BIG sei »Berlins Antwort auf Wirtschaftskrise und Arbeitsplatzverluste, auf die Herausforderung der deutschen Wirtschaft durch den weltweiten Vormarsch der Mikroelektronik«. Dabei ziehe die »Presse […] schon – in wohlmeinender Übertreibung, aber das Prinzip genau erfassend – Vergleiche zum kalifornischen Silicon Valley«.1

Was genau verbarg sich hinter dieser Kampagne? Bei dem »Prinzip« der Innovations- und Gründerzentren handelte es sich offenbar um ein Novum. Und tatsächlich gilt das »BIG«, eine Initiative der TU Berlin, gemeinhin als die erste derartige, wie man sich damals noch etwas ungelenk ausdrückte, »Brutstätte« für Jungunternehmer in ganz Deutschland (heute würde man sagen: Startup-Incubator). Der vorliegende Beitrag wird der Inszenierung des neueren High-Tech-affinen »Unternehmungsgeists« und der bundesdeutschen Debatte um eine neue Form des Jungunternehmertums anhand des West-Berliner Falls nachspüren. Hierbei sollen auch die Schattenseiten der entsprechenden mikroelektronischen bzw. digitalen Zukunftsvisionen zur Sprache kommen, die sich natürlich keineswegs auf Westdeutschland beschränkten – rund um die (erste) Welt waren solche und ähnliche Zentren seit Mitte der 1970er Jahre wie Pilze aus dem Boden geschossen.2

In Berlin war die Annonce Teil einer größeren Kampagne, die, lose verbunden mit dem 1982 aufgelegten »Strukturprogramm« des West-Berliner Senats, diverse Initiativen aus Berlin zur »Stärkung der Berliner Wirtschaft« bewarb. Konsequenterweise setzte die Kampagne dabei betont auf Tatendrang und Optimismus, in Abgrenzung von den vielen bad news, die die Spreemetropole – das verflossene »Silicon Valley of the nineteenth century«3 – nun schon seit geraumer Zeit umkreisten: Hausbesetzungen, hohe Arbeitslosigkeit, sterbende Betriebe, das notorische »Krawall-Image« der West-Berliner Universitäten.4 Andere Motive der Werbekampagne zeigten unter Slogans wie »Köpfe zu verleihen« oder »Erfinder von heute« denn auch TU-Professoren, die an Flugsimulatoren oder CNC-Maschinen forschten. Oder sie priesen die Vorzüge des lokalen Bildschirmtext-Pilotversuchs, zukunftsweisende Azubi-Programme oder Experimente in der Dach- und Hinterhofbegrünung. Vorgestellt wurde auch der unkonventionelle »Umwelt-Künstler« Ben Wargin, der ebenfalls in dem besagten traditionsreichen Fabrikgebäude, einer ehemaligen AEG-Fabrik, Unterschlupf gefunden hatte. Er wolle, wie Wargin an anderer Stelle betonte, den benachbarten Jungunternehmern »ans Herz, sofern dies »überhaupt […] richtig schlägt«, oder wenigstens an deren »Kopf« appellieren, »dass sie mit den Dingen, die sie hier erstellen werden, doch etwas sinnvoller umgehen«.5

Wie lässt sich diese Kampagne einordnen? Dass eine Stadt wie West-Berlin Public Relations betrieb, um Fachkräfte anzuwerben, potenzielle Investoren anzulocken oder schlicht das Nacht- und Kulturleben anzupreisen, wäre Mitte der 1980er Jahre zunächst nicht weiter bemerkenswert gewesen. Stadtmarketing – oder im speziellen Fall: »Berlin-Werbung« – war ein etabliertes Genre.6 Das Spektrum reichte dabei von den Anwerbeaktionen nach dem Mauerbau wie »Deine Chance ist Berlin« (1962) über die Imageschadensbegrenzungsoffensive »Manche mögen uns nicht« (1968) zu APO-Hochzeiten bis hin zur Kampagne »leben in Berlin« (1977), die mittels Otto Dix-Gemälden mit dem verblichenen Ruhm der Goldenen Zwanziger kokettierte.

So hob sich die Anzeige »Think BIG!« von bisherigen Kampagnen höchstens insofern ab, als sie einen ganz bestimmten Sound transportierte, der in den krisengeplagten späten 1970er und beginnenden 1980er Jahren – 9000 Insolvenzen verbuchten die Statistikämter 1980, 11.500 im Folgejahr, 1982 gar 16.000 – auch die BRD und West-Berlin einholte.7 Nicht von ungefähr bemühte die Anzeige Zukunftstechnologien und Silicon Valley, »Risiko«, »Pionierarbeit«, »wirtschaftsorientierte Forschung« und dergleichen mehr, kurz: eine (hoffentlich) »zweite« Gründerzeit. Derartige Schlagworte charakterisierten demnach jene »neue Industriepolitik« West-Berlins, für die das Berliner Innovations- und Gründerzentrum in dem traditionsreichen Fabrikgebäude samt »Backsteinfassade« beispielhaft stehen sollte. Geschickt evozierte die »Think BIG!«-Annonce (wie die BIG-PR generell) dabei Traditionslinien zur Gründerzeit des späten 19. Jahrhunderts, als, wie es aus der Feder eines bekannten Wirtschaftsjournalisten damals unverblümt hieß, »der Kapitalismus noch jung und verwegen war«: die »große Zeit der Tatmenschen, der Unternehmer, Spekulanten und Abenteurer. Von Gesetzen kaum gebremst, schufen sie das, was uns noch immer ernährt: die deutsche Industrie.«8

Festhalten lässt sich aus digitalgeschichtlicher Perspektive an der Stelle, dass die obige Anzeige also durchaus plakativ ein gewisses technopolitisches »imaginary« zur Schau stellte, um einen den Science and Technology Studies (STS) entlehnten Begriff zu verwenden:9 die halb-mythische Gestalt des jeanstragenden High-Tech-Jungunternehmers, irgendwo zwischen Steve Jobs, dem »vielbestaunten Wunderkind der Branche«, und Sun Microsystems-Mitbegründer Andreas von Bechtolsheim (»in fünf Jahren vom Studenten zum Millionär«), die für Fortschritt und Innovationen sorgte und in Europa weitestgehend Mangelware blieb.10 Die Figur hat bis heute erhebliche Strahlkraft, wenn sie auch etwas Patina angelegt hat. Zu Beginn der 1980er Jahre schien sie noch frisch und unverbraucht, wenngleich ihr Bild auch damals schon durch eine viele Jahrzehnte währende, mehr oder weniger stichhaltige Verklärung des »Unternehmungsgeists« geprägt gewesen war – Formen der Verklärung, die im Zeitalter von »Big Science« und »organisiertem« Kapitalismus allenfalls etwas in den Hintergrund getreten waren. Angesichts wirtschaftlicher Stagnation einerseits und der tatsächlichen oder vermeintlichen dezentralisierenden Wirkungen der Mikroelektronik andererseits war vom »Schumpeterschen« Pionierunternehmer und von einem neuen Typus Unternehmen – der »New technology-based Firm« – spätestens ab Mitte der 1970er Jahre wieder vermehrt die Rede.11

Dem »früher viel verlachten ›Bastler‹, ›Tüftler‹, und unkonventionellen Ingenieurerfinder« galt dann auch im unter einigem Medienrummel im November 1983 eröffneten BIG die volle Aufmerksamkeit.12 Flankiert von Existenzgründungsprämien, einem »Innovationsfonds«, einer Berliner Wagniskapitalgesellschaft und dergleichen mehr (im Rahmen des erwähnten »Strukturprogramms«) war die grundlegende Idee des BIG dabei denkbar simpel: prospektiven Firmengründern – dem Klischee entsprechend handelte es sich fast ausnahmslos um Männer – im Gründungsprozess zu helfen, etwa durch die Bereitstellung von (Büro-)Infrastruktur, die Subventionierung von Mieten, die Vermittlung von Beratungs- und Finanzierungsdienstleistungen, aber auch die Kultivierung von Synergieeffekten durch räumliche Nähe.13 Eigens wurde dafür am BIG sogar ein wöchentlicher »Gründerstammtisch« organisiert. Pate stand dabei der legendäre, bereits zu Beginn der 1950er Jahre gegründete Stanford Industrial Park (später unbenannt in Stanford Research Park), gewissermaßen als Urtyp und Sehnsuchtsort derartiger Innovationspolitik, sowie (und etwas diffuser) die gegen Ende der 1970er Jahre im Auftrieb befindliche Idee spezieller (Unternehmens-)»Zonen«.14

Anleihen ließen sich überdies auch in der deutschen Geschichte machen, namentlich beim »preußischen Gewerbehof«, einem Konstrukt, das sich bestens in den damaligen Diskursmix von Denkmalschutz, postmoderner Architekturtheorie und, qua Umnutzung ehemaliger Fabrikgebäude, »behutsamer« Stadterneuerung fügte. So hieß es schon anlässlich des »Preußen-Jahrs« 1981 etwas überschwänglich: West-Berlin müsse sich dieser Wurzeln besinnen und »auf dem Fundament ihrer Intelligenzindustrie zum Yardstick […] einer neuen pionierhaft-schöpferischen Cerebralgesellschaft […] entwickeln«.15

So blieb das BIG, das seinerseits ab 1984/85 um einen produktionsorientierten Technologiepark namens TIP erweitert wurde, auch kein Einzelfall. Im Gegenteil: Beobachter:innen registrierten schon sehr bald einen regelrechten »Boom« derartiger Einrichtungen in der Bundesrepublik, gar ein um sich greifendes »Silicon-Valley-Fieber«: »50 bis 100 Kommunen in der Bundesrepublik planen oder betreiben gegenwärtig die Errichtung eines kommunalen Gründer- und Technologiezentrums.«16 Statt neuer Sportplätze, Schulen und Schwimmbäder sei nun der »Technologiepark zum Traum deutscher Bürgermeister geworden«, von Aachen bis Schwerte.17

In der Regel wurden solche Feststellungen indes mit der Warnung versehen, dass solch ein Unterfangen, wenn überhaupt, höchstens in den ohnehin forschungsintensiven Ballungsräumen von Erfolg gekrönt sein könnte, im Zweifelsfall also regionale Disparitäten verstärken würde. Von solchen Bedenken unbeeindruckt, lancierte das seit 1982 von Heinz Riesenhuber (CDU) geführte Bundesministerium für Forschung und Technologie begleitend den »Modellversuch zur Förderung von technologieorientierten Unternehmensgründungen (TOU)«, in dem es unter anderem darum ging, dem »Venture-Capital-Entwicklungsland« Westdeutschland auf die Sprünge zu helfen: »›Research for fun and profit‹. Mir scheint, dies ist ein gutes Motto für junge Technologiefirmen«, so Riesenhuber.18

Zeitgenoss:innen hatten derweil wenig Schwierigkeiten, die Leerstellen und ideologischen Schlagseiten des bundesdeutsch-kalifornischen Fiebers ausfindig zu machen – und dies also lange bevor die Losung von der »Californian Ideology« die Runde machen sollte. Man hätte es mit »Männermythen« zu tun, befand angesichts der High-Tech-Zukunftsvisionen damals nicht nur die Polit-Ökonomin Christel Neusüß mit Verweis auf die »Chips-Produktion« in Hongkong und anderswo, die vorwiegend von Frauen zu Niedrigstlöhnen besorgt wurde.19 Als »Hätschelkinder der Nation« galten die nur vermeintlich selbstständigen, weil wohlumsorgten und wohlsubventionierten Jungunternehmer dagegen den nicht wenigen neo- bzw. ordoliberal veranlagten Kritiker:innen derartiger Politik.20 Der Industriepolitik zugeneigte Experten wiederum meldeten Zweifel an, ob die relativ überschaubaren Mittel, die für solche Zwecke mobilisiert wurden, neben großangelegten High-Tech-Initiativen wie dem (Halbleiter-)»Projekt MEGA« von Siemens und Philips, das den europäischen Rückstand in der Mikrochip-Produktion aufholen sollte, überhaupt ins Gewicht fielen. Ein Fall von »Unternehmerapologetik«, meinten nicht zuletzt die zahlreichen DDR-Kritiker der neueren westdeutschen Krisen- bzw. Innovationspolitik.21

Tatsächlich war das unter dem Slogan »Think BIG!« beworbene Berliner Innovations- und Gründerzentrum so gesehen zumindest gut getimed. Nur wenige Tage nach der feierlichen Eröffnung des BIG 1983 hielt der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher eine seinerzeit vielbeachtete Rede vor der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, in der er die politische Forderung nach einer »geistige[n] Wende« mit der »technologische[n] Herausforderung« durch die USA und Japan kurzerhand verknüpfte – inklusive des Appells an den »Erfindungsgeist der Forscher«. und den »Innovationswille[n] der Unternehmer«. Der »Staat«, so Genscher, müsse und werde »alles tun, um die Rahmenbedingungen für Forschung und Innovation so günstig wie nur möglich zu gestalten«.22 In ein ähnliches Horn stieß auch die Diagnose von der »Eurosklerose«, die sich West-Berliner Stadtväter, insbesondere der 1981 ins Amt gewählte Wirtschaftssenator Elmar Pieroth (CDU), umgehend zu eigen machten: Es bräuchte »wieder Gründerjahre«, und dies gelänge durch Abbau »bürokratische[r] Hürden«, durch mehr »Freiheit und Gestaltungsraum«, durch Schaffung eines »Gründerklima[s]«.23 Auch die Wirtschaftswoche selbst, in der die obige Anzeige erschienen war, hielt sich mit ihrer Kritik selbstredend nicht zurück: So war auch hier quasi im Wochentakt von den vielen »Ursachen von Innovationshemmnissen« und den »Wege[n] zu ihrer Überwindung« zu lesen.24

Was West-Berlin betrifft, war guter Rat allerdings teuer. Auch die schönste Kampagne konnte wenig daran ändern, dass die West-Enklave inmitten des »roten Meers« eher als Sanierungsfall denn als Zukunftslabor daherkam. Senator Pieroth, der das »BIG« zwar nicht erfunden hatte, den Vorstoß der TU Berlin aber mit sehr viel Elan unterstützte, kannte das AEG-Areal im ehemals »roten« Wedding jedenfalls nur zu gut. Des Öfteren hatte er sich, wie schon seine Vorgänger, im Vorfeld dort mit einem Megafon ausgerüstet eingefunden, um den versammelten AEG-Arbeiter:innen gut zuzureden. Auf den Schildern war bei solchen Anlässen auf Deutsch und manchmal auch auf Türkisch zu lesen: »Werk Brunnenstr. muss bleiben / Wir lassen uns nicht teilen« und Ähnliches. Tatsächlich wankte das »Imperium AEG-Telefunken« nicht erst seit gestern.25 Die Heimstätte des künftigen BIG, die unmittelbar angrenzende AEG-Apparatefabrik Ackerstraße, Baujahr 1888/90, etwa war schon 1978 stillgelegt worden – trotz Protest und Autokorso. Und so waren von 32.000 West-Berliner AEG-Arbeitsplätzen 1961 nur noch knapp 11.000 im Jahr 1982 übrig geblieben.

Das endgültige Aus des historischen Areals, der »Wiege der deutschen Elektroindustrie«, folgte im »Krisen-Sommer 82«, wie der Spiegel titelte.26 Die hochverschuldete AEG, der zweitgrößte Elektrokonzern der Bundesrepublik, sah sich gezwungen, Insolvenz anzumelden. »Debt topples a German Giant […] shocking […] inevitable«, so konnte man in der New York Times lesen; ein »Symbol zerbricht«, notierte man, nicht ganz ohne Genugtuung, in der DDR.27 Auch in der Bundesrepublik erkannten nicht wenige Kommentator:innen in den Vorgängen um das AEG-Insolvenzverfahren einen Mikrokosmos westdeutscher Zustände. Selbst AEG-Chef Heinz Dürr beschied dem unweit der Mauer gelegenen Komplex, es handle sich um »ein Museum und kein[en] Betrieb«.28 Die Lesarten der AEG-Misere blieben indes vielfältig. So orakelte der Wirtschaftswissenschaftler Jörg Huffschmid, die vorwiegend aktionärsfreundliche Sanierung der AEG könne sich noch als »Modell für die ›Sanierung‹ der Bundesrepublik« erweisen.29

Think BIG! In der hier ausgewählten Quelle verdichten sich somit einige zentrale Motive der neueren Digitalgeschichte. Drei Stränge lassen sich anhand der hier vorgenommenen Kontextualisierung mit Blick auf »digitale Ungleichheit« herausgreifen.

Erstens, ist die Geschichte der »Digitalisierung« immer auch als Regional- bzw. Stadtgeschichte zu begreifen – im Einklang mit neueren historiografischen Ansätzen und Forderungen,30 vor allem aber im Anschluss an die damaligen stadtsoziologischen und wirtschaftsgeographischen Krisendiagnosen und Zukunftsvisionen, die sich dezidiert um aufstrebende und stagnierende Regionen, um »sunbelts« und Nord-Süd-Gefälle, um industrielle »clusters«, »zones« und ähnliche Konstrukte rankten.31

Zweitens, kann von »kleine[n] geile[n] Firmen«, wie man sie aus der Historiografie der Alternativökonomie kennt,32 im Segment der High-Tech-Unternehmen trotz gewisser Ähnlichkeiten – Turnschuhe, Jeans, Hinterhöfe usw. – nur sehr bedingt die Rede sein. Das liegt zum einen an den doch recht unterschiedlichen Anforderungsniveaus in puncto Know-how und Kapital, zum anderen aber auch an den sehr ungleichen Ermöglichungsbedingungen. Einer »gebrauchswertorientierten Produktion« standen Konzepte wie Gründerzentren und Wagniskapital, wie alternative Kritiker treffend monierten, tendenziell entgegen. Die Verschränkung von Computer- und Gegenkultur, wie sie (zumindest) punktuell an der amerikanischen Westküste zu beobachten war, ließ sich, mancherlei Hoffnungen zum Trotz, keineswegs bruchlos in die Bonner Republik übertragen, auch nicht oder schon gar nicht in das – dem eigenen Anspruch nach – kreative und alternative, aber industriemuseale und stets finanzschwache West-Berlin. Wenn überhaupt, fanden sich, apropos »sunbelt«, kalifornische Tendenzen in Regionen wie Stuttgart oder München, und dort tendenziell im Sog von IBM, Bosch, Siemens, MBB, also eher trotz als wegen gegenkultureller Umtriebe.33 Der Anspruch – obgleich es mal eher um Umwelttechnik, mal um Medien, »Fintech« oder neuerdings um »Defense-Tech« ging – war seither ziemlich stabil: Als »Brain City« oder »Startup-City« gefällt sich Berlin auch heute wieder oder immer noch. Doch nicht alle Stadtbewohner:innen und nicht alle Forscher:innen dürften gleichermaßen davon profitiert haben.34

Drittens, schließlich, lassen sich Unterschiede auch zwischen der Inszenierung und der gelebten Praxis des »unternehmerischen Selbst« ausmachen. Zumal das Kontinuum »neuer Selbständigkeit«, das Sozialwissenschaftler:innen damals zwischen alternativökonomischer »Fremdbeschäftigung« und Schwarzarbeit, zwischen »Scheinselbständigkeit« und dem eigenen Kiosk, dem eigenen Frisörsalon oder der eigenen »Computerklitsche« entdeckten bzw. untersuchten, nämlich nur in der Theorie bis zum »Gründer im Spitzentechnologiesektor« reichte.35 Die Zahl der »High-Tech«-Gründungen war überschaubar, ebenso die derart erzeugten Arbeitsplätze;36 und mit der vielbeschworenen Unabhängigkeit war es spätestens dann vorbei, wenn sich tatsächlich mal eine Risikokapital-Quelle auftat. »Small is beautiful« – so mochten das, in Anspielung auf E.F. Schumachers geflügeltes Diktum, die Vorträge auf der Tagung Science Parks and Innovation Centres: Their Economic and Social Impact, die im Februar 1985 am West-Berliner »BIG« stattfand, mit Blick auf das US-amerikanische »Jobwunder« also auch versprechen.37 »[N]üchtern« betrachtet, mussten sich selbst High-Tech-Verfechter angesichts entsprechender Analysen und »jobless-recovery«-Prognosen eingestehen, war der absehbare Bedarf an »Computertechnikern« eher spärlich gesät, umso üppiger hingegen der für »Reinigungskräfte«.38

Ob, wie damals in nicht wenigen Zeitdiagnosen befürchtet, der »Arbeitsgesellschaft« im Zeichen der Mikroelektronik wirklich die Arbeit ausgehen würde, ist dabei eine Frage, die zwischenzeitlich schon fast wieder in Vergessenheit geraten war. Unter verschärften Bedingungen stellt sie sich heute wieder, ebenso wie die nach der Herstellung städtischer Zukunft. Wie es der Zufall will, ist zum Zeitpunkt dieser Publikation der seinerzeit auf das BIG gemünzte Slogan »Silicon Wedding« auf Sharepics, Displays und Plakaten im Stadtraum wieder aufgetaucht – »Dein Kiez boomt […] Ja zur EXPO 2035 Berlin« (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Werbe-Anzeige, Berlin, Juli 2026. Foto: Max Stadler.

Das Ziel klingt nobel (»Berlin als nachhaltige Metropole«), die Rezepte (»Innovationsschub«, »Anreize«, »Optimismus« usw.) dagegen hören sich allzu vertraut an.39 Allerdings: Der Blick auf die Anfänge neuerer deutscher Startup-Politik weckt Zweifel, ob sich in punkto tragfähiger Antworten seither fundamental viel getan hat.40

Footnotes

  1. 1
    Anzeige: Think BIG!, in: Wirtschaftswoche, H. 10, 02.03.1984, S. 49.
  2. 2
    Siehe etwa zum Fall USA: Matthew Wisnioski, Every American an Innovator: How Innovation Became a Way of Life, Cambridge, MA 2025, Kapitel 5; zu Großbritannien: Sam Wetherell, Foundations: How the Built Environment Made Twentieth-Century Britain, Princeton 2020, Kapitel 6; und zu Singapur: Hallam Stevens, Science as Speculation: State Capitalism, Real Estate, and Singapore’s Jurong Town Corporation, in: Patrick McCray/Michael Gordin (Hg.), Greedy Science: Creating Knowledge, Making Money, and Being Famous in the 1980s, Baltimore 2025, S. 217-245.
  3. 3
    In den Worten des Stadtforschers Peter Hall. Siehe Peter Hall/Paschal Preston, The Carrier Wave: New Information Technology and the Geography of Innovation, 1846-2003, London 1988, Klappentext.
  4. 4
    Zur wirtschaftlichen Lage West-Berlins vgl. Ralf Ahrens, Teure Gewohnheiten. Berlinförderung und Bundeshilfe für West-Berlin seit dem Mauerbau, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 102 (2015), H. 3, S. 283-299, online https://zeithistorische-forschungen.de/sites/default/files/medien/material/2014-2/Ahrens_2015.pdf; und mit Blick auf die Universitäten: Max Stadler, Gründerzeit: High-Tech und Alternativen der Wissenschaft in West-Berlin in: NTM. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik, Medizin 30 (2022), H. 4, S. 599-632, online https://link.springer.com/article/10.1007/s00048-022-00352-9.
  5. 5
    Grußworte an die Jungunternehmer, in: Media-Work GmbH, AVZ, Gunther Gude, Berliner Innovations- und Gründerzentrum, Berlin 1984, TUB Archiv, UA TUB 713 Nr. 41, ab Minute 7:50. (Mit Dank an Mathias Grote).
  6. 6
    Vgl. etwa Hans Otto Eglau: Make-up für die Metropolen, in: Die Zeit 44/1970, online https://www.zeit.de/1970/44/make-up-fuer-die-metropolen. Weiterführend Thomas Biskup/Marc Schalenberg (Hg.), Selling Berlin: Imagebildung und Stadtmarketing von der preußischen Residenz bis zur Bundeshauptstadt, Stuttgart 2008.
  7. 7
    Zu den Zahlen siehe: »Schwachstelle ist das Management«: Eine Welle von Firmenzusammenbrüchen bringt Milliardenschäden für die deutsche Wirtschaft, in: Spiegel 33/1982, S. 25-28, Grafik auf S. 26, online https://www.spiegel.de/politik/schwachstelle-ist-das-management-a-1fbea28c-0002-0001-0000-000014345967.
  8. 8
    Günter Ogger, Die Gründerjahre: Als der Kapitalismus jung und verwegen war, München 1982, Klappentext und S. 11. Auch dort hieß es konsequenterweise: (neue) »Gründerjahre hätten wir dringend nötig«.
  9. 9
    Vgl. Sheila Jasanoff/Sang-Hyun Kim, Containing the Atom: Sociotechnical Imaginaries and Nuclear Power in the United States and South Korea, in: Minerva 47 (2009), H. 2, S. 119-146.
  10. 10
    Zitiert werden: Werner Rügemer, Neue Technik – alte Gesellschaft: Silicon Valley: Zentrum der neuen Technologien in den USA, Köln 1985, S. 33; »Technologie-Zentren«, in: Management Wissen. Magazin der Führungskräfte 12 (1986), S. 55-65, hier S. 61.
  11. 11
    Siehe etwa Horst Albach, Zur Wiederentdeckung des Unternehmers in der wirtschaftspolitischen Diskussion, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 4/135 (1979), S. 533-552; Arthur D. Little, Inc, New Technology-based Firms in the United Kingdom and the Federal Republic of Germany. A Report, London/Bonn 1977.
  12. 12
    Jürgen Allesch, Die neuen Gründerjahre in Berlin: Das Entstehen von jungen Unternehmen im Umfeld der TUB, in: Karl Schwarz (Hg.), Die Zukunft der Metropolen: Paris, London, New York, Berlin, Berlin 1984, S. 407-423, hier S. 407.
  13. 13
    Einen zeitgenössischen Einblick bietet etwa Dietrich Henckel, Science Parks, Gründerzentren. Kurzinformation, Berlin, Deutsches Institut für Urbanistik 1984.
  14. 14
    Zur Diskussion um letztere vgl. Uwe Trespenberg/Ulrich Voosholz, Unternehmenszonen: Ein neues Instrument der Stadterneuerung in Großbritannien und in den USA, Bonn 1984.
  15. 15
    Ilse Balg, Schlußfolgerung und neue Zielsetzung, in: Karl Schwarz (Hg.), Berlin: Von der Residenzstadt zur Industriemetropole. Ein Beitrag zum Preußen-Jahr 1981. Band III: Katalog, Berlin, Gesellschaft von Freunden der Technischen Universität Berlin, 1981, S. 205-207, hier S. 206-207.
  16. 16
    Joachim Eisbach, Gründer- und Technologiezentren: Sackgassen kommunaler Wirtschaftsförderung, PIW Progress-Institut für Wirtschaftsforschung, Bremen 1985, S. 1.
  17. 17
    Michael Jungblut, Die Schöne neue Welt [Das Technopolis-Konzept], in: Die Zeit 45/1984, 02.11.1984, S. 33.
  18. 18
    Heinz Riesenhuber u.a. (Hg.), Wagnisfinanzierung und technologieorientierte Unternehmensgründung: ein deutsch-amerikanisches Seminar, Melle 1984, S. 13. Zur gänzlich anders gelagerten Situation in den USA, vgl. Tom Nicholas, VC: An American History, Cambridge, MA 2019.
  19. 19
    Christel Neusüß, High-Tech – Männermythos oder Wissenschaft?, in: Eckart Hildebrandt/Eberhard Schmidt/Hans Joachim Sperling (Hg.), High-Tech-Down, Berlin 1986, S. 26-38, hier S. 26.
  20. 20
    Vgl. »Existenzgründungen: Hätschelkinder der Nation«, in: Wirtschaftswoche 24, 08.06.1984, S. 36-47.
  21. 21
    Goetz D. Friedrich/Wolf D. Hartmann, Innovation contra Krise? Zur Kritik bürgerlicher Innovationstheorien, Berlin 1979, S. 47. Dass die DDR ihrerseits um das Thema »Neuerung«, »schöpferische« Leistung und dergleichen nicht herumkam, sei hier zumindest angemerkt.
  22. 22
    Hans-Dietrich Genscher, Die technologische Herausforderung, in: Aussenpolitik: Zeitschrift für internationale Fragen 35 (1984), H. 1, S. 3-17, hier S. 9.
  23. 23
    Michael Jungblut, Wir brauchen wieder Gründerjahre. ZEIT-Gespräch mit Herbert Giersch und Elmar Pieroth, in: Die Zeit 1/1982, 01.01.1982.
  24. 24
    Gerhard Mensch, Innovation: Ende der Durststrecke, in: Wirtschaftswoche, H. 1/2, 6. Januar 1984, S. 48-53, hier S. 53.
  25. 25
    Vgl. Gert Hautsch, Das Imperium AEG-Telefunken: Ein multinationaler Konzern, Frankfurt a.M. 1979.
  26. 26
    Vgl. das Spiegel-Cover vom 16.08.1982 – die AEG war dabei natürlich nur die Spitze des Eisbergs. Allgemeiner zur AEG siehe Peter Strunk, Die AEG: Aufstieg und Niedergang einer Industrielegende, Berlin 2000.
  27. 27
    John Tagliabue, Debt Topples a German Giant, in: New York Times, 22.08.1982, S. 4, https://www.nytimes.com/1982/08/22/business/debt-topples-a-german-giant.html; Harri Czepuck, Ein Symbol zerbricht: zur Geschichte und Politik der AEG, Berlin 1983.
  28. 28
    Hans Herbert Götz, Die Männer an den Maschinen in der Brunnenstraße verstehen die Welt nicht mehr, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.1982, S. 3.
  29. 29
    Jörg Huffschmid, Rüstung statt Konsum – Die Operation AEG Modell für die »Sanierung« der Bundesrepublik?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 9 (1982), S. 1074-1096.
  30. 30
    Aus deutscher Perspektive, siehe insb. Malte Thießen, Digitalgeschichte als Gesellschaftsgeschichte: Perspektiven einer Regionalgeschichte der digitalen Transformation, in: Ricky Wichum/Daniela Zetti (Hg.), Zur Geschichte des digitalen Zeitalters, Wiesbaden 2022, S. 53-75.
  31. 31
    Ein Beispiel wären die (keinesfalls unproblematischen) Arbeiten des in Fußnote 3 erwähnten Peter Hall. Vgl. auch u.a. Peter Hall/Ann Markusen (Hg.), Silicon Landscapes, Boston 1985.
  32. 32
    Dazu: Arndt Neumann, Kleine geile Firmen: Alternativprojekte zwischen Revolte und Management, Hamburg 2008.
  33. 33
    Zu München siehe z.B. Martina Heßler, Die kreative Stadt: Zur Neuerfindung eines Topos, Bielefeld 2007.
  34. 34
    Ein Indiz hierfür wäre der »Sanierungsstau« an den Berliner Hochschulen, siehe etwa: Dajana Rubert, Gesperrtes TU-Gebäude in Berlin: Sanierungsstau trifft auf Neubau, in: entwicklungsstadt.de, 11. Mai 2026, online https://www.entwicklungsstadt.de/gesperrtes-tu-gebaeude-in-berlin-sanierungsstau-trifft-auf-neubauten/.
  35. 35
    Dieter Bögenhold, Der Gründerboom: Realität und Mythos der neuen Selbständigkeit, Frankfurt a.M. 1987, S. 97.
  36. 36
    Eine eher ernüchternde erste Bestandsaufnahme findet sich für den Fall West-Berlin z.B. bei Rainer Knigge/ Ulrich Petschow, Technologieorientierte Unternehmensgründungen in Berlin, Berlin 1986.
  37. 37
    Gemeint war das US-amerikanische »Jobwunder«, das, wie seinerzeit etwa von den Analysen David L. Birchs nahegelegt, von den »neuen« (und kleinen) und nicht von den »großen« Unternehmungen ausging. Vgl. etwa Madeleine Baker, Make Your Own Job: How the Entrepreneurial Work Ethic Exhausted America, Cambridge, MA 2025, S. 218-223.
  38. 38
    Hans Queisser, Kristallene Krisen: Mikroelektronik – Wege der Forschung, Kampf um Märkte, München 1985, S. 264.
  39. 39
    Siehe https://expo2035-berlin.com/
  40. 40
    Aus UK-Perspektive, vgl. etwa David Edgerton, Why the Everyday Economy is the Innovation Labour Needs, in: The Political Quarterly 93 (2022), H. 4, S. 683-690, online https://doi.org/10.1111/1467-923X.13203.

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