Unser neuer Mitarbeiter heißt Willi
Mediale Inszenierungen von Geschlecht und Kommunikation in der globalen Büroarbeit der 1980er Jahre
»Willi ist seit 1980 ›Mitarbeiter‹ im Werk Leverkusen. Er verfügt im 5. Stock des Gebäudes C105, wo die kaufmännische Ausbildung untergebracht ist, über ein eigenes Büro mit Fensterplatz. In seinem ›Gehirn‹ sind auf zwei Plattenlaufwerken 1.500 Programme gespeichert, die selbstverständlich gegen unberechtigten Zugriff abgesichert sind. Klar, bei Willi handelt es sich um die Datenverarbeitungsanlage der kaufmännischen Berufsausbildung.«1
Mit diesen Worten wurde 1986 in der Bayer-Zeitschrift Unser Werk der Computer für Auszubildende in Büroberufen beschrieben. Der Bildschirm habe die Schreibmaschine bereits in vielen Bereichen abgelöst, weshalb eigene Computer für die Ausbildung unerlässlich seien, berichtete der für den Artikel interviewte Knut Phillips, Leiter der Ausbildung für Büroberufe.2 Durch den Namen Willi wurde dem Computer eine männliche Geschlechterrolle zugewiesen.
In diesem Beitrag analysiere ich, wie sich Geschlechterverhältnisse und Kommunikation in der Büroarbeit seit den 1980er Jahren veränderten. Computer spielten in diesen Neuaushandlungen eine wichtige Rolle. Dabei blicke ich einerseits nach Deutschland und andererseits nach Lateinamerika. Die ausgewählten Quellen stammen aus Fachzeitschriften für Bürotechnik und Sekretärinnen sowie aus hauseigenen Zeitschriften multinationaler Unternehmen, die Standorte in verschiedenen Weltregionen hatten. Hinzukommen Werbeanzeigen von Computerfirmen, die über Bilder und Slogans Geschlechterrollen für die Computernutzung vermittelten. Auch Karikaturisten griffen das Thema Computernutzung begeistert auf und zeichneten auf vielfältige Weise Dialoge zwischen Menschen und den neuen Geräten. Die Bilder und Karikaturen sind häufig nicht namentlich gekennzeichnet, doch ihre Darstellung der Geschlechterrollen legt die Vermutung nahe, dass sie mehrheitlich von Männern erstellt wurden. Insofern dominiert in diesen Quellen ein männlicher Blick auf die Geschlechterverhältnisse in den Büros.
Im ersten Teil des Beitrags geht es um die Veränderung von Büroarbeit in den 1980er Jahren und die besonderen Herausforderungen in Lateinamerika. Anschließend rücke ich die zeitgenössischen Debatten über Geschlechterverhältnisse und Arbeitsverteilung in den Mittelpunkt und analysiere abschließend, wie sich unterschiedliche Akteur:innen die Kommunikation zwischen Menschen und Computern vorstellten und dabei den Computern menschliche Züge zuschrieben.
Steckbrief Quelle
Zeitschriftenbeiträge, Werbeanzeigen und Karikaturen zum Thema globale Büroarbeit- aus
- Argentinien, Bundesrepublik Deutschland, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru
- Datum
- 1980er Jahre
Der Einzug von Computern in den Büroalltag als globaler Prozess
Ein eigener Computer auf dem Schreibtisch war in den frühen 1980er Jahren keine Selbstverständlichkeit. Zwar nutzten Firmen bereits Großrechner und hatten auch einzelne Arbeitsplätze damit verbunden, doch Personal Computer waren sehr teuer, sodass die vollumfängliche Ausstattung eine hohe Investition bedeutet hätte. Im Laufe der 1980er Jahre kamen mehr Personal Computer auf den Markt; die Preise begannen zu sinken. Für die Unternehmen war es angesichts der vielen, oft kurzlebigen Angebote schwer, den Markt für Computer zu überblicken und sich für ein Modell zu entscheiden.
Die neuen Geräte lösten einerseits Euphorie und Begeisterung aus. Experten prognostizierten mehr Effizienz, schnellere Ergebnisse und die Freisetzung von Kreativität, da die Computer immer mehr Routinetätigkeiten übernehmen könnten. So versprach etwa eine IBM-Werbeanzeige aus dem Jahr 1984 (Abb. 1), der Computer 5362 würde die Effizienz der Bürotätigkeiten steigern und die Informationsverbreitung im Unternehmen beschleunigen. In ähnlicher Weise hieß es in einer Werbung der Computerfirma Nixdorf 1986, ihre Geräte würden eine »neue Kommunikationsqualität« ermöglichen und die Betriebsorganisation verbessern (Abb. 2). Dagegen fürchteten die Gewerkschaften, die Firmen würden Stellen abbauen und die Überwachung am Arbeitsplatz mit Hilfe von Computern verstärken.3
Immer mehr Firmen rund um die Welt kauften Computer, wobei das Tempo je nach Land und Region unterschiedlich verlief. Auf Grund fehlender statistischer Daten ist eine Bilanz schwierig. Die anfängliche Dominanz von US-amerikanischen Computerfirmen und Software in englischer Sprache provozierte erste Diskussionen über digitale Ungleichheiten. In Lateinamerika kontrollierte zunächst die US-amerikanische Firma IBM den Computermarkt. Der Einsatz importierter Technik zu hohen Preisen galt Kritiker:innen als Ausdruck des amerikanischen Imperialismus, der Lateinamerika schon lange wirtschaftlich geschadet habe. Auch in politischen Kreisen gab es Forderungen nach einer stärkeren technologischen Unabhängigkeit Lateinamerikas. Eine Computerproduktion im großen Stil gelang allerdings nur in Brasilien. Dennoch hatten lateinamerikanische Firmen seit den 1980er Jahren eine größere Auswahl an Bürocomputern: Neben den US-amerikanischen Anbietern traten nun asiatische Firmen verstärkt auf den Markt.4
Zwar verliefen die Diskussionen über Computer am Arbeitsplatz in Lateinamerika ähnlich wie in Deutschland, aber es zeigten sich andere Herausforderungen: So fand die Einführung der Computer in wirtschaftlich unsicheren Zeiten statt. Die 1980er Jahre waren ein Jahrzehnt der Schuldenkrisen auf dem Kontinent. Einige Länder erhoben hohe Einfuhrzölle auf Computer, wodurch die Preise stiegen.5
Auch mussten die Geräte an instabile Infrastrukturen und die lokalen klimatischen Bedingungen angepasst werden. Es gab in vielen Ländern häufig Stromausfälle und Spannungsschwankungen, die die teuren Geräte beschädigen konnten. Wartungsfirmen spezialisierten sich darauf, Zusatzgeräte anzubieten, und zeigten in ihren Werbeanzeigen Bilder von Büros, in denen die Stromspannung Computer mit zerstörten Bildschirmen hinterließ, aus denen dunkler Rauch aufstieg.6 Eine in Kolumbien veröffentlichte Anzeige der Firma Weston Ltda. versprach, ihre Anlage für unterbrechungsfreie Stromversorgung könne die gesamte technische Ausstattung einer Firma schützen und sei derzeit die effizienteste Lösung auf dem Markt. Außerdem funktioniere die Anlage ohne zusätzlichen Lärm oder einen Anstieg der Temperatur; ein Hinweis darauf, dass derartige Geräte den Geräuschpegel und das Arbeitsklima verändern konnten (Abb. 3).
Eine weitere Herausforderung stellten Sprache und Software der Programme dar. Viele Büroangestellte in Lateinamerika hatten keine Englischkenntnisse und wünschten sich spanisch- oder portugiesischsprachige Programme. Zudem entsprach die importierte Software weder den Bedürfnissen der lokalen Verwaltung, noch war sie an die Besonderheiten der jeweiligen Gesetzgebung angepasst, was sich etwa bei Buchhaltungsprogrammen als schwierig erwies. Deshalb versuchten lokale Firmen, alternative Programme auf den Markt zu bringen.7 Die US-amerikanischen Computerfirmen reagierten darauf, indem sie Mitte der 1980er Jahre in ihren Werbeanzeigen spanischsprachige Office-Pakete anpriesen. Eine Anzeige der Firma HP zeigt im Zentrum einen großen Monitor mit der Aufschrift »Español«, während der Slogan erläutert, HP führe damit die ideale Sprache für das Büro ein. Das Auswahlmenü auf dem Bildschirm zeigte eine Textverarbeitung, ein Email-Programm sowie eine Bürokommunikations- und eine Tabellenkalkulations-Software an (Abb. 4). HP versprach, mit diesem Angebot globale Kommunikation zu ermöglichen, die Büroarbeit zu beschleunigen sowie eine effizientere Arbeit im gesamten Unternehmen.
Trotz der Effizienzversprechen der Firmen gab es in der Arbeitspraxis zahlreiche Probleme: Die Beschäftigten kämpften mit Kabelgewirr, lauten Nadeldruckern, Speicherfehlern auf Disketten und komplizierten Anleitungen für die neuen Geräte. Jedes Mal, wenn ein Nachfolgegerät oder neues Programm angeschafft wurde, mussten sie sich erneut einarbeiten. Viele Angestellte empfanden die ersten Schulungsangebote der Unternehmen als unzureichend und äußerten Kritik. Erst Schritt für Schritt bauten die Firmen ihr Kursangebot aus und richteten Hotlines zur Lösung technischer Probleme ein.8
In der Firma Merck fanden ab 1984 Weiterbildungen für die Arbeit am Personal Computer Sirius statt. Ein Foto, das in der Mitarbeiterzeitschrift veröffentlicht wurde, zeigt den männlichen Leiter der Weiterbildung, die Computer und sechs Frauen. Die Bildunterschrift wies dem Computer eine männliche Rolle zu: »Sirius kann viel, aber für den reizenden Damenflor um sich herum hat der Computer keinen Blick. Einer der ersten Ausbildungslehrgänge beim Gruppenbild mit einem Herrn und zwei ›Siriussen‹.«9 Geschlechterrollen spielten in der Auseinandersetzung mit Computern am Arbeitsplatz immer wieder eine wichtige Rolle. Dabei ging es um Technikkompetenz, Hierarchien und Arbeitsverteilung.
Geschlechterverhältnisse in der Büroarbeit
Mit dem Einzug der Computer ins Büro wurde die Arbeitsverteilung zwischen Männern und Frauen in Frage gestellt: Wer sollte an den neuen Geräten arbeiten? Wie sollten die Schreibarbeiten in Zukunft organisiert werden? Würden Sekretärinnen ihren Job verlieren?
Seit dem späten 19. Jahrhundert hatten mehrheitlich Frauen die Schreibarbeiten im Büro übernommen. Schreibmaschinenfirmen priesen in ihrer Werbung die vermeintlich höhere Geschicklichkeit weiblicher Hände für das Tippen und stellten Assoziationen zum Stricken oder Klavierspielen her.10 Firmen mit vielen Mitarbeiter:innen richteten seit den 1930er Jahren Großraumbüros mit Schreibpools ein, in denen Frauen alle anfallenden Schreibtätigkeiten erledigten. Zwischen den 1940er und den frühen 1960er Jahren arbeiteten in Ländern wie den USA oder Großbritannien zahlreiche Frauen an der Bedienung und Programmierung von Computern.11 Danach erfolgte jedoch eine schnelle Maskulinisierung des Programmierens, sodass das Arbeiten am Computer immer stärker als männliche Tätigkeit angesehen wurde.
In der Büroarbeit begann seit den 1980er Jahren eine Neuverhandlung der Geschlechterrollen in Bezug auf Schreibtätigkeiten, Terminplanung und Büroorganisation. In den Quellen der 1980er Jahre finden sich unterschiedliche, mitunter widersprüchliche Hinweise zur veränderten Geschlechterordnung im Büro. Die Fotos in Bürozeitschriften zeigen Männer und Frauen, die allein oder im Großraumbüro an Computern arbeiten, manchmal konzentriert auf den Bildschirm blicken oder auch miteinander sprechen (Abb. 5, 6, 7). Sie schreiben Texte, erstellen Tabellen oder nutzen Datenbanken. Ebenso vielfältig sind die sprachlichen Hinweise. Einige Computer wurden gezielt als »Sekretärinnen-Computer« vermarktet, wie etwa ein Gerät der Firma Wang in der Zeitschrift BZB-Sachmagazin für Bürotechnik und EDV.12
Andere Computer erschienen in der Werbung als Gerät für männliche Führungskräfte, wie etwa in einer Nixdorf-Anzeige aus dem Jahr 1986, die einen Unternehmer im Ledersessel an einem großen Holzschreibtisch zeigt, unter dem sein Sohn, der zukünftige »Junior«, spielt (Abb. 8).13 Die Anzeige sollte verdeutlichen, dass auch die kommende Führungsgeneration auf Computer angewiesen sein werde. Doch nicht immer waren die Zuweisungen so eindeutig, wie etwa wenn von der »Abnehmergruppe ›Chef/Sekretärin‹« gesprochen wurde; eine Zuschreibung, die offen ließ, wer hauptsächlich am Computer arbeiten würde.14 Dies spiegelt die damalige Unsicherheit wider.
Die 1980er Jahre waren eine Phase, in der traditionelle Rollen fortlebten, aber gleichzeitig neue Arbeitspraktiken entstanden, die die alten Rollen herausforderten. So sah etwa eine kolumbianische Sekretärinnen-Zeitschrift in der Computernutzung Chancen für eine stärkere Anerkennung der Berufsgruppe. Einzelne Sekretärinnen berichteten über anfängliche Ängste, die sie jedoch schnell überwunden hätten. Andere beschrieben den Computer als »eine Art Freund«, der sie bedingungslos unterstütze.15
Immer wieder finden sich in den Quellen Aufstiegsversprechen, die allerdings die Unterstützungsfunktion von Sekretärinnen für die männlichen Vorgesetzten betonen, wie etwa in einem Artikel, der im April 1985 in der Zeitschrift BZB-Sachmagazin für Bürotechnik und EDV erschien. Darin hieß es: »Auch die Sekretärin profitiert von dem Einsatz eines Mikros [Mikrocomputers]: vor allem durch leichtere Arbeit, mit der sie schneller fertig wird. Die gewonnene Zeit kann sie nutzen, um – weitgehend mit Hilfe ihres Computers – ihrem Chef stärker als bisher bei seinen Aufgaben zu helfen. So entwickelt sie sich zu seiner Assistentin.«16
Die Sekretärinnen-Zeitschriften verbreiteten überwiegend positive Botschaften und forderten, die Angehörigen der Berufsgruppe müssten den Umgang mit elektronischen Technologien beherrschen, um in Zukunft erfolgreich zu sein.17 Im Jahr 1990 berichtete die Firmenzeitschrift Merck informiert über eine Podiumsdiskussion zum Thema »Die Sekretärin im Wandel der Zeit«, auf der folgendes Fazit gezogen wurde: »Die Sekretärin wird sich in Richtung Partnerin im Management entwickeln und mehr Assistenzfunktionen übernehmen. Das heißt, die Mitarbeiterin ist mehr als eine ›Befehlsempfängerin‹. Der Chef läßt sie an seiner Arbeit teilhaben. Die Sekretärin wächst so in die Entscheidungsvorbereitung hinein und gewinnt an Erfahrung.«18
Jenseits dieser positiven Prognosen beschäftigte Angestellte und Gewerkschaften die Frage, ob der Computer Schreibkräfte und Sachbearbeiter:innen ersetzen könne und somit Entlassungen zu befürchten seien. Die Unsicherheit hielt einige Jahre an. Sozialwissenschaftliche Studien prophezeiten vielfach die drohende Arbeitslosigkeit von Schreibkräften.19 Dennoch verweisen die historischen Quellen genauso auf Fälle, in denen Frauen Computer für den beruflichen Aufstieg nutzten bzw. sich die neuen Kenntnisse souverän aneigneten.20
Wie schnell sich die Beschäftigten auf Computer einließen, hing u.a. von Alter, Stellung im Unternehmen und Schulungsangeboten ab. In einigen Fällen verweigerten Manager die Computernutzung oder überließen ihren Sekretärinnen zunächst diesen Bereich. Darauf verweist der 1985 erschienene Artikel »Computer erreichen die Chefs« (Abb. 9).
Danach zirkulierten zahlreiche Mutmaßungen darüber, warum die Manager zwar Computer in den Unternehmen einführten, aber selbst nicht an den Geräten arbeiteten. Mitte der 1980er Jahre sei dies jedoch anders geworden, da bedienungsfreundlichere Geräte auf den Markt gekommen seien, die besseren Datenschutz erlaubten, so das Fazit des Artikels. Sobald sich Manager auf Computer eingelassen hatten, übernahmen sie selbst einen Teil ihrer Korrespondenz und begannen den Terminkalender über Bürokommunikationssysteme zu führen, weshalb Sekretärinnen einen Bedeutungsverlust fürchteten.21 Insofern brachten Computer lang etablierte Geschlechterverhältnisse in der Arbeitsverteilung ins Wanken.
Die Werbung aus den 1980er Jahren bekräftigte häufig weitgehend traditionelle Geschlechterverhältnisse im Büro: Sie zeigte männliche Vorgesetzte, die Anweisungen gaben, und Sekretärinnen, die am Computer tippten. Gleichzeitig rückte sie zunehmend männliche Führungspersonen in den Fokus, die Computer selbst bedienten und ohne Assistenz auskamen. Frauen in Führungsrollen tauchten in der Werbung nicht auf, obwohl die männliche Dominanz in den Chefetagen aufzubrechen begann. So startete die Firmenzeitschrift Scheringblätter im Jahr 1986 eine Serie über Frauen in Führungspositionen.22
Dennoch sprachen die Texte in deutschsprachigen Bürozeitschriften in den 1980er Jahren von Managern und Sachbearbeitern nur in der männlichen Form und von Sekretärinnen nur in der weiblichen Form.23 Werbeanzeigen und Titelseiten von Bürozeitschriften zeigten häufig stark geschminkte Frauen im Kleid mit hochhackigen Schuhen, in einigen Aufnahmen sogar mit markant gespitzten Lippen bzw. in zurückgelehnter Pose mit auf dem Schreibtisch abgelegten Beinen (Abb. 5 und 10).24 Die Redaktionen konzipierten Inhalte und Bilder für ein männliches Publikum. Dabei gingen sie davon aus, dass männliche Führungskräfte über die Anschaffungen entschieden und sich durch die sexualisierten Illustrationen zum Kauf angesprochen fühlten.
Kommunikation mit Computern: Geschlechterzuschreibungen und Vermenschlichung
Die Arbeit an einem eigenen Computer war eine neue Erfahrung. Ein Teil der Kommunikation in den Unternehmen fand nun über digitale Systeme statt. Mit Bürokommunikationssoftware konnten Angestellte chatten oder elektronische Post versenden. Der englische Begriff E-Mail setzte sich dafür erst später durch. Jedes der neuen Kommunikationssysteme hatte eine eigene Benutzeroberfläche. Leider sind diese frühen Systeme kaum archiviert, sodass sich ihre Nutzung und grafische Gestaltung nur schwer erforschen lässt. Bei ihrer Einführung gab es einerseits die Besorgnis, dass die persönliche Kommunikation unter den Mitarbeiter:innen abnehmen würde. Andererseits berichteten die Beschäftigten, es sei einfacher geworden, Termine zu koordinieren und abwesenden Kolleg:innen Nachrichten zu hinterlassen. Werbeanzeigen, Artikel in Bürozeitschriften und Äußerungen von Unternehmensvertreter:innen enthielten damals häufig Visionen für das Büro der Zukunft. Die Illustrationen zeigten Vorstellungen des vernetzen Arbeitens und des Arbeitens auf Distanz.
Neben der Frage des persönlichen Kontakts beschäftigte die Angestellten auch die Kommunikation mit den Computern selbst. Wie der einleitend zitierte Bericht über die Datenverarbeitungsanlage »Willi« zeigt, gaben die Beschäftigten den Geräten häufig persönliche Namen. Ebenso oft verliehen Zeichnungen oder Karikaturen Computern menschliche Züge, indem der Bildschirm ein Gesicht oder Arme bekam (Abb. 12). Dabei stellte sich auch die Frage nach dem Geschlecht eines Computers. Die Antworten fielen je nach kulturellem Kontext unterschiedlich aus. Im lateinamerikanischen Spanisch gibt es beide Varianten: männlich, el computador, und weiblich, la computadora, wobei die weibliche Form häufiger gebraucht wird. In den Illustrationen finden sich jedoch auch vermenschlichte Computer, deren Geschlecht unklar bleibt.
Viele visuelle Darstellungen vermitteln den Eindruck einer Gesprächssituation zwischen Mensch und Computer (Abb. 11, 13, 16). Kolumbianische Karikaturen charakterisierten Computer als männlich, indem sie sie auf attraktive Kolleginnen reagieren ließen. In einer dieser Karikaturen beschwerte sich ein Mitarbeiter, der Computer sei erneut durch eine hübsche Frau abgelenkt worden, was durch Störsignale auf dem Bildschirm dargestellt wird.25 In anderen Quellen wird dem Gerät eine weibliche Identität zugeschrieben. So wurde der Computer als »beste Kollegin« in einer HP-Werbeanzeige bezeichnet. Diese Kollegin sei so empfindsam, dass sie bei Berührung des Bildschirms bestimmte Aufgaben übernähme (Abb. 13). Das extremste Beispiel für die Zuschreibung von Geschlechterrollen ist eine Karikatur mit einem Computer, dessen Keyboard statt Tasten weibliche Brüste aufweist. Das Gerät identifiziert sich mit folgendem Ausruf als weiblich: »¡Computadora … y no computador!«26 Die Karikatur erschien in einer kolumbianischen Zeitschrift für Computernutzer, die sich an eine mehrheitlich männliche Leserschaft richtete.
Auch die Software-Werbung arbeitete mit Geschlechterzuschreibungen. Eine Philips-Werbeanzeige für das Bürosystem 3000 zeigt das Foto eines Butlers, der auf einem Tablett das Bürosystem präsentiert. Da die Software wichtige Aufgaben übernehme, hätten die Angestellten auf allen Ebenen mehr Zeit zur Verfügung, so der Tenor (Abb. 14).27
In einer paraguayischen Illustration erscheint die Textverarbeitung »Peachtext« als weibliche Person, wobei der Kopf fehlt: Der Körper ist weitgehend durch die Software-Packung ersetzt, aus der Arme und Beine ragen. Die hochhackigen Schuhe und die schlanken Glieder markieren die Figur als weiblich (Abb. 15).28 Auch hier liegt möglicherweise die Intention zugrunde, durch den sexualisierten Körper mehr Aufmerksamkeit für das Produkt zu schaffen. Es ist jedoch nicht klar ersichtlich, ob die Zeichnung Teil einer Werbekampagne war oder aus anderen Gründen publiziert wurde.
Die vermenschlichte Darstellung von Technik lässt sich in der Geschichte häufiger beobachten, so etwa bei Autos.29 Dennoch gibt es auch visuelle Darstellungen, in denen Menschen im Umgang mit Computern an Individualität verlieren. Sie haben keine klar erkennbaren Gesichtszüge mehr oder sind zu einer Kombination aus Computer und Mensch geworden.30 Dies spiegelt diverse Ängste wider: die Angst vor einer Anonymisierung am Arbeitsplatz, die Angst vor der Ersetzung menschlicher Arbeit durch Computer sowie die Angst vor dem Verlust menschlicher Eigenschaften. Eine Karikatur in den Scheringblättern zeigte 1983 ein ausschließlich von Robotern und Computern belegtes Großraumbüro, die den hereinkommenden menschlichen Chef mit »Guten Morgen« begrüßen. Alle Bildschirme zeigen dabei ein lachendes Gesicht (Abb. 16).31 In dieser Vision sind alle Büroangestellten durch Computer ersetzt worden.
Fazit
Die Einführung von Computern in die Büroarbeit war ein globaler Prozess, der in den 1980er Jahren begann und das vernetzte Arbeiten ermöglichte. Dies veränderte die Kommunikation im Büroalltag: Angestellte konnten nun chatten, elektronische Nachrichten schreiben und Dokumente teilen. Gleichzeitig ermöglichte die Benutzeroberfläche der Programme einen Dialog mit Computern. Anfänglich gab es jedoch viele Probleme durch Speicherfehler, fehlende Kompatibilität der Geräte und schlecht bedienbare Software. In Lateinamerika wie auch in anderen Regionen des Globalen Südens stellten sich zudem Herausforderungen durch technische Abhängigkeiten, Probleme mit der Stromversorgung und sprachliche Anpassung der Software. Dies verstärkte negative Emotionen gegenüber Computern. Dagegen verbreiteten Experten und Werbekampagnen Enthusiasmus, indem sie einfachere Arbeit, schnellere Ergebnisse und geschäftlichen Erfolg versprachen.
Die Einführung von Computern veränderte die Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern. Hatte das Tippen an Schreibmaschinen lange Zeit als Tätigkeit von Sekretärinnen gegolten, war das Tippen an den teuren Rechnern für Männer attraktiver, auch wenn es auf beiden Seiten immer wieder Akzeptanzprobleme gab. Für die 1980er Jahre zeigt sich in den medialen Quellen eine Unsicherheit darüber, wer an den Computern welche Aufgaben erledigen sollte. Einerseits gab es Ängste, der Computereinsatz könne zu Entlassungen führen. Andererseits gab es das Versprechen, Computer würden Freiraum für qualifizierte Tätigkeiten schaffen und so den beruflichen Aufstieg ermöglichen. Die Computerwerbung setzte weitgehend auf traditionelle Geschlechterrollen ebenso wie die visuellen Illustrationen in Bürozeitschriften, die immer wieder sexualisierte Frauenkörper zeigten. Sie adressierten damit ein männliches Publikum, eine insofern überholte Zielgruppenvorstellung, weil die Zahl weiblicher Führungspersonen langsam stieg und die Anschaffung von Bürotechnik von Männern und Frauen vorgenommen wurde.
Auch die Kommunikation zwischen Menschen und Computern sorgte in den 1980er Jahren für Unsicherheit. Die damals verbreiteten Bilder zeigen oft Dialoge zwischen den Büroangestellten und Computern, wobei den Computern emotionale Reaktionen zugeschrieben werden. Mit Hilfe von Namensgebungen etablierten die Angestellten eine persönliche Beziehung zum Gerät und wiesen ihm eine Geschlechterrolle zu. In Lateinamerika gab es interessanterweise, auch sprachlich bedingt, männliche und weibliche Zuschreibungen. Das Gegenstück zur Vorstellung von persönlichen Beziehungen mit dem Computer als »bestem Freund« war der Verlust menschlicher Eigenschaften bei den Büroangestellten. Damit wurde den Ängsten vor einer Anonymisierung durch den Computereinsatz Ausdruck verliehen.
Fußnoten
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1
Cornelia von Vitanyi, Willi hat 60.000 Seiten im »Kopf«, in: Unser Werk 2/1986, S. 10.
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2
Ebd.
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3
»Computer. Kollege oder Kontrolleur. Diskussion über die Auswirkung neuer Technologien«, in: Scheringblätter 9/10, 1984, S. 1.
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4
Christiane Berth, The Computerized Office. Emotions, Gender, and Technology in Latin America, 1980-2000, in: dies./Michael M. Prentice (Hg.), Reworking the Computer Age. Histories of Emotions, Work, and Gender, Bielefeld 2026, S. 187-215, https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/f1/ea/be/oa9783839401392WQXJto5J3MUpC.pdf.
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5
Ebd.
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6
Werbeanzeigen der Firma Ingenieria Electrónica Diselec, ACUC Noticias, September - Oktober 1983, S. 17, 30.
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7
»La evolución del computador«, in: Nueva Frontera, 15.03.1982, S. 30-32.
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8
»Tabellenkalkulation mit ›Lotus 1-2-3‹«, in: Scheringblätter 10/1985, S. 5; »Reizthemen auf der Betriebsversammlung Wedding: Computer, Geld und Frauen«, in: Scheringblätter 7/1988, S. 3; »Wenn der PC Rätsel aufgibt«, in: Merck informiert, 23.01.1992, S. 4.
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9
»Mit ›Sirius‹ auf Du und Du«, in: Merck informiert, 20.11.1984, S. 3.
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10
Delphine Gardey, Mechanizing Writing and Photographing the Word: Utopias, Office Work, and Histories of Gender and Technology, in: History and Technology 17 (2001), H. 4, S. 319-352, https://archive-ouverte.unige.ch/unige:76307.
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11
Mar Hicks, Programmed Inequality. How Britain Discarded Women Technologists and Lost its Edge in Computing, Cambridge, MA, 2017; Janet Abbate, Recoding Gender: Women’s Changing Participation in Computing, Cambridge, MA 2012.
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12
»Der ›Büroassistent‹ von Wang«, in: BZB-Sachmagazin für Bürotechnik und EDV (BZB) 4/1985, S. 35.
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13
Nixdorf-Werbung »Wir begleiten Sie in Ihre Zukunft«, in: Das rationelle Büro. Anwendermagazin der Bürokommunikation, Nr. 10, Oktober 1986, S. 12.
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14
»4,4 Millionen brauchen ihn«, in: BZB 4/1985, S. 36.
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15
Übersetzung aus dem Spanischen. »Un elefante blanco cambió mi vida: El procesador de palabras«, in: Secretaria moderna, Juni/Juli 1984, S. 11.
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16
»Mikrocomputer im Chef-Sekretariat«, in: BZB 4/1985, S. 30.
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17
»Nuevos roles para la secretaria«, in: Secretaria moderna, März 1984, S. 18-19; Die Sekretärin – ein Berufsstand im Wandel. Vortrag von Annemarie Weighardt, Vorsitzende des Deutschen Sekretärinnenverbandes, 21.09.1987. J10/1088b, Merck Archiv.
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18
»Mehr als ›Befehlsempfängerin‹ Die Sekretärin im Wandel der Zeit«, in: Merck informiert, 01.11.1990, S. 3.
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19
Maria Oppen, Zukunft von Frauen im Büro – zur arbeitspolitischen Gestaltung geschlechtsspezifischer Erwerbschancen, in: Christine Färber/Dorothea Schäfer (Hg.), Frauen und Ökonomie. Dokumentation zur Ringvorlesung im Wintersemester 91/92 an der Freien Universität Berlin, Berlin 1992, S. 87-119.
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20
Christine Martius-Spitzky, Weiterbildung und Aufstieg, in: Christine Martius-Spitzy/Monika Pelz/Lilo Unterkirchner/Ina Wagner, Frauenarbeit im automatisierten Büro, Wien, Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 1987, S. 222-242.
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21
Juliet Webster, From the Word Processor to the Micro: Gender Issues in the Development of Information Technology in the Office, in: Eileen Green/Jenny Owen/Den Pain (Hg.), Gendered by Design? Information Technology and Office Systems, London 1993, S. 111-123; Monika Pelz, Soziale Beziehungen, in: Martius-Spitzy/Pelz/Unterkirchner/Wagner, Frauenarbeit im automatisierten Büro, S. 134-144.
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22
»Neue Serie über ›Frauen in Führungspositionen‹. Nur jeder 70. Top-Manager ist eine Frau«, in: Scheringblätter 2/1986, S. 1.
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23
»Für Manager, Sekretärinnen und Sachbearbeiter: Eine konkrete Utopie«, in: BZB 3/1985, S. 70.
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24
BZB 4/1985, S. 74; Das rationelle Büro, Nr. 1/2 1986, Titelseite und S. 25.
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25
»Compurisa«, in: ACUC Noticias, September-October 1984, S. 38.
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26
Ebd.
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27
Philips-Werbung »Stets zu Diensten … Bürosystem 3000«, in: Das rationelle Büro. Anwendermagazin der Bürokommunikation, Nr. 3, März 1986, S. 20.
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28
Revista Paraguaya de Informática, 1983, S. 42.
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29
Michael Geuenich, »… gibt es auch mal ein Küsschen auf das Lenkrad.« Anthropomorphisierungen von Technik und die fragile Black Box Automobil, in: Martina Heßler (Hg.), Technikemotionen,Paderborn 2020, S. 271-290.
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30
TeleVideo Werbung, in: Novedades (Mexiko), 16.01.1986, S. A5.
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31
Karikatur, in: Scheringblätter 3/1983, S. 2.