Computer für alle
oder: Zur ungleichen Verteilung technischen Wissens im PC-Zeitalter
Steckbrief Quelle
Fritz Schwendener, BFO, KFA, Persönliche Computer für Verwaltungsaufgaben?Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Schweizer Bundesverwaltung
- Erschienen
- 1983
- Umfang
- 74 Seiten
- Archiv
- Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, E6502-01#1993/126#272*
In den 1980er Jahren versprachen Personal Computer auch jenen Zugang zur digitalen Welt, die von der Technik wenig verstanden. Computer sollten nicht mehr nur Expert:innen vorbehalten sein, sondern allen Menschen zur Verfügung stehen. So kamen PCs massenhaft in Schulen, zu Hause und im Betrieb zum Einsatz – und Millionen von Menschen zum ersten Mal mit digitaler Informationstechnologie in Berührung.
Da man PCs nutzen konnte, ohne ihre Funktionsweise zu verstehen, stieg das Wissen über die neue Technik nur geringfügig an. Die meisten User:innen bedienten sie lediglich, indem sie vorgefertigte Anwendungen und Datenbanken nutzten. Viele wussten entsprechend wenig über die Geräte und konnten das technische Potenzial ihres Computers kaum ausschöpfen. Während PCs alltäglich wurden, blieb ihr Innenleben vielen verborgen. Computer wurden zur Massenware, doch die Fähigkeit, sie kreativ, gestaltend oder kritisch einzusetzen, blieb einer kleinen Gruppe von Benutzer:innen vorbehalten.
Diese Entwicklung führte dazu, dass auch nach dem breiten Einsatz des PCs nur ein kleiner Kreis von User:innen den digitalen Raum und die Digitalisierung prägte. Anhand eines Beispiels aus der Schweizer Bundesverwaltung möchte ich zeigen, wie diese ungleiche Verteilung von technischem Wissen in den 1980er Jahren strukturell verankert wurde. Diese Engführung der Perspektive erlaubt eine kleingliedrige Analyse von Strukturbedingungen. Da keine solchen Detailstudien zur Geschichte des PCs als Büromaschine für andere Kontexte vorliegen, müssen im Folgenden konkrete Vergleiche ausbleiben. Es gibt aber keinen Grund zur Annahme, dass insbesondere in anderen westeuropäischen und nordamerikanischen Kontexten nicht ähnliche Entwicklungen zu beobachten sind, da die Digitalisierung der Verwaltung allgemein vergleichbar verlaufen ist.1 Interessant wäre aber zu wissen, inwiefern sich die Einführung des PCs ins Büro unter gänzlich anderen Digitalisierungsvoraussetzungen gestaltete.
Wie in anderen westeuropäischen und nordamerikanischen Verwaltungen begann man in der Schweizer Bundesverwaltung in den frühen 1980er Jahren, PCs für Verwaltungsarbeiten einzusetzen. Die kleinen Tischcomputer standen an den Büroarbeitsplätzen des Personals. Aufgrund ihrer einfachen Bedienbarkeit eröffneten sie Menschen den Zugang zu einer digitalen Welt, die ihnen bislang mangels technischem Wissen verborgen geblieben war.
Um 1980 war jedoch nicht klar, was Personal Computer genau waren oder sein sollten und wofür man sie verwenden konnte. Zwar wurden sie industriell gefertigt und für kommerziell-administrative Zwecke vermarktet, doch eigentlich war niemandem so recht klar, warum man im Büro einen Computer brauchte. Die kleingliedrigen Aufgaben waren bereits penibel organisiert und häufig maschinell unterstützt. Es lag nicht nahe, Computer im Büro einzusetzen, zumal sie sehr teuer und bislang ausschließlich zur elektronischen Datenverarbeitung verwendet worden waren. Bis 1980 nutzte man Computer, um große Mengen gleichförmiger Daten zu verarbeiten, wie sie bei statistischen Berechnungen, Lohnzahlungen oder Volkszählungen anfielen.2 Für die Büroarbeit, die vornehmlich darin bestand, Einzelfälle zu betrachten und Entscheidungen aufgrund spezifischer Kontexte zu fällen, schienen sie ungeeignet.
In der Schweizer Bundesverwaltung nahm sich der Beamte Fritz Schwendener 1983 der Fragen an, ob sich »Persönliche Computer für Verwaltungsaufgaben« eigneten und welche konkreten Anwendungsfelder es geben könnte.3 Schwendener war zu diesem Zeitpunkt ein Mitarbeiter der Koordinationsstelle für Automation. Im Bundesamt für Organisation, das sich um die Wirtschaftlichkeit der Verwaltungsabläufe in der Bundesverwaltung kümmerte, zeichnete diese Stelle für Computerangelegenheiten verantwortlich. Der Direktor des Amtes hatte ihn beauftragt, Informationen über die neuartigen Geräte zusammenzutragen, zu beurteilen, ob sich deren Einsatz in der Bundesverwaltung lohnte, und eine Einsatzpolitik sowie ein Beschaffungsverfahren auszuarbeiten, sollten sich PCs für Verwaltungsaufgaben als geeignet herausstellen.4
Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Schweizer Bundesverwaltung"
Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Schweizer Bundesverwaltung"
Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Schweizer Bundesverwaltung"
Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Schweizer Bundesverwaltung"
Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Schweizer Bundesverwaltung"
Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Schweizer Bundesverwaltung"
Schwendener verfasste dafür eine relativ ausführliche Studie zum Einsatz von PCs, die sich einerseits an dasjenige Personal in der Bundesverwaltung richtete, das bereits mit Computern arbeitete, bei dem also ein informationstechnologisches Verständnis vorausgesetzt und von einem grundsätzlichen Interesse ausgegangen werden konnte.5 Andererseits wurde die Studie vom Direktor des Bundesamts für Organisation zu Beginn des Jahres 1984 auch an alle Dienststellen der Bundesverwaltung, die Bundeskanzlei und die Kanzleien der Gerichte geschickt.6 Ziel dieser weiten Verbreitung war es erklärtermaßen, »Entscheidungsträger« durch eine mit dieser Studie in Gang gesetzten Informationskampagne zu befähigen, über den Bedarf von »Persönlichen Computern« in ihren eigenen Verwaltungseinheiten zu urteilen.7 Denn Schwendener machte schon zu Beginn seiner Studie klar, dass sich die kleinen Tischcomputer für den Einsatz in der Verwaltung lohnten und deren Wirksamkeit steigern konnten.8 Es war jedoch einiges an kommunikativer Anstrengung nötig, um den Leser:innen der Studie zu erklären, worum es sich bei diesen Geräten eigentlich handelte.
Nicht einmal der Name der Geräte, um die es letztlich ging, schien ganz genau festzustehen: »Mikros« seien »universell einsetzbare Geräte«, begann Schwendener seine Abhandlung.9 Es gebe sie »in sehr vielfältigen Formen, für die verschiedensten Anwendungsbereiche und unter sehr vielen und uneinheitlichen Bezeichnungen«: Die Lieferanten sprachen etwa von »Mikrocomputer (Microcomputer), Persönlicher Computer (Personal Computer), Bürocomputer (Office Computer, Small Business Computer) und Tischcomputer (Desktop Computer)«. Auch die Verwendungszwecke waren nicht einfach zu bestimmen. Viele Bereiche, für die der Einsatz von PCs in Frage kam, waren bereits anderweitig organisiert. In der Bundesverwaltung hatte man jahrelang Geräte beschafft und Investitionen getätigt, um bestimmten Aufgaben zufriedenstellend nachkommen zu können. Der Wirkungsbereich der »universell« einsetzbaren PCs stellte sich dagegen als überschaubar heraus.
Wie mit jedem Computer ließen sich auch mit dem »Persönlichen Computer« Daten elektronisch verarbeiten. PCs konnten entweder lokal genutzt werden und für sich alleine stehen. In diesem Fall waren die Vorteile des eigenen Computers aber beschränkt, weil Daten nur über ein einzelnes Gerät zugänglich waren oder umständlich und regelmäßig synchronisiert werden mussten. Zweckmäßiger war es im Verwaltungskontext eigentlich immer, PCs mit zentralen Großrechnern zu verbinden, um mit den dort gespeicherten Daten arbeiten zu können. Zentrale Rechenanlagen gab es zu Beginn der 1980er Jahre einige. Bereits 1961 wurde um den ersten IBM-Großrechner in der Bundesverwaltung ein Rechenzentrum aufgebaut, das die Rechenleistung der Anlage verwaltete und seine Dienste anderen Verwaltungseinheiten anbot.10
In den folgenden Jahren bauten das Militärdepartement, die Schweizer Bundesbahnen (SBB), die Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe (PTT) sowie die Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne eigene Rechenzentren auf. Dazu kamen immer häufiger kleinere Anlagen in einzelnen Dienststellen, die in sogenannten Datenverarbeitungsdiensten betrieben wurden.11 Diese rechneten vor allem für die Verwaltungseinheiten, denen sie angegliedert waren, und boten ihre Rechenressourcen nur vereinzelt auch anderen Stellen an. Im Jahr 1973 hatten beispielsweise die Meteorologische Zentralanstalt, die Zentrale Ausgleichsstelle der Alters- und Hinterlassenenversicherung in Genf, die Eidgenössische Steuerverwaltung, das Kassen- und Rechnungswesen, die Eidgenössische Zollverwaltung, das Institut für Nuklearforschung, die Konstruktionswerkstätten und die Munitionsfabrik in Thun eigene Rechner. Um diese herum entwickelte sich, wie in den zuvor genannten Rechenzentren, ein eigenständiger Umgang mit digitalen Anlagen. Um 1980 bestand also bereits eine ausdifferenzierte Computerlandschaft, und es arbeiteten hunderte Mitarbeiter:innen der Bundesverwaltung über Konsolen und Mietleitungen an zentralen Rechnern.
PCs konnten ohne weiteres in dieses Gefüge eingegliedert werden. Jedoch ließ sich dieser Nutzen nicht unbedingt als Vorteil von PCs darstellen, da sich die Handhabung von mit Großrechner verbundenen PCs kaum von derjenigen einer einfachen Konsole unterschied.12 Dafür konnte man PCs mit Programmen ausstatten. Vor allem Kalkulations- und Buchhaltungsprogramme schienen sich für den Einsatz in der Verwaltung anzubieten. Textverarbeitungssoftware war jedoch laut Schwendener zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgereift.13
Insgesamt war die Perspektive, die Schwendener aufzeigte, wenig verheißungsvoll. Als eigentlichen Vorteil konnte er nur die Programmierbarkeit der neuen Maschinen benennen. Doch gerade von diesem Verwendungszweck sollten die meisten Mitarbeiter:innen der Bundesverwaltung ferngehalten werden. Denn nicht alle PC-Benutzer:innen sollten zukünftig das Gleiche machen. Schwendener kategorisierte drei Gruppen: »Informatiker« stellten kein Problem dar, denn sie konnten ihre Programme fortan auf PCs schreiben, was zumindest die zentralen Rechner entlasten würde. Der »technisch interessierte Benützer« war da schon problematischer aus Schwendeners Sicht. Dieser könne zwar auch seine eigenen Programme schreiben und sich in den Systemfunktionen zu schaffen machen. Jedoch sei er weniger diszipliniert als die Informatiker, dokumentiere schlecht und sei ganz grundsätzlich nur schwer kontrollierbar.14
Die dritte Kategorie, die Schwendener in seiner Studie definierte, waren die Benutzer:innen »ohne Informatikkenntnisse«. Es handelte sich dabei um die mit Abstand größte Gruppe und um diejenigen, auf die die Popularisierung des PCs überhaupt abzielte. Sie benutzten den PC als Hilfsmittel für ihre Arbeit und seien grundsätzlich nicht an einem »tieferen Einblick« in die Funktionsweise der Geräte interessiert, so Schwendeners Interpretation. Sie sollten also auch in Zukunft mit »gebrauchsfertigen Anwendungen« arbeiten. Außerdem seien Programme dem Einflussbereich dieser Gruppe von User:innen zu entziehen. Ihre Handlungsmöglichkeiten im Digitalen sollten stark eingeschränkt sein. Ziel war es auch nicht, diese mit der Zeit auszudehnen und die Informatikkenntnisse der Benutzer:innen zu erweitern, im Gegenteil: »Die Anforderungen an den Benutzer werden kleiner werden«, war Schwendener schon 1983 überzeugt.15
Interessanterweise spielt die Frage nach geschlechterbezogenen Unterschieden in Schwendeners PC-Studie keine Rolle. Das ist erstaunlich, da die Digitalisierung administrativer Tätigkeiten vor allem auch Bereiche zu betreffen schien, die traditionell weiblich konnotiert waren, wie Schreib-, Sekretariats- und Assistenzarbeiten. Die Abwesenheit eines Gender-Diskurses deutet auf eine spezifische Wahrnehmung des PCs hin. In den frühen 1980er Jahren sahen Informatik-Verantwortliche wie Fritz Schwendener Personal Computer als Systeme zur lokalen Datenverarbeitung, zur Unterstützung fachlicher Anwendungen oder als Knotenpunkte in digitalen Netzwerken. Ihre textverarbeitenden Funktionen wurden zwar erkannt, standen aber nicht im Zentrum der Diskussionen.16 Vor diesem Hintergrund erschienen PCs nicht als spezielles Hilfsmittel für Sekretariatsarbeit, sondern als Geräte, die alle Ebenen der Sachbearbeitung und Facharbeit betrafen.
Die Debatten über die Einführung von PCs konzentrierten sich daher weniger auf konkrete Berufsprofile, sondern auf Fragen der Systemarchitektur, der Datenintegration und der organisatorischen Effizienz. Dass weibliche Personen von den Veränderungen der Digitalisierung administrativer Arbeitsprozesse betroffen waren, wurde nicht thematisiert, da auch männlich dominierte Bereiche der Verwaltung den Einsatz von PCs planten. Auffällig ist stattdessen, dass das Führungspersonal sich der Arbeit mit Computern lange entziehen konnte und von den unmittelbaren Veränderungen des Büroarbeitsplatzes ausgenommen blieb. Digitalisierung manifestierte sich in dieser Phase entlang technischer Deutungsmuster und organisationaler Hierarchien und nicht entlang klar artikulierter Geschlechter-Diskurse.
Die Frage, wozu PCs in einer Organisation wie der Bundesverwaltung genutzt werden sollten, führte also direkt zu der Frage, wer am PC was machen konnte und sollte. Schwendener war sich sicher: Unabhängig davon, was genau mit dem PC gemacht werde, ein geregelter Betrieb sei nur möglich, wenn Benutzergruppen definiert und der Handlungsspielraum jeder Gruppe genau abgesteckt werde. An der ungleichen Verteilung von technischem Wissen änderte der »Persönliche Computer« deshalb wenig. Diese blieb beinahe genauso bestehen wie zuvor, als noch eine sehr beschränkte Zahl von Benutzer:innen über Konsolen an Großcomputern arbeitete. Dieser Umstand beeinflusste auch, wer sich überhaupt an der Gestaltung der Digitalisierungsprozesse in der Bundesverwaltung beteiligen konnte. Die Unterscheidung, die Schwendener hier vornahm, zementierte langfristig die Wissensasymmetrie zwischen den Benutzer:innen »mit« und denen »ohne Informatikkenntnissen«.17 So strukturierte sie in der Folge beispielsweise das Schulungsangebot zur Informatik in der Bundesverwaltung, wo es im Grunde bei der gleichen Kategorisierung blieb.
Obwohl hier schon seit den frühen 1970er Jahren Aus- und Weiterbildungsprogramme im Bereich Informatik existierten, wurden neue PC-Benutzer:innen nur angehalten, an ein- bis zweitägigen allgemeinen Grundlagenkursen teilzunehmen.18 Ab 1987 wurden zumindest einige unterschiedliche und aufeinander aufbauende Kurse angeboten. So sollten »Benützer, die innert fünf Jahren an ihrem Arbeitsplatz mit Informatik in Berührung kommen […], zunächst nur den Einführungskurs ›Datenverarbeitung: Was ist das?‹« besuchen.19 Wenn feststand, mit welchen digitalen Hilfsmitteln die Arbeitsplätze ausgestattet werden sollten und womit die zukünftigen User:innen also konkret konfrontiert seien, sollten sie die weiteren Schulungen auswählen können.
Zur Auswahl standen drei Kurse: »Personal Computer/Büroautomation« (zwei Tage); »Grundlagen der techn.-wissenschaftl. Programmierung« (zehn Tage) und »Informationssysteme« (vier Tage).20 Für alle gab es weiterführende Kursangebote. Es wurde also durchaus die Möglichkeit geboten, sich intensiver mit informationstechnologischen Themen auseinanderzusetzen, wenn es der neue Arbeitsplatz erforderte. Für einen Großteil der neuen Benutzer:innen war das aber nicht der Fall, weil sie nicht selbst programmieren sollten und Datenbanken im besten Fall nur benutzten und sie nicht logisch aufzubauen hatten. Vertiefende Schulungen zum Kurs »Personal Computer/Büroautomation« umfassten nur noch Angebote wie »Tabellen und Text auf PC« (zwei bis drei Tage) oder »Datenbanken auf PC« (zwei Tage).21
Für die meisten PC-Benutzer:innen in der Bundesverwaltung war also nicht vorgesehen, dass sie sich mit technischen Einzelheiten auseinandersetzten. Stattdessen sollten sie ausschließlich mit Standardsoftware und einsatzbereiten Programm-Entwicklungen zu tun haben. Bei technischen Schwierigkeiten und Fragen zur Benutzung galt es, sich an bestimmte Ansprechpersonen zu wenden. Tatsächlich waren Schwendener und seine Kolleg:innen überzeugt, dass die Ausdehnung der Zahl der Benutzer:innen des digitalen Raums nur funktionieren könnte, wenn der Kreis derjenigen, die gestalterisch und auf Systemebene eingreifen konnten, überschaubar blieb.
Interessanterweise gab es bezüglich dieser Überzeugung auch von dort keine Einwände, wo man sich doch dezidiert für die Interessen des Bundespersonals stark machte. So sprach man in den 1980er und 1990er Jahren auch in Schweizer Gewerkschaftskreisen nur spärlich über die digitale Transformation und ihre Auswirkungen auf die neuen User:innen. Zwar thematisierten die Gewerkschaften das Aufkommen neuer, technisierter Arbeitsplätze im Büro (sogenannte Bildschirmarbeitsplätze) und forderten regelmäßige Pausen und eine Begrenzung der Arbeitszeit am Bildschirm. Kaum aber gingen sie auf inhaltliche Fragen des Einsatzes von Computern ein. Dass das Personal durch einen stetigen Wissensrückstand in neue und unvorteilhafte Abhängigkeitsverhältnisse geraten könnte, davon war weder im öffentlichen Diskurs noch in internen Besprechungen der Gewerkschaften jemals die Rede.22 Dass PC-Anwender:innen in Büroberufen zu selbstständigen Usern und Gestalter:innen des digitalen Raumes wurden und entsprechend ausgebildet werden mussten, wurde weder in der Bundesverwaltung noch bei den Gewerkschaften ernsthaft in Erwägung gezogen.
Dabei sollte man aber nicht auf eine böswillige Absicht des Beamten Schwendener oder ein Versagen der Gewerkschaften schließen. Vielmehr waren es die neuen digitalen Geräte, die eine solche Interpretation vom Umgang mit PCs nahelegten und die Vorstellung speisten, dass keine tiefgreifendend technische Auseinandersetzung mit ihnen notwendig sei. Zwar unterschieden sich PCs technisch nur wenig von herkömmlichen Computern. Damit diese aber passgenau, benutzerfreundlich und anpassungsfähig daherkommen konnten, mussten viele Entscheidungen von Seiten der Entwickler:innen getroffen werden. Benutzerfreundliche Oberflächen beispielsweise sind das Resultat wirtschaftlicher und politischer Interessen und haben eine stark normative Strahlkraft auf PC-User:innen. Sie beeinflussen auf radikale Art und Weise, wie diese mit ihren digitalen Geräten umgehen und was sie tun oder bleiben lassen.23
Weil in diese designtechnischen Überlegungen zur Benutzerschnittstelle unter anderem verhaltenspsychologisches Wissen miteinbezogen wurde, konnten die Entwicklerfirmen von »intuitiven« Benutzeroberflächen sprechen.24 Gleichzeitig determinierten gerade diese vermeintlich intuitiven, den angeblich »natürlichen Gewohnheiten« entsprechenden Handlungsaufforderungen in benutzerfreundlichen Programm-Anwendungen das Verhalten der Benutzer:innen und disziplinierten dabei die neuen User. Diese Anwendungen, die in den 1980er Jahren auf PCs liefen und Benutzer:innen »ohne Informatikkenntnisse« überhaupt erst erlaubten, am Computer zu arbeiten, erschwerten gleichzeitig alternative Verhaltensweisen im digitalen Raum.25
Damit Computer massenhaft in Büros eingesetzt werden konnten, musste der Bewegungsradius für den Einzelnen am eigenen Rechner so weit wie möglich eingeschränkt werden. Das technische Design von Personal Computern legte bestimmte Handlungsweisen nahe und erschwerte andere. Anwenderfreundliche Oberflächen und andere designtechnische Eigenschaften des PCs trieben diese sich entwickelnde Wissensasymmetrie voran, weil sie es vielen neuen Benutzer:innen erlaubten, sich nicht mit Computern im technischen Sinne auseinanderzusetzen. Dass sich im Zuge der Entwicklung des PCs zur Büromaschine der IT-Service als Geschäftsmodell herausgebildet hat, scheint unter diesen Umständen nur konsequent. Technische Probleme konnten delegiert und mussten daher nicht vom User selbst angegangen werden.26 Ein angepasstes Schulungsangebot und die Kategorisierung von Benutzergruppen, wie bei der Schweizer Bundesverwaltung, zementierten diese Asymmetrie und schufen strukturelle Stabilität in Hinblick darauf, dass nun massenhaft Computer-Benutzer:innen auf die internen Systeme zugreifen konnten. Die ungleiche Verteilung von Informatikwissen ermöglichte es in der Folge denjenigen, die etwas von Computern verstanden, sich als die alleinigen Gestalter [sic!] des sich ausweitenden digitalen Raumes zu inszenieren.
Fußnoten
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1
Jon Agar, The Government Machine. A Revolutionary History of the Computer, Cambridge/London 2003, online https://monoskop.org/images/c/c5/Agar_Jon_The_Government_Machine_A_Revolutionary_History_of_the_Computer.pdf; Atsushi Akera, Engineers or Managers? The Systems Analysis of Electronic Data Processing in the Federal Bureaucracy, in: Agatha C. Hughes/Thomas P. Hughes, Systems, Experts, and Computers. The Systems Approach in Management and Engineering, World War II and After, Cambridge MA 2000, S. 191-220; Julia Fleischhack, Eine Welt im Datenrausch: Computeranlagen und Datenmengen als gesellschaftliche Herausforderung in der Bundesrepublik Deutschland (1965-1975), Zürich 2016.
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2
Vgl. u.a. Agar, The Government Machine; Martin Campbell-Kelly u.a., Computer. A History of the Information Machine, New York 1996; Paul E. Ceruzzi/Thomas Haigh, A New History of Modern Computing, Cambridge, MA/London 2021; David Gugerli, Wie die Welt in den Computer kam. Zur Entstehung digitaler Wirklichkeit, Frankfurt a.M. 2018.
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3
Fritz Schwendener, BFO, KFA, Persönliche Computer für Verwaltungsaufgaben? Eine Studie mit Informationen, Empfehlungen und Einsatzkonzept für die Bundesverwaltung, 1983, S. 54, Schweizerisches Bundesarchiv E6502-01#1993/126#272*, S. 1.
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4
Ebd., S. 1.
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5
Ebd., S. 2.
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6
Hans Kurt Oppliger, Chef BFO, Einsatz von persönlichen Computern (PC) für Verwaltungsaufgaben, an die Dienststellen der Departemente, die Bundeskanzlei, die Kanzleien der eidg. Gerichte, 6. Februar 1984, BAR E6500#1991/149#16*.
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7
Tatsächlich führte Fritz Schwendener zusammen mit einem Mitarbeiter des Eidgenössischen Personalamts im Frühjahr 1984 Kurse mit dem Titel »Tischcomputer als Arbeitshilfen in Büro und Verwaltung« durch. Der Kurs richtete sich an »Entscheidungsträger und Sachbearbeiter, die danach in der Lage sein sollten einzuschätzen, inwiefern in ihrer eigenen Abteilung ein solches Gerät sinnvoll eingesetzt werden könnte«, vgl. P. Christ, EPA, Mitteilung an die Kursteilnehmer, Kurs: Tischcomputer als Arbeitshilfe in Büro und Verwaltung, 5. Januar 1983, BAR E6500#1991/149#16*39*.
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8
Ebd., in der vorangestellten Zusammenfassung.
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9
Ebd., S. 1.
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10
Zur frühen Computerarbeit in der Schweizer Bundesverwaltung siehe: Nick Schwery, Die Maschine programmieren. Computer und Schweizerische Bundesverwaltung, 1960-1980, Bern 2023; Ricky Wichum, Die Datenverarbeitung der Schweiz. Zur Informatik der staatlichen Verwaltung, 1960-1986, Paderborn 2026.
- 11
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12
Schwendener, BFO, KFA, Persönliche Computer für Verwaltungsaufgaben?, S. 29f.
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13
Ebd., S. 4, 13 und 24f.
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14
Ebd., S. 31f.
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15
Ebd., S. 31.
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16
Nach Einschätzung Schwendeners waren Textverarbeitungssysteme für PCs noch nicht ausgereift, sodass es zu diesem Zeitpunkt keinen Sinn ergebe, Computer für Textverarbeitungsaufgaben zu nutzen, vgl. ebd., S. 24.
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17
Ebd., S. 31f.
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18
Diese wurden oft von privaten Unternehmungen oder den Herstellerfirmen selbst angeboten. Die Firma DEC beispielsweise bot für die zukünftigen Benutzer:innen ihrer Geräte in ihrem Ausbildungszentraum in Kloten sogenannte Einweisungskurse an, die jeweils zwei Tage dauerten, siehe: DEC, Computer-Start mit Professional u. Computer-Start mit Rainbow, Schulungskurs, 1983/1984, BAR E6500#1991/149#16#39*.
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19
J.-M. Donnet, KFA, Informatikausbildung der Benützer in der Bundesverwaltung, ans Eidg. Personalamt, 22. Juni 1987, Beilagen, BAR E6502-01#1993/126#315*, S. 1. Der Kurs wurde vom Bundesamt für Organisation und dem Personalamt angeboten. Ein Großteil des Kursinhalts stammte aber immer noch von externen Anbietern, in diesem Fall von der Firma Advanced Systems GmbH aus Düsseldorf und der Migros Klubschule in Bern, siehe: ebd.
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20
Ebd.
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21
BFO, Uebersicht über die Informatikausbildung der Benützer in der Bundesverwaltung. Entwurf, 12. Mai 1987, BAR E6502-01#1993/126#315*.
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22
Das zeigen die Protokolle der Delegiertenversammlung und der Geschäftsleitung des Föderativverbands des Personals öffentlicher Verwaltungen und Betriebe (FöV) und des Personalverbands des Bundes (PVB), deren Bestände sich im Schweizer Sozialarchiv finden, sowie die Gewerkschaftszeitung des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) Der öffentliche Dienst zwischen 1980 und 1995.
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23
Zur Geschichte von Benutzeroberflächen vgl. Michael L. Black, Transparent Designs. Personal Computing and the Politics of User-Friendliness, Baltimore 2022, S. 24; zur Normativität von Software siehe Friedrich Kittler, Protected Mode, in: ders., Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993, S. 208-224, online https://monoskop.org/images/b/b0/Kittler_Friedrich_Draculas_Vermaechtnis_Technische_Schriften.pdf.
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24
Black: Transparent Designs, S. 24.
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25
Ebd.
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26
Vgl. dazu Michael J. Halvorson, The Help Desk: Changing Images of Product Support in Personal Computing, 1975-1990, in: Janet Abbate/Stephanie Dick, Abstractions and Embodiments. New Histories of Computing and Society, Baltimore 2022, S. 189-207.